Erinnerungen an Toni

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Unter großer Anteilnahme ist heute unser Kollege Anton J. Seib in seiner Heimatgemeinde Rockenberg zu Grabe getragen worden. Hier erinnern sich Kollegen ganz persönlich an ihn.

Viel zu früh von uns gegangen

Die Trauerhalle auf dem Rockenberger Friedhof war viel zu klein für alle, die gekommen waren, um von Anton J. Seib Abschied zu nehmen. Mit nur 62 Jahren ist der Kollege viel zu früh von uns gegangen.

toni12Es folgen Erinnerungen des Landbote-Teams an den Kollen, der so viel Energie in den Aufbau dieser Zeitung gesetzt hat und der mit uns noch so viele Pläne geschmiedet hatte. Lieber Toni, wir werden uns bemühen, möglichst viel davon umzusetzen.

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„Hast nicht wirklich Ahnung, oder?“

Lokaljournalisten, gerade wenn sie in eine neue Redaktion kommen, erwartet jeden Tag (mindestens) eine Herausforderung. Eine besonders große, weil nicht einzuschätzende, war für mich Anfang der 1990er Jahre der Auftrag, über die Stadtverordnetensammlung Butzbach zu berichten. Als Vertretung für einen Kollegen. Da musste ich durch.  Ausreden waren viele im Kopf, ausgesprochen hätte ich sie eh nicht. Denn das „Nein“ von unserem FR-Redaktionsleiter Peter Gwiasda in der Redaktion in Friedberg wäre mir sicher gewesen. Ausreden hat er stets erkannt.

Also:  Platz nehmen im Butzbacher Bürgerhaus auf der Bank für die Pressevertreter. Neben mir nur männliche Kollegen. Da galt es Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Also Block und Stift raus (mehr brauchte man damals als Journalist neben seiner Neugier, seinem Interesse und dem gelernten Handwerk nicht, um über Menschen, Methoden oder Missstände zu schreiben). Kein Handy, kein Laptop, kein Internet. Auf dem Block die Namen des Bürgermeisters, der Fraktionsvorsitzenden. Dazu die Tagesordnung.

Und nachdem die Kollegen realisiert hatten, dass ich wohl eine Neue in der Runde der Wetterauer-Journalisten war, mir dennoch eher zögerlich einen Platz eingeräumt hatten, traf mich ein verschmitzt-schelmischer Blick hinter Brillengläsern und ein frech-wissender Zug um die Lippen des Mannes, der für mich zur Seite gerückt war. „Hast nicht wirklich Ahnung, oder?“ Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich „nicht wirklich“ sagte oder „ne, überhaupt keine“.

Aber daran, dass der Kollege von der Butzbacher Zeitung, damals zu mir sagte: „Schreib auf, was Dir wichtig ist. Merke Dir, wer es gesagt hat, wie der aussah. Wenn Dir ein Name fehlt oder die Parteizugehörigkeit, frag mich.“ Das habe ich getan und meinem Bericht aus der Butzbacher Stadtverordnetenversammlung merkte niemand an, dass es der erste seiner Art war.

Der Kollege war Toni Seib.

Danke
Corinna

Der Maler

Toni hat nicht nur mit Worten gearbeitet, sondern auch mit dem Pinsel unter dem Künstlernamen Anjot. Erste Ausstellungen seiner Werke hatte er im Kloster Arnsburg und in Schwetzingen.

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„Stier“ von Anjot

Er war gerade dabei, eine Internetseite mit seinen Werken aufzubauen. Dort stellt er sich so vor:

„Ich bin kein Künstler, ich mache Bilder. Ich arbeite gegen akademische Traditionen, wehre mich gegen eingeübte Sehweisen. Mir ist über die Jahre gewahr geworden: Meine Hände, geführt von einem unbekannten Etwas in mir, können Dinge schaffen, die der Bilderflut standhalten. Das genügt mir.

Anton J. Seib
geb. 1953, Autodidakt von Beginn an
Schulausbildung früh abgebrochen
Justizangestellter bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt
diverse Jobs
Abitur 1974 am Abendgymnasium Gießen
Journalist geworden
Germanistik– und Politikstudium
lange Jahre Redakteur bei der Frankfurter Rundschau
immer kreativ tätig gewesen, intens­iver seit Mitte der 1990er Jahre
lebt und arbeitet in Rockenberg
liebt Schwetzingen.“

 Drei Dinge

Wenn ich an Toni denke und unsere fast wöchentlichen Treffen in meinem Büro in Friedberg, kommen mir drei Dinge in den Sinn, die ich sehr vermissen werden. Seine herzliche Umarmung, die unerlässliche Wasserflasche auf dem Tisch und seine Streitbarkeit für Dinge, die ihm wichtig waren.

Jutta Himmighofen-Strack

Der Koch

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Anton brät in meiner Küche sehr fachmännisch Lammfilet.                                                                    Ursula Wöll

Die einzige Umarmung

Anders als Jutta bin  ich niemals von Toni  herzlich umarmt worden.   Bei  Männern machte er das neumodische Küsschen-Geben und An-die-Hüfte-Fassen nicht mit. Mutt jo nich ween. Unsere Freundschaft kannte auch Distanzen und Meinungsverschiedenheiten.

