Amazon baut bei Echzell

Verteilzentrum in Verzug

Schon im Januar und Februar gab es Erdarbeiten für das erste mittelhessische Verteilzentrum von Amazon in Grund-Schwalheim bei Echzell im Wetteraukreis. Dann tat sich monatelang kaum noch etwas. Jetzt führen die Baumaschinen wieder ihr Ballett auf. Doch die ursprünglich für den Herbst 2020 angepeilte Eröffnung des Zentrums ist um ein Jahr verschoben. Amazon-Sprecherin Nadya Lubnina: „Derzeit rechnen wir damit, dass wir den Betrieb spätestens zum Weihnachtsgeschäft 2021 aufnehmen.“ Die Gründe für die Verzögerung will das Unternehmen nicht nennen. So etwas sei bei einem Großprojekt halt möglich.

Amazon in der Wetterau ab 2021

Von Klaus Nissen

Die Firma von Jeff Bezos, dem reichsten Menschen der Welt, installiert am Abzweig von der B455 nach Ober-Widdersheim ihre 176. deutsche Niederlassung. Mitte Oktober 2020 waren dort gleichzeitig sieben Muldenkipper, drei Bagger, ein oder zwei Raupenschlepper und eine Walze unterwegs, die den künftigen Hallenboden planierte. Die Logistikhalle wird 8500 Quadratmeter umfassen. Daneben entsteht ein Parkhaus für maximal 171 Personenwagen und 282 Lieferwagen. Mit letzteren sind die Sprinter der formal selbstständigen Auslieferungsfahrer bestimmt. Wenn das Verteilzentrum in Betrieb geht, werden sie laut Amazon täglich etwa 300mal von Grund-Schwalheim aus die von den Kunden bestellten Waren an die Haustüren bringen.

Bagger und von Traktoren gezogene Muldenkipper wuseln auf dem 3,4 Hektar großen Gelände am Rand von Grund-Schwalheim umher. Das Amazon-Verteilzentrum soll dort zum Weihnachtsgeschäft 2021 öffnen. Direkt nebenan stand vor 1800 Jahren ein Limes-Kleinkastell der Römer auf dem Alteburg-Hügel. Foto: Nissen

Die Sprinter-Armada soll nach Abebben des Berufsverkehrs ab neun Uhr morgens in kleineren Schwärmen zu den Kunden geschickt werden. Die Frühschicht der im Verteilzentrum arbeitenden Amazon-Leute rechnet den selbstständigen Fahrern die jeweils schnellste Auslieferungsroute aus. Das neue Verteilzentrum beschleunige noch die Auslieferung der online bestellten Waren, so Nadya Lubnina von Amazon. „Zum anderen sollen mehr Bestellungen bereits beim ersten Versuch zugestellt werden. Amazon arbeitet mit lernender Routenplanung, die sich beispielsweise bei erfolgreichen Zustellungen an ein Geschäft die Öffnungszeiten merkt, und mit Fahrern, die immer in den selben Gebieten ausliefern.“

Rund 300 Sprinter schwärmen täglich aus

Der Einzugsbereich liegt zwischen 50 und hundert Kilometern, heißt es in der Münchner Amazon-Filiale. Welche Kommunen die Fahrer von Grund-Schwalheim aus ansteuern, sei noch nicht entschieden. Im Februar war von Städten und Gemeinden in der Wetterau, dem Main-Kinzig-Kreis, im Vogelsberg und im Raum Gießen die Rede. In Raunheim neben dem Frankfurter Flughafen eröffnete Amazon im Oktober 2017 bereits ein Verteilzentrum für das südliche Rhein-Main-Gebiet. Dort wurden nach einem Pressebericht binnen vier Monaten rund 1,7 Millionen Pakete umgeschlagen. In diesen Tagen geht laut Amazon ein weiteres Verteilzentrum in Erfurt in Betrieb. Bundesweit gibt es 175 Niederlassungen, in denen etwa 20 000 arbeiten.

So soll das Areal Ende 2021 Jahr aussehen: Eine 8500 Quadratmeter große Sortierhalle mit Parkhaus und einem versiegelten Platz für die Lastwagen und die Sprinter der Amazon-Auslieferungsfahrer. Repro: Nissen

Das künftige Verteilzentrum wird zum Arbeitsplatz von etwa 130 Amazon-Beschäftigten, die dort im Drei-Schicht-System arbeiten. In der knapp einen Hektar großen Halle verwalten sie kein Lager, sondern sortieren die zur Auslieferung bestellten Warten in Säcke und Gitterwagen, die die Frühschicht für die Sprinter bereitstellt. Der Nachschub kommt laut Amazon nachts mit etwa 30 Lastzügen aus größeren Niederlassungen des Konzerns. Die Jobs für Grund-Schwalheim werden zwei bis drei Monate vor dem Start auf der Webseite des Konzerns ausgeschrieben. Momentan wirbt Amazon intensiv um Personal für seine wachsende Zahl an Niederlassungen. Möglicherweise auch als Antwort auf den seit Jahren schwelenden Konflikt im riesigen Amazon-Lager Bad Hersfeld, wo die Gewerkschaft Verdi auch mit Streiks auf bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen drängt. Aktuell verkündet der Konzern, er habe den Einstiegsbasislohn je nach Standort auf 11,30 Euro bis 12,70 Euro brutto erhöht. Nach 24 Monaten in einem Sortier- und Verteilzentrum könne man einschließlich zugeteilter Mitarbeiter-Aktien durchschnittlich mit 2600 Euro Bruttolohn rechnen. Während der Corona-Sonderkonjunktur gab es zwei Euro pro Stunde extra und für Vollzeit-Mitarbeiter im stressigen Juni einen Sonderbonus von 500 Euro.

BUND klagt gegen den Bau an den Feuchtwiesen

Das künftige Verteilzentrum wird von Amazon für zehn Jahre gemietet. Besitzerin und Bauherrin ist die Hamburger Immobiliengesellschaft Garbe. Hochgezogen wird der Industriebau von dem auf solche Projekte spezialisierten Unternehmen Goldbeck aus Bielefeld. Wie es dort weitergeht, kann man laufend über die auf einen Mast montierte Baustellenkamera im Internet verfolgen. Die Adresse: www.goldbeck.de/baustellen-webcams.

Von besonderen Öko-Merkmalen wie einem begrünten Dach oder Solarpaneelen ist an diesem Standort bislang keine Rede. Amazon hat angekündet, man wolle künftig mehr elektrische Auslieferungsfahrzeuge einsetzen. Ob das auch in Grund-Schwalheim geschieht, müsse man noch prüfen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), hat laut Landesvorstandsmitglied Werner Neumann am 2. Juli Widerspruch gegen die Baugenehmigung für die Amazon-Halle eingelegt. Denn wie beim wenige Kilometer entfernten Rewe-Logistikzentrum brächte der Bau erhebliche Schäden für Tiere und Pflanzen, die Gewässer und die Böden vor Ort mit sich. Das 3,4 Hektar große Areal in Grund-Schwalheim liegt direkt neben den Feuchtwiesen der Horloff-Aue.

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