Dorfbeweger

Pioniere der E-Mobilität in Effolderbach

Von Corinna Willführ

Als Impulsgeber für E-Mobilität im ländlichen Raum verstehen sich die Dorfbeweger Effolderbach. Der Verein organisiert und koordiniert in einem Modellprojekt die Nutzung von fünf Lastenrädern, mehreren Pedelecs und zwei Car-Sharing-Autos – alle mit Elektroantrieb.

Der rund 500 Einwohner zählende Ortenberger Stadtteil ist seit Januar 2020 Modelldorf in dem vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit geförderten Programm „Integrierte Mobilität im ländlichen Raum“ mit dem Forschungszentrum Jülich als Projektträger.

Als die Stadt Ortenberg im August 2017 eine Befragung in 3500 Haushalten ihrer zehn Ortsteile zum Mobilitätsverhalten der Menschen durchführte, hatten die Effolderbacher die Nase vorn. Die Bürgerinnen und Bürger des 541 Einwohner zählenden Stadtteils zeigten das größte Interesse daran, an einem Projekt mitzuwirken, in dem klimafreundliche Alternativen zur Autonutzung ausgelotet werden sollten. Seit Januar 2020 ist Effolderbach nun Modelldorf in dem vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit geförderten Programm „Integrierte Mobilität im ländlichen Raum“ mit dem Forschungszentrum Jülich als Projektträger.

Multimodales Mibilitätskonzept

Vor Ort sind es die „Dorfbeweger“, die ihre Mitbürger motivieren, „einen Mobilitätswandel zu vollziehen“. Mit Rat und Tat. So informieren die Mitglieder des im Juni 2020 gegründeten Vereins nicht nur theoretisch über die Bausteine des „multimodalen Mobilitätskonzepts“, sondern fahren auch praktisch Werbung für dieses. Denn ob E-Lastenrad, Pedelec oder Elektro-Auto: Alle Fahrzeuge zeigen das grün-blaue Logo und den Schriftzug der „Dorfbeweger“. Für die Erstellung der Stellplätze mit Ladestation für E-Autos erhielt das vom Magistrat der Stadt Ortenberg eingereichte Projekt aus dem Regionalbudget 12.454,93 Euro.

Pia Heidenreich-Herrmann und Bernd Göttmann werben für den Einkauf mit den E-Lastenräder. (Fotos: Corinna Willführ)

Zurzeit besteht die Flotte – allesamt klimafreundlich mit Elektroantrieb – aus fünf Lastenrädern (drei in Effolderbach, je eines in Konradsdorf und Bergheim), zwei E-Klapprädern mit Standort Ortenberg und einem E-Bike in Effolderbach. Nach telefonischer Anmeldung können diese kostenlos ausgeliehen werden. Für die Dauer der Nutzung – maximal 24 Stunden pro Buchung – wird an der Ausleihstelle eine Überlassungsvereinbarung geschlossen. Einmalig zehn Euro kostet die Registrierung bei der Stadtverwaltung, wenn man eines der beiden Car-Sharing-Fahrzeuge nutzen möchte. Für den Betrag erhält man einen Chip auf seinen Führerschein, durch den sich ein Renault Zoe (Akku-Reichweite: 300 Kilometer) oder ein Street-Scooter-Work (Akku-Reichweite: 80 Kilometer) öffnen lassen. Beide stehen in der Ringstraße am Effolderbacher Friedhof, wo sich auch die Ladesäule befindet. Zu buchen sind sie im Internet über RegioMobil. Die Hotline ist 24 Stunden erreichbar. Der Nutzer hat nur die genutzte Zeit und die tatsächlich gefahrenen Kilometer zu bezahlen. Die Tarife sind zweigeteilt. Zeitlich von 7 bis 22 Uhr (zwei Euro pro Stunde) und 22 bis 7 Uhr (ein Euro/Stunde) und nach der Entfernung (bis 100 Kilometer 24 Cent/km, danach 15 Cent/km). Der Betrag wird abgebucht.

