Interview

„Lassen Sie Afghanistan nie wieder allein“

Von Michael Schlag

Syed Ahmad Shah Sadaat war von 2018 bis 2020 Minister für Kommunikations- und Informationstechnologie in der Regierung von Afghanistan. Er mahnt dringend, die Taliban nicht zu isolieren, vielmehr soll der Westen alles daran setzen, Afghanistan wirtschaftlich zu stabilisieren. Landbote-Reporter Michael Schlag traf den IT-Experten an seinem heutigen Wohnort Leipzig.

Landbote: Welche Aufgaben hatten Sie als Minister für Kommunikations- und Informationstechnologie in Afghanistan?

Syed Ahmad Shah Sadaat: Es gab sehr viel zu tun. Wir mussten den Telekommunikationssektor ganz neu organisieren und wir verfolgten dabei immer eine Open Access Policy. Wir haben das Monopol der afghanischen Telekom für Glasfaser beendet und Lizenzen für vier weitere Betreiber vergeben. Diese vier Betreiber zahlten fast 48 % Steuern an den Staat, ihr Wachstum sollte der Regierung mehr Einnahmen bringen und das Land würde von einer besseren Abdeckung profitieren. Außerdem arbeiteten wir an einem öffentlichen Zugangsdienst für das Internet überall in Afghanistan, zu meiner Zeit haben wir die Lizenzen für den Mobilfunkstandard 4G bereitgestellt. Mit der chinesischen Regierung haben wir vereinbart, dass sie für Afghanistan einen Satelliten bauen, um Dörfer in abgelegenen Gebieten anzubinden, wo es noch keine Telekommunikationsdienste gab. Aber für all das brauchte es mehr Zeit. Ich hoffe, dass die Ziele in Zukunft erfüllt werden können.

Syed Ahmad Shah Sadaat im Flughafen in Berlin. Dort traf ihn Landbote-Autor Michael Schlag und fuhr mit ihm nach Leipzig. (Foto: Michael Schlag)

Warum sind Sie dann als Minister zurückgetreten?

Ich habe den Job aufgegeben, weil es zu viele Behinderungen meiner Arbeit gab. Zum Beispiel sind bei der Vergabe von Projekten Standards der Ausschreibung einzuhalten, darüber gab es Meinungsverschiedenheiten und Druck aus dem engeren Kreis des Präsidenten, die das abkürzen wollten. Irgendwann waren meine Verbindungen blockiert, ich konnte den Präsidenten nicht mehr unter vier Augen sprechen, um die Situation zu erklären. Ich bin zurückgetreten, weil ich nicht unter diesem Druck arbeiten wollte.

Verabschiedung vom Ministerium.

Wie kamen Sie nach Deutschland?

Ich habe lange in Großbritannien gelebt und besitze die britische Staatsbürgerschaft. Ich wechselte auch häufig zwischen Afghanistan und Großbritannien, um mich in der Informationstechnik auf dem neuesten Stand zu halten. Bevor die Briten die EU verließen, habe ich den Vorteil genutzt, nach Europa zu kommen. Denn in der Austrittsvereinbarung waren meine Rechte als britischer Staatsbürger geschützt.

Korruption war in jeder Regierung

Das Regierungssystem in Afghanistan galt als korrupt. Welche Rolle spielten dabei die Amerikaner, es kam ja sehr viel Geld aus dem Westen.

Wenn Sie in die Vergangenheit schauen, werden Sie hören, dass die Korruption in jeder Regierung Afghanistans war. Die Amerikaner haben die Augen davor verschlossen, obwohl es tatsächlich das Geld der Steuerzahler Europas und Amerikas war. Oft wurde Geld ohne richtige Kontrolle vergeben. Viele Projekte liefen zwar im Namen des afghanischen Volkes, aber bei der afghanischen Zivilgesellschaft ist wenig angekommen. Von Projekten im Umfang von Millionen Dollar wurden nur ein paar tausend mit sehr schlechter Qualität ausgegeben. Das Meiste ging in die Hände der Leute, die im Grunde genommen korrupt waren.

Wie hätten Sie Projekte überwachen sollen?