Nur einmal hat mich Toni umarmt.  Das war 2007, als ich bei unserer jährlichen Radtour an der Mosel kopfüber und ohne Helm  einen steilen waldigen Abhang hinunter gepurzelt bin. Ein abgebrochener Ast bohrte sich in meinen Oberschenkel und rettete mir das Leben. Nachdem ich den Hang hinaufgekrochen war, fanden mich die anderen. Entsetzt und erleichtert nahm mich Toni in die Arme.  Seitdem war ich mir seiner Freundschaft sicher.

Klaus Nissen

Als Journalismus noch Spaß machte

Dezember 1989. Kreistagssitzung. Landrat Herbert Rüfer (SPD) verkündet bedenkliches. Erstmals klafft ein Loch in der Kreiskasse. Voraussichtlich um zehn Millionen D-Mark werden die Einnahmen die Ausgaben überschreiten. Die Rücklage ist auf drei (!) D-Mark geschrumpft. Das Mitleid der versammelten Wetterauer Presse ist geweckt. In der Mittagspause geht unter den Journalisten der Hut für den bettelarmen Kreis um. 8,11 Märker kommen zusammen. Toni übergibt dem Landrat die Spende.

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Gewerkschafter auf Radtour

Mächtige Steigungen hatten die Teilnehmer der ersten dju-Radtour 1994 zu bewältigen. Das Elsaß war als Ziel auserkoren worden. Toni hatte die Tour organisiert – und fuhr mit gutem Beispiel vorneweg.

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Toni anno 94 am Ende einer mächtigen Steigung. Leider gibt es solche schicken Fahrradhelme und Klamotten heute nicht mehr.

In späteren Jahren gab es noch diverse Touren in süddeutschland, Tschechien, Nordhessen, zuletzt 2014 durch Mecklenburg. Meistens waren sie sehr harmonisch – außer am 1. Mai  2010.  Die Fahrradfreunde hatten damals die Schnapsidee, mit ihren Tourenrädern am Event „Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn“ teilzunehmen. Um mal das Radeln auf einer gesperrten Autobahn zu erleben. Breit gefächert rollten sie am Ende der Tour gemütlich in den schmalen Zieleinlauf, als von hinten hektische Schreie gellten; „Weg da!“ „Haut ab!!“ Und zwei Sekunden später die Möchtegern-Profis mit ihren 4000-Euro-Rennrädern eine Handbreit an Toni und seinen Kumpels vorbei ins Ziel zischten. Wenig später auf dem Umkleideplatz rotteten sich die Raser zusammen und drohten den Freizeitradlern Ungemach an, falls sie sich jemals wieder bei diesem Renn-Event blicken lassen sollten. Wahrscheinlich haben uns nur Tonis breite Schultern vor einer Tracht Prügel bewahrt.

Tonis Rituale

Rituale sind hilfreich, wenn der Alltag unkalkulierbar ist.  Klar war stets: Gegen 18 Uhr mussten drei bis vier Aufmacher und Aufsetzer unsere Seiten schmücken. Recht häufig hatten wir morgens um elf noch keine Ahnung, welche das sein würden. Toni wurde trotzdem nie nervös – er hatte stets einen Speicher mit Ideen im Hinterkopf. Um ihn zu öffnen, nutzte er einen Schlüsselreiz: Gleich nach seiner  Ankunft in der Bad Homburger FR-Redaktion schlüpfte er in seine Birkenstock-Haussandalen und stellte eine große Wasserflasche auf den Schreibtisch.  Auf geht`s! Telefonieren und Recherchieren.

Kurz vor zwölf wurde Toni stets unruhig. Sein Magen meldete pünktlich Ansprüche an. Dann erschien Toni in meiner Zimmertür und fragte; „Wohin?“ Mal zum Asiaten, mal in die Pizzeria und gelegentlich auch in ein Gasthaus mit deutscher Küche.  Am liebsten zog es ihn allerdings in ein sehr enges Kebaprestaurant an der unteren Louisenstraße mit dem schönen Namen „Ützel Brützel“ , Nur die ausgezeichnete Suppenstube schräg gegenüber hat er nie betreten – offenbar, weil Suppen für ihn keine vollwertige Mahlzeit darstellten.

Klaus Nissen

 

2 Gedanken zu „Erinnerungen an Toni“

  1. Wow!!!
    Ich bin überwältigt von euren tollen Anekdoten über unseren geliebten Toni!
    Genau so war ER!
    Das sind sehr schöne Geschichten und wundervolle Erinnerung für die ganze Familie.
    Vielen vielen Dank

    P.S.: Toni, wir vermissen dich!!!

    Timm Bayer

  2. Toni Seib hatte viele unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen. An zwei erinnere ich mich besonders:

    In jüngster Zeit produzierte er auch Filme. Wer ihn virtuell noch einmal als Kameramann und Kommentator erleben möchte, sollte den Beitrag im „Landboten“ vom 14. September 2014 über eine Pilzexkursion im Taunus aufrufen. Als Protagonist dieses Streifens bewerte ich: Sehr professionell!
    Vor einigen Wochen plauderten wir intensiv über ein anderes gemeinsames Hobby, nämlich die Herstellung guter Apfelweine. Sein letztjähriger sei völlig missraten. klagte er und kündigte an, niemals mehr zu keltern. Ich versicherte ihm meine Hilfe und gab auch meine letzten Kellergeheimnisse preis. Ich meine, ihn umgestimmt zu haben.
    Beim Apfellesen und -keltern im Herbst werde ich an Toni denken und trauern.

    Peter Gwiasda

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