Verkehrswende Gießen

Asta protestiert gegen Straßenbau

von Ursula Wöll

Der Asta der Uni Gießen hatte zu einer Kundgebung am Samstag, 24. April 2021, aufgerufen. Etwa hundert Studentinnen und Studenten mit Masken waren erschienen, außerdem einige ältere Bürgerinnen und Bürger, aber leider kaum jemand aus der Professorenschaft. Anstoß der Kritik war die neu fertiggestellte Rathenaustraße. Sie präsentiert sich als breites Betonband mit schmalem Radweg. Weit entfernt also von einer umweltfreundlichen Verkehrspolitik.

Viel zu schmaler Radweg

Lange war ich nicht mehr in der Universitätsbibliothek, in der – nebenbei erwähnt – auch Nichtstudis kostenlos ausleihen können. Damals passierte ich lange Zeit eine Straßenbaustelle. Dass deren Ergebnis aber so daneben ist, hätte ich mir nicht träumen lassen. Zwar darf man auf der nun breiten Rathenaustraße nur bis zu 30 Stundenkilometer fahren, aber die begradigte Strecke verführt sicher geradezu zu einem höheren Fahrtempo. Ungeachtet, dass Mensa und Bibliothek neu erbaut werden sollen, und zwar direkt an dieser Straße. So werden dann die Studis einmal massenhaft dort herumstehen. Wenn dann das kleine Wäldchen zwischen Philosophikum I und II noch kleiner oder sogar ganz verschwunden sein wird, ist die Betonwüste perfekt. Ganz abgesehen davon, dass der schmale Radweg eine große Stufe höher als das Straßenniveau verläuft, so dass ich mit meinem Rollator einen langen Umweg zur Bushaltestelle machen musste, denn nur dort ist er abgesenkt.

Fotos: Lea Bruns

Die Protestierenden waren bis auf mich und ein paar Polizisten ausschließlich auf Rädern gekommen, manche auf Lastenrädern. Räder haben einen großen Stellenwert in der Vision einer menschenfreundlichen Stadt. Von „Shared Spaces“ war viel die Rede, also Bereichen, in denen Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Verkehrsmittel gleichberechtigt und friedlich zusammen existieren. Autos haben dort nichts zu suchen, wenn sie nicht Arzt oder Feuerwehr gehören.

Verkehrswende jetzt

Damit das private Auto seine Bedeutung verliert, muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden und vor allem zum Nulltarif nutzbar sein. Straßenbahnen sollten das Angebot bereichern. Die Radwege müssten so aussehen, dass sie gefahrlos und genüsslich befahren werden können. Sie sollten von Bäumen beschattet sein, in denen Vögel zwitschern. Ja, man wird die dann hören, weil es kaum Autolärm gibt. Und auch keinen Autogestank. So werden die Studis bereits vor der Mensa erschnuppern können, was sie drinnen auf dem Teller serviert bekommen. Selbstverständlich müssen in dieser Utopie auch die Fußgängerinnen und Fußgänger eine Menge Beinfreiheit erhalten. Eine Politik der kurzen Wege ist künftig angesagt. Sie gäbe kleinen Zentren mit Geschäften und Cafés den Vorzug. Das würde bedeuten, dass nicht immer neue hässliche Supermärkte auf der grünen Wiese mit ihrem Betonkranz von Parkplätzen gebaut werden. Speziell für Giessen liegt schon länger ein ausgearbeiteter Plan für eine Verkehrswende vor, und zwar als Faltblatt oder unter giessen-autofrei.tk

Wer das total verunglückte Ergebnis Rathenaustraße betrachtet, erschrickt über so viel Resistenz der städtischen Entscheidungsbehörde gegenüber neuen Ideen und versteht, wenn der Asta nun bauliche Abänderungen fordert. Schließlich ist er die gewählte Vertretung von tausenden Studentinnen und Studenten und hat seine Forderungen für eine Verkehrswende lange genug eingebracht.

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