Demo gegen Rassismus

„Es ist Zeit für Veränderung“

180 Menschen demonstrierten am Samstag in Bad Nauheim gegen Rassismus. Anlass war der gewaltsame Tod von George Floyd in den USA, aber auch auf den alltäglichen latenten Rassismus legte die Veranstaltung einen Fokus.

180 Menschen demonstrieren in Bad Nauheim gegen Rassismus. (Bild: Petra Ihm-Fahle)
180 Menschen demonstrieren in Bad Nauheim gegen Rassismus. (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Rassismus: Erschreckende Roman-Passage

„Gleich an der Lände hatte es einen Auflauf gegeben, der einer Gruppe ebenholzschwarzer Mohren mit unglaublich gepolsterten Lippenbergen …“ Mit Schrecken hatte diese und weitere menschenverachtende Worte der evangelische Pfarrer im Ruhestand, Dr. Ulrich Becke, kürzlich in einem Roman gelesen. Er schilderte dies bei der Veranstaltung gegen Rassismus am Samstag in Bad Nauheim. „Nein, das sind nicht Sätze eines AfD-Schreibers unserer Tage. Das sind Sätze eines Nobelpreisträgers und wahrhaften Großschriftstellers“, fuhr er fort. Die Rede sei von Thomas Mann und seinem Buch „Joseph und seine Brüder“, das im Exil entstanden sei.

Vereine laden zu Demo gegen Rassismus ein

Mit bunten Bändern verbunden, um den Sicherheitsabstand einzuhalten, lauschten die Zuhörer Becke und weiteren Rednern gegenüber des Aliceplatzes. Dorthin waren sie auf Einladung der Stadt, des städtischen Ausländerbeirats, der Vereine Internationaler Club, IKI (Interkulturelle Kompetenz und Integration) und JUKA (Jugendkultur und Jugendarbeit) gekommen.

Die  Teilnehmer der Demo schreiben auf Tafeln, was sich gegen Rassismus tun lässt. (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Die Teilnehmer der Demo schreiben auf Tafeln, was sich gegen Rassismus tun lässt. (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Wie Pfarrer Dr. Becke weiter ausführte, habe sein Schock den Abgründen von Fremdheit und Respektlosigkeit in der großen deutschen Romanliteratur gegolten, „wo wir sie überhaupt nicht vermuten“. Doch mitunter entdecke der Mensch bei genauem Hinschauen solche Bilder auf dem Grund des eigenen Bewusstseins. Dies könne sich beispielsweise in der Frage „Sie sprechen aber schön Deutsch, woher kommen Sie?“ gegenüber einem in Deutschland gebürtigen Menschen ausdrücken, oder in folkloristisch angehauchten Reisen in Resort Camps und dem Wort Toleranz. „Toleranz“ sei ein Begriff von oben nach unten: Du bist zwar ganz anders, aber ich bin jetzt mal so nett, dich einigermaßen, ein bisschen zu tolerieren.“ Das angebrachte und bessere Wort sei „Respekt“, wie Becke betonte.

Pfarrer i. R. Dr. Ulrich Becke (Foto: Petra Ihm-Fahle)
Pfarrer i. R. Dr. Ulrich Becke (Foto: Petra Ihm-Fahle)
„Ein langer Weg durch die Nacht“

Er zitierte die Nichte des getöteten George Floyd, die in ihrer Rede anlässlich der Trauerfeier für ihn gesagt hatte: „Amerika, es ist Zeit für Veränderung. Auch, wenn es dafür mehr Proteste geben muss. Keine Gerechtigkeit, keinen Frieden!“ Eine alte jüdische Geschichte rankt sich laut Becke um einen Rabbi, der seine Schüler fragte, woran man erkennt, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst.“ Bis dahin sei es noch ein langer Weg durch die Nacht, konstatierte Becke. „Auf den Morgen setzen wir unsere Hoffnung.“

Parlamentschef Gerhard Hahn  (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Parlamentschef Gerhard Hahn (Bild: Petra Ihm-Fahle)
„Rassismus darf nicht ungestraft bleiben“

