Bücherei

Oase der Ruhe

Von Jörg-Peter Schmidt

In Büchereien steht wunderbar die Zeit still. Hier atmen die Menschen, die draußen vor der Tür soeben noch das allgemeine Hasten und Hetzen der Fußgänger sowie das Tosen und Dröhnen des Straßenverkehrslärms erlebt haben, erst mal durch und halten inne, um sich in den Bestand an Krimis, Liebesromanen, Sachbänden, Comics oder Hörbüchern zu vertiefen. Blättern, Schmökern, Genießen.

Hier steht die Zeit still

Einen solchen Moment der Ruhe (und auch der Freundlichkeit) konnte man in diesen Tagen in einer Bücherei in der Gießener Innenstadt erleben. Eine ältere, würdevolle, weißhaarige Dame betrat das Geschäft und steuerte auf den Herrn an der Kasse zu: „Ich suche ein schönes Buch für einen achtjährigen Jungen.“  Ich bekam dies nur nebenbei mit, da ich am Stöbern war, was es denn so Neues in der unerschöpflichen Welt der Literatur gibt. Ich hörte, wie sich der Buchhändler und die Kundin flüsternd und diskutierend auf die Suche nach dem Geschenk für den Bub begaben – beide mit Achtung vor den liebevoll, farbenfroh und phantasievoll gestalteten Kinder- und Jugendbüchern. Schließlich wurden sie fündig. Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte. Der Buchhändler schlug vor: „Jetzt müssen wir noch das passende Geschenkpapier aussuchen“ und legte gleich eine bunte Palette von Bögen dicht aneinandergereiht vor.

Hinterher, als ich das Geschäft wieder verlassen hatte, wurde ich (zu spät) neugierig: Auf welches Geschenk und welchen Bogen haben sich die beiden eigentlich geeinigt? Welche Papiermuster gibt es für Kinder von acht Jahren: Monster, Gespenster, Drachen, Clowns, Comicfiguren? Die ältere Dame und ihr Berater an der Kasse waren überein gekommen, das Passende gefunden zu haben – und dies, ohne auf die Uhr zu schauen. Sie hatten es nicht eilig und es beschwerte sich auch niemand von den anderen Kunden, die an der Kasse warteten. Und ich habe mir, als ich an eiligen Leuten und hupenden Pkw vor bei zum geparkten Auto zurücklief, gedacht: Die Büchereien aller Art, diese Oasen der Ruhe, sollten auf den ganzen Welt noch ganz lange erhalten bleiben. Am besten darf der Alptraum, dass Lesen ausschließlich nur noch per Computer oder Handy erfolgt und Buchhandlungen und  Leihbüchereien verschwunden sind, nicht in Erfüllung gehen. Niemals.

Wie eingangs gesagt: In Büchereien steht auf wunderbare Art die Zeit still.

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