Nutzen statt besitzen

„Wir möchten Mobilität bieten, die allen unseren Dorfbewohnern, jung wie alt, auch in Zukunft individuelle Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht“, sagt Pia Heidenreich-Herrmann. Die Diplom-Ingenieurin, in der Stadtverwaltung zuständig für Bauvorhaben, Liegenschaften und Projektleitungen, ist auch Klimaschutzmanagerin. 25 Prozent der CO2-Emissonen pro Kopf entstehen durch Mobilität, weiß die Expertin. Dass es aufgrund der Ausstattung des öffentlichen Personennahverkehrs schwierig ist, auf dem Lande auf ein Auto zu verzichten, ist Pia Heidenreich-Herrmann bewusst. Doch muss es immer das eigene sein? Braucht es pro Haushalt zwei oder noch mehr umweltschädliche Benziner oder Diesel? Pia Heidenreich-Herrmann hat errechnet, dass ein Haushalt durch den Verzicht auf ein Zweitauto und die Nutzung des Car-Sharing jährlich 3000 Euro sparen könnte. „Im ländlichen Raum sind die Ausgaben für die Mobilität ein großer Kostenfaktor für Familien.“ Zudem stünde ein Großteil der Autos den größten Teil des Tages. „Wieso also nicht Nutzen statt Besitzen.“ Das könne auch für die Räder mit E-Antrieb gelten, mit denen kleinere Strecken etwa zum Einkaufen nicht nur klimafreundlicher, sondern mitunter sogar in kürzerer Zeit als mit dem Auto zurückgelegt werden können. „Das größte Hindernis beim Umsteigen auf neue Formen der Mobilität ist das Ändern der Gewohnheiten“, sagt Heidenreich-Herrmann. Und ganz wichtig: „Je mehr Menschen daran mitarbeiten, umso größer ist die Identifikation.“

Der Anfang ist gemacht: In Effolderbach stehen zwei E-Autos für das Carsharing bereit.

Bernd Göttmann ist einer der Pioniere der „Dorfbeweger“. Der wöchentliche Lebensmitteleinkauf beim Discounter: „den erledige ich nur noch mit dem Lastenrad.“ Mitstreiterin Brigitte Port nutzt das Car-Sharing-Angebot regelmäßig. „Ich überlege auch schon, mein Auto eventuell ganz abzuschaffen.“

Ladestationen für E-Autos gefördert

Das Mobilitätskonzept für Effolderbach sieht darüber hinaus auch die Nutzung von Privatautos durch mehrere Fahrer und Fahrerinnen vor. Doch da gilt es noch versicherungstechnische Fragen zu klären. Als weitere Module sollen ein Bürger- beziehungsweise Pendlerbus und Mitfahrbänke auch in anderen Stadtteilen das Konzept komplettieren. Doch Corona hat auch die „Dorfbeweger“ teilweise ausgebremst. So musste eine bereits für den April 2020 vorgesehene Informationsveranstaltung abgesagt werden. Umso mehr freute sich Pia Heidenreich-Herrmann über die Resonanz und „die gute Diskussion“, die jüngst ihr Online-Vortrag im Rahmen der Dorf-Akademie hatte. Träger der Dorf-Akademie – ein Qualifizierungsangebot für Bürgerinnen und Bürger der 17 Kommunen der Leader-Region Wetterau/Oberhessen – ist die in Friedberg ansässige Wirtschaftsförderung Wetterau (WFG). Die WFG ist auch Ansprechpartnerin für Vereine, Initiativen oder Kommunen, die sich um eine Förderung aus dem von der Landesregierung aufgelegten Regionalbudget bewerben wollen. Für die Erstellung der Stellplätze mit Ladestation für E-Autos erhielt das vom Magistrat der Stadt Ortenberg eingereichte Projekt aus dem Regionalbudget 12.454,93 Euro.

Bislang ist die Förderung des Modelldorfs Effolderbach durch das Bundesumweltministerium bis August dieses Jahres zugesichert. Einen Nachfolgeantrag hat die Projektleiterin bereits gestellt. Sie ist optimistisch, „dass wir weiter gefördert werden. Schließlich haben wir für die Durchführung eines solchen Vorhabens in der Pandemie einen denkbar ungünstigen Zeitraum.“

Ortenberg ist Klimaschutz-Kommune

Die Stadt Ortenberg zählt bereits seit Juni 2013 zu den „100 Kommunen für den Klimaschutz“, heute Klima-Kommune, in Hessen. In 2016 war die Stadt Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität. Dem Praxisprojekt in Effolderbach ging die Erarbeitung eines umfangreichen Mobilitätskonzepts für die gesamte Stadt voraus. Das mehr als 240 Seiten umfassende Werk ist als Download im Netz verfügbar.

In der Leader-Region Wetterau/Oberhessen sind in 2020 insgesamt 17 Kleinvorhaben im ländlichen Raum mit mehr als 195.000 Euro gefördert worden. Vereine, Gruppen, Initiativen profitierten damit erstmals von dem von der Landesregierung aufgelegten Regionalbudget für Projekte mit einem Kostenvolumen zwischen 1000 und 20.000 Euro. Für Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, ein weiterer Beitrag zur Unterstützung des von der WFG erarbeiteten regionalen Entwicklungskonzepts.

dorfbeweger.de

dorfunddu.de

wfg-wetterau.de

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