Sie müssen die Projektberichte doppelt überprüfen. Wurde der Ingenieur bestochen, um es so zu schreiben? Oder ist es ein sauberer Report, bei dem Sie beispielsweise sehen können, ob eine Straße wirklich im Bau ist und in guter Qualität. Steht in dem Bericht dasselbe, was in den Ausschreibungsunterlagen stand, oder etwas Anderes? Jedes Projekt in einem Staat der internationalen Gemeinschaft wäre so überwacht worden. Der Großteil des Geldes wurde aber nicht über die Regierung von Afghanistan vergeben, sondern floss direkt von der internationalen Gemeinschaft in Projekte im Land. So übernahmen Warlords oder die Mafia fast achtzig Prozent der Projekte mit Gewalt. Im Grunde war bei jedem Projekt, das begonnen wurde, die Mafia schon da. In der Öffentlichkeit konnte man nichts dagegen tun, ansonsten wäre Ihr Leben am nächsten Tag in Gefahr gewesen. Und dieses eingenommene Geld wurde wieder für Kämpfe verwendet. Hätte man die internationalen Hilfsgelder richtig für die afghanische Öffentlichkeit ausgegeben, wäre die Situation viel besser gewesen.

Syed Ahmad Shah Sadaat mit Präsident Aschraf Ghani.

Afghanistan wurde isoliert, fanatische Gruppen kamen

Vor 20 Jahren besetzten die Amerikaner und westliche Truppen Afghanistan, um Al-Qaida zu bekämpfen. War dies der richtige Weg?

Ich glaube, Al-Qaida war tatsächlich gar nicht in Afghanistan. Schauen wir auf die Geschichte von Al-Qaida: In der Zeit der russischen Besatzung wurden die Kämpfer doch von den USA finanziert. Einige von ihnen waren in Afghanistan, aber meistens befanden sie sich im Grenzgebiet außerhalb Afghanistans. Ich erinnere mich auch: Als Amerika Afghanistan angriff, wollte die afghanische Regierung – damals die Taliban – verhandeln. Aber Verhandlungen wurden abgelehnt, Afghanistan wurde isoliert und in die Ecke gedrängt. Diese Isolation führte dazu, dass fanatische Gruppen nach Afghanistan kamen. Wenn man in dieser Zeit auch verhandelt hätte, hätte sich meiner Meinung nach die Situation geändert. Zwanzig Jahre später sind tausende Soldaten und hunderttausende Zivilisten getötet, Billionen Dollar ausgegeben und die Taliban haben wieder die Regierungsmacht. Wenn es damals nur darum ging, einen Mann zu töten, Bin Laden, hätte man das mit einer Drohne oder durch CIA-Aktivitäten erreichen können, anstatt mit einer massiven Militäroperation Tausende von Soldaten zu entsenden.

Und jetzt, wo die Taliban wieder an der Macht sind, lautet mein Rat an die Weltmächte: Lassen Sie Afghanistan nicht wieder allein, drängen Sie es nicht in die Ecke, isolieren Sie das Land nicht wieder. Ich meine das finanziell, nicht militärisch. Die Afghanen haben genug von Militäroperationen. Seit 40 Jahren befindet sich das Land im Krieg zwischen zwei Supermächten, erst Russland, dann dasselbe mit Amerika. Die beste Wahl ist jetzt, dem afghanischen Volk zu helfen und finanzielle Unterstützung zu geben, durch Bildung, medizinische Hilfe und Technologie. Dazu gehört auch: Die aktuelle afghanische Regierung anerkennen und unterstützen. Denn wenn es eine schwache Regierung ist, wird es in Afghanistan wieder mehr internationale Fanatiker wie Al-Qaida und andere Gruppen geben. Sie können wieder Trainingslager aufbauen und erneut die Vereinigten Staaten oder andere Länder angreifen. Und was wird dann die Option sein – erneut Truppen nach Afghanistan schicken?

Die Anerkennung muss man natürlich an Bedingungen knüpfen, mit schriftlichen Zusagen für die Einhaltung von Menschenrechten, von Frauenrechten. Im Gegenzug wird die jetzige Regierung der Taliban Milliarden von Dollar sehen. Und es gibt Kompromisse, Frauen werden auf Elite-Schulen gehen, aber sie müssen einen Hijab tragen. In Saudi-Arabien tragen die Frauen Hijab und das Land ist der beste Freund der Vereinigten Staaten. Warum also nicht mit den Taliban zusammenarbeiten? Zum Nutzen des afghanischen Volkes, aber auch zum Vorteil des Westens. Denn wenn das Land isoliert wird, ist es sehr schlecht für das afghanische Volk und es besteht ein Sicherheitsrisiko für die ganze Welt.

Aber haben Sie kein ungutes Gefühl bei den Taliban? Wir im Westen haben ein ungutes Gefühl.