Laut Parlamentschef Gerhard Hahn (FW/UWG) macht die Diversität von Menschen das Zusammenleben interessant, spannend, lehrreich und nicht selten auch unterhaltsam. „Wer meint, die Diversität der Menschen nicht akzeptieren oder zumindest tolerieren zu können, wer meint, das Leben friedfertiger Menschen durch Worte und Taten mit Ängsten und Sorgen belegen, ihre Würde antasten zu müssen, schafft tiefgreifenden Unfrieden“, unterstrich Hahn. Gerade die Deutschen im Zentrum Europas, fuhr er fort, sollten dies aus der Geschichte gelernt haben. „Die Missachtung und aktive Verletzung von Menschenwürde, also gerade Rassismus in jeglicher Form, ist eine schlimme Schandtat, die nicht unbeachtet, ungestraft und ungesühnt bleiben darf.“

Bürgermeister Klaus Kreß (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Bürgermeister Klaus Kreß (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Wahrhaftigkeit, Empathie und Geduld

Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) erklärte, nicht den Zeigefinger erheben zu wollen, sondern zu beschreiben, was im direkten Umfeld der Menschen geschehe. „Und da lesen wir, dass Menschen anderer als weißer Hautfarbe auch in Deutschland zunehmend wieder verbalen oder körperlichen rassistischen Angriffen ausgesetzt sind.“ Wie der Rathauschef ausführte, trauten sich Menschen bestimmter Glaubensrichtungen mancherorts nicht mehr, ihre Glaubenszugehörigkeit offen zu zeigen, aus Furcht vor aggressiven Reaktionen. Populisten, die unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit fremdenfeindliche Äußerungen täten, erhielten immer mehr Zulauf. Oft höre man im eigenen Umfeld Sprüche, vermeintlich scherzhaft gemeint, in Wahrheit aber zutiefst rassistisch. Kreß appellierte, mit Wahrhaftigkeit, Empathie und Geduld dagegen einzutreten.

Gabriela Horcher (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Gabriela Horcher (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Rassismus blüht im Stillen

Gabriela Horcher berichtete aus der Sicht einer Betroffenen. „Vom ’süßen, kleinen Schokoladenmädchen‘ bis zur ‚rassigen Frau‘ habe ich, 73 Jahre, es bis hierhin geschafft“, sagte sie. Seit 2000 lebe sie mit ihren Familien in Bad Nauheim und habe sich dort im Grunde wohlgefühlt. „Ich muss jedoch feststellen, dass sich versteckte und auch öffentliche Diskriminierungen verstärken.“ Rassismus blühe im Stillen, dies zu verneinen sei ein großes Problem, denn es sei eines der verhängnisvollsten und hartnäckigsten Übel. „Es ist ein Haupthindernis für unseren Frieden“, sagte sie. Es gehe nicht nur um Schwarz und Weiß, sondern auch um andere Nationalitäten und Religionen. „Deshalb dürfen wir nicht stumm sein, es geht uns alle an.“ Wichtig sei zunächst, anzuerkennen, dass Rassismus in der Gesellschaft vorhanden sei, erst dann könnten die Menschen gemeinsam dagegen angehen.

Bunte Bänder als sichtbares Zeichen, hier mit dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats Sinan Sert. (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Bunte Bänder als sichtbares Zeichen, hier mit dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats Sinan Sert. (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Sichtbares Zeichen

Auf Tafeln schrieben die Besucher Vorschläge, was sich gemeinsam gegen Rassismus tun lässt. Und am Ende knoteten die Organisatoren die bunten Bänder zusammen und banden sie um einen Baum.

„Klares Zeichen gegen Rassismus“

180 Menschen demonstrieren in Bad Nauheim gegen Rassismus

Ein Gedanke zu „Demo gegen Rassismus“

  1. Sorry, aber Herr Becke faselt hier völligen Unsinn. Da geht es um so etwas wie historischen und literarischen Kontext, den dieser Mensch völlig ignoriert. Solche komplett ignoranten Interpretationen Thomas Manns sind einfach nur erbärmlich. Im Übrigen haben gerade evangelische Pfaffen in den deutschen Kolonien für ziemlichen Terror unter den indigenen Völkern gesorgt. Wie wäre es mal mit einer Vergangenheitsbewältigung der inquisitorischen Missionsgeschichte, statt Sätze aus literarischen Werken heraus zu rupfen? Das ist die geistige Brandstiftung, die die Bücherverbrennung vorbereitet hatte. Herr Becke, Sie sind ein Wegbereiter der Vernichtung intellektueller Werte unter dem Deckmantel des Gutmenschentums.

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