Waffenlobby

Nachhaltig dreist

Von Hans-Otto Wack

„Es ist logisch, dass Waffenhersteller und Waffenhändler sowie deren Aktionäre und Unterstützer einen Teil ihres sozial-empathischen Menschenverstandes abschalten oder betäuben müssen, um sich selbst noch ertragen zu können“, meint Hans-Otto Wack in einem Gastbeitrag für den Landboten zur Forderung der Waffenbranche, ihr Gewerbe von der EU als „nachhaltig“ etikettieren zu lassen.

„Blanker Zynismus“ und „professionelle Skrupellosigkeit“ sind noch die mildesten Bezeichnungen, die die Forderung der Waffenbranche verdient, ihr Gewerbe von der EU als „nachhaltig“ etikettieren zu lassen. Obwohl sich, bei genauerer Betrachtung, von Seiten der Produzenten und Händler hierfür eine durchaus logische Argumentationskette aufbauen ließe – etwa so: Wenn ihre Produkte zuverlässig Menschen töten, sind diese definitiv nicht mehr dazu in der Lage, zur Überbevölkerung, zum Verbrauch von Rohstoffen und Energie usw., kurzum zum Verschlechtern der planetaren Ökobilanz beizutragen. Null-Verbrauch, Null-Emission und nur kurzzeitige Folgeprobleme – wenn das nicht nachhaltig ist! Schwieriger ist es da schon eher, eine Nachhaltigkeit für das Produzieren von Verwundeten, Traumatisierten und zerstörten Lebend-Existenzen nachzuweisen. Woraus folgen würde: Je letaler die Waffen, umso nachhaltiger die Branche.

Lobby in der Offensive

Obwohl das gemäß der Militärlogik wiederum kein wünschenswertes Ziel ist, da ein Verwundeter sehr viel mehr Feindkräfte bindet als ein Toter. Aber das ist ja eher das Problem der Anwender und weniger das der Waffenbranche auf ihrem Weg zur Umsatzsteigerung. Diese muss einfach nur weiter hart daran arbeiten, den Aufwand für das Herstellen und die Risiken für das Anwenden ihrer Gerätschaften zu minimieren und gleichzeitig deren Wirkungen zu maximieren. Und sie muss, unisono mit ihren Kunden, Waffengewalt grundsätzlich als staatliche oder persönliche Notwehr deklarieren. Mit solchen Argumenten und einem passablen Finanzbudget ausgestattet finden die Berliner und Brüsseler Cheflobbyisten von BAE Systems, Rheinmetall oder Dassault und all den anderen Todesmaschinisten mit hoher Wahrscheinlichkeit parlamentarische Fürsprecher für ihre Anliegen – besonders da sie in diesem speziellen Fall einer Meinung sind.

Es ist logisch, dass Waffenhersteller und Waffenhändler sowie deren Aktionäre und Unterstützer einen Teil ihres sozial-empathischen Menschenverstandes abschalten oder betäuben müssen, um sich selbst noch ertragen zu können. Und dass sie sich vielfach abenteuerliche Rechtfertigungen zurechtlegen müssen, um ihren Job beispielsweise gegenüber ihrer Familie rechtfertigen zu können. So antwortete ein hochdotierter Direktor des damals schwedischen Rüstungskonzerns Bofors in den 90ern auf die Journalistenfrage, wie er seine Arbeit seiner Tochter erklären würde: „Ich verkaufe Technik. Was die Anwender damit anstellen, ist nicht meine Sache.“ Das heutige Allerweltswort „Nachhaltigkeit“ war seinerzeit halt noch weitgehend unbekannt.

Wohlüberlegte Provokation

Ob deutsche und andere europäische Parlamentsabgeordnete ihre Unterstützung für eine Intensivierung von Waffenverkäufen künftig ähnlich oder mit Argumenten wie „Wehrhaftigkeit“ oder „Wirtschaftlichkeit“ begründen werden, sei dahingestellt. Fest steht aber schon jetzt, dass die vereinigte Waffenbranche mit ihrer wohlüberlegten Provokation, sich als nachhaltig einzustufen, für eine verstärkte politische und finanzielle Absicherung ihres Tuns kämpft. Und für mehr Exportfreigaben, aktuell besonders in lukrative Krisenregionen wie die Ukraine, Nahost oder Libyen. Durchaus schon mit Erfolg: „Die Politik muss ein klares Signal an die Banken senden, dass Rüstungsgeschäfte angemessen und nötig sind“, sagte vor wenigen Tagen beispielsweise der wirtschaftspolitische Sprecher FDP-Fraktion, Reinhard Houben.

Die ultimative Anwendung von Waffen macht Menschen unglücklich – sowohl die Opfer als auch etliche der Täter. Nachhaltig. Wobei es völlig belanglos ist, ob dies mit einem entsprechenden Prädikat geschieht – oder ohne.

Hans-Otto Wack, Jahrgang 1952, Naturwissenschaftler, engagiert sich seit Jahrzehnten im Umweltschutz und in der Friedensarbeit.

Titelbild: Leopard-Panzer der Bundeswehr. Bildquelle: Wikipedia/Bundeswehr-Fotos – originally posted to Flickr as Leopard 2 A5, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11586260

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