Das stimmt, 1990 waren das Image und das Handeln der Taliban sehr Besorgnis erregend. Aber jetzt werden die Menschen in der Welt beobachten und überwachen, was sie versprochen haben: Dass sie Frauen zur Arbeit und auch zur Schule und auf die Universität gehen lassen. Auch der Sondergesandte der Vereinigten Staaten, Zalmay Khalilzad, sagte, dass die Taliban heute nicht mit den Taliban von 1990 identisch seien. Er verbrachte fast ein Jahr mit ihnen bei den Verhandlungen über das Friedensabkommen in Doha und kennt sie vielleicht besser. Auch nach meiner Meinung sind die Taliban nicht mehr die Gleichen wie 1990. Denn als sie damals an die Macht kamen, befand sich Afghanistan im Bürgerkrieg, es gab keine richtige Regierung. Jetzt aber haben sie eine vollständige Regierung geerbt, ein komplettes System – wie werden sie es leiten? Jetzt müssen gut ausgebildete Leute, die bereits mit der Regierung zusammengearbeitet haben, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Das ist der Stand heute. Wenn die Taliban aber wieder in die Vergangenheit zurückkehren, wird sich nichts vorwärts bewegen. Wir hoffen also, dass sie mit der internationalen Gemeinschaft mitgehen.

Die Regierung. Syed Ahmad Shah Sadaat oben in der Mitte.
Der Rückzug der Amerikaner war völlig überraschend

Wie beurteilen Sie den amerikanischen Rückzug?

Die Amerikaner haben erst sehr spät gesagt, dass sie gehen werden und es gab keinen richtigen Plan. Und als die Amerikaner gingen, haben sie die afghanische Regierung nicht darüber informiert. Als Präsident Ghani ging, informierte er nicht einmal den Botschafter. Es gab also in den letzten Monaten absolut kein Vertrauen und der Rückzug war völlig überraschend. Auch die Taliban waren überrascht, niemand hätte geglaubt, dass sie Kabul in zehn Tagen erobern werden. Aber das bedeutet doch auch, dass die afghanische Regierung und das afghanische Militär Frieden wollten. Sie wollten nicht mehr kämpfen, sie ergaben sich einfach. Sie gaben den Taliban ihre Waffen, weil sie nicht wollten, dass dieser endlose, nutzlose Krieg immer weitergeht. Dieser Krieg in Afghanistan dauert seit 40 Jahren und die Menschen sind müde. Sie wollen Frieden und ihr eigenes Land aufbauen. Und dieser Frieden für den Wiederaufbau des Landes kann nur durch die internationale Gemeinschaft erreicht werden.

Nach dem Einmarsch in Afghanistan sagten die Amerikaner auch, dass sie eine neue, demokratische Gesellschaft aufbauen wollen. Wie stehen Sie dazu?

Wenn Sie Demokratie in ein Land bringen wollen, müssen Sie zuerst seine Kultur, seine Religion studieren. Dann können Sie einen richtigen Plan machen. Demokratie ist, wenn die Menschen sie akzeptieren, aber nicht, indem man sie jemandem aufzwingt. In Afghanistan leben die Menschen seit Jahrtausenden mit ihrer Kultur und sie halten daran fest. Auch im Religiösen sind sie nicht leicht bereit, eine Demokratie zu akzeptieren, die ihnen verordnet wurde. Anders kann es sein, wenn sich mit der Demokratie das Leben der Menschen wirtschaftlich verbessert. Aber dieses Programm der Demokratisierung war nicht richtig organisiert.

Die Regierung. Syed Ahmad Shah Sadaat rechts.

Gibt es noch eine Verantwortung der Amerikaner, des Westens?

Die Amerikaner waren zwanzig Jahre militärisch in Afghanistan, und länger als das. Die Vereinigten Staaten engagieren sich seit 43 Jahren in Afghanistan. Zur Zeit der russischen Besatzung lieferten die Vereinigten Staaten Waffen an den afghanischen Widerstand, sogar Stinger-Raketen. Sie haben jetzt eine moralische Verpflichtung, Afghanistan zu einem stabilen Land zu machen. Wirtschaftlich stabil, finanziell stabil, Hilfen bei der Ausbildung und durch Anerkennung jeder Regierung in der Zukunft. Ohne Anerkennung seiner Regierung wird dass das Land in die Enge getrieben, die Armut wird zunehmen, die Menschen werden wieder Opium anbauen. Die Bekämpfung des Drogenanbaus ist eine weitere Sache, bei der die jetzige Regierung Unterstützung braucht.

Welche Forderung stellen Sie heute an Amerika und den Westen?

Vor vierzig Jahren lebten die Menschen in Afghanistan in Frieden. Sie verwendeten ihr Land auch nicht, um einem anderen Land oder einer Terrororganisation nützlich zu sein. Die Menschen in Afghanistan brauchen heute Frieden und ein sicheres Leben. Unterstützen Sie sie dabei, Afghanistan wieder zu einem stabilen und friedlichen Land zu machen. Für das afghanische Volk, aber auch friedlich für die gesamte Region, dann wird das Land nicht wieder von internationalen Terroristen gegen andere Länder eingesetzt.

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