Trimm-dich-Pfad

Das Comeback

Von Michael Schlag

Zu Beginn der 1970er Jahre begannen die Deutschen an ihrer Kondition zu arbeiten, die im Zuge der fetten Jahre des Wirtschaftswunders gelitten hatte: überall wurden Trimm-dich-Pfade in die Wälder gebaut. Die gerieten in Vergessenheit, als sich die Körperertüchtigung in Hallen – Fitnessstudios genannt – verlagerte. Als während der Corona-Krise die Studios geschlossen blieben, wurden die Pfade in den Wäldern wiederentdeckt.

Man sagte noch nicht Jogging, sondern Dauerlauf, trug dabei kein running shirt sondern ein Turnhemd und anstatt Workout machte man Trimm-dich. Anfang der 1970er Jahre, nach den Jahren des Wirtschaftswunders, machten sich Wohlstandskrankheiten breit, die Herzinfarkte nahmen zu, und am 16. März 1970 startete der Deutsche Sportbund die erst Trimm-dich-Kampagne, sein Maskottchen: das Laufmännchen mit dem hochgereckten Daumen. Damit begann auch der Bau von Trimm-dich-Pfaden: ausgeschilderte Laufstrecken durch den Wald, meistens zwei bis drei Kilometer lang, mit Übungsstationen und einfachen Fitnessgeräten entlang des Weges: Klimmzug, Liegestütz, Bockspringen, Hangeln und viele Übungen für Balance und Koordination. Doch viele Trimm-Dich-Pfade in Deutschland gerieten in den vergangenen Jahren in Vergessenheit, die Holzgeräte verfielen.

Umsonst und draußen

Die Corona-Krise mit Schließung der Fitness-Studios, Turnhallen und Stadien bescherte ihnen 2020 ein ungeahntes Comeback. Umsonst und draußen konnte man sie auch unter den Bedingungen eines Lockdowns unbeschränkt nutzen. „Corona hat das Interesse an dem Trimm-dich-Pfad wieder sehr geweckt“, sagt Jens Wolfram, Leiter des Bauhofs der Stadt Linden. Jahrelang habe wegen des Trimm-dich-Pfades niemand beim Bauhof angerufen, jetzt aber „kamen auf einmal Meldungen, da wackelt ein Balken oder da ist der Weg etwas matschig.“ Und auf dem Parkplatz am Waldrand beim Sportplatz sah man immer öfter Autos mit Nummernschildern aus den Nachbarkreisen. „Das hat sich wohl schnell rumgesprochen“, sagt Wolfram, „Corona bedingt waren die Leute ja froh, dass sie überhaupt irgendwo Sport treiben konnten.“

Jens Wolfram, Leiter des Bauhofs der Stadt Linden, bei der Geräteprüfung auf dem Trimm-dich-Pfad. (Fotos: Michael Schlag)

Der Trimm-dich-Pfad im Stadtwald von Linden ist eine ganz typische Anlage aus der Anfangszeit in den 1970er Jahren und Bauhofleiter Wolfram betont, dass die Geräte in allen Jahren – wie die Spielplätze – regelmäßig auf Standfestigkeit und Sicherheit geprüft wurden. Hier und da aber fehlten an den Stationen die Schilder, insgesamt war die Anlage in die Jahre gekommen. Angesichts des gestiegenen Interesses beschloss der Magistrat im Sommer 2020 eine Runderneuerung des Trimm-Dich-Pfades. Die Gerätschaften und die sportliche Struktur aus den 70er Jahren wurden aber unverändert beibehalten, „es ist das original alte Programm“, sagt Jens Wolfram.

Es beginnt ganz sachte mit Übungen zum Aufwärmen und Dehnen. An den Stationen eins bis fünf stehen noch keine Geräte, hier geht es um Kniewippe, Armkreisen, Rumpfschwingen. Gedehnt und aufgewärmt beginnen ab Nummer sechs die Übungen zur Koordination mit Froschhüpfen und Seitsprung – dazwischen, je nach Anspruch, ein kleiner Lauf oder Gehen zum Verschnaufen. Erst bei Nummer zehn beginnen mit Turnringen an hohen Balken die Kraftübungen. Die Station hatte Wolfram als gelernter Schreiner vor 30 Jahren noch selbst gebaut. “Das Gerät wird jetzt erneuert“, sagt der Bauhofleiter, „standfest ist es noch, es ist halt in die Jahre gekommen“. Ab der Hälfte des Parcours geht es dann um Kraft, mit Rumpfbeuge (Sit-Up), Kniebeuge, Liegestütz.

Mit einfachen Mitteln etwas erreichen

Die Idee der Trainingsstrecken im Wald, kam ursprünglich von der Züricher Lebensversicherung Vita. Zusammen mit Forstleuten und Sportlehrern entwickelte sie in der Schweiz den „Vita Parcours“, nach dem Vorbild entstand auch der Lindener Trimm-Dich-Pfad. An einigen Stellen, teils zugewachsen im Gebüsch, sieht man noch die alten Originalschilder des Vita Parcours. Die neuen Schilder vom Sommer 2020 sind weit ausführlicher, beschreiben die Übungen genauer, schildern auch, welche Muskeln hier trainiert werden und geben Anleitung, wer sich wie viel Training zumuten kann. „Mit einfachen Mitteln kann man auch etwas erreichen“, sagt Wolfram, was die Bevölkerung gut annimmt, gerade in der heutigen Situation.“ Fitnesstrainerin Verena Teichert kommt fast täglich mit ihren Trainingsgruppen hierher. Sie betreibt das „Linden Outdoor Functional Training“ (Loft), Dienstag und Donnerstag-Vormittag Zirkeltraining für Mütter mit kleinen Kindern.

Für Michael Meindl aus Heroldsbach bei Nürnberg laufen die Geschäfte gerade gut. Er bietet Kommunen den Aufbau von neuen und die Renovierung bestehender Trimm-Dich-Pfade an. „Es wird von Jahr zu Jahr mehr“, sagt Meindl, „die Leute suchen was, sie wollen raus und die Kommunen wollen auch was tun“. Seine Webseite bietet auch einen Überblick über Trimm-dich-Pfade in ganz Deutschland.

Urbane Sportparks

Dazu gehören auch die städtischen Sportparks oder Fitness Parcours, als Trimm-Dich Variante für die Großstadt. Anders als beim ursprünglichen Konzept mit Stationen entlang einer Laufstrecke im Wald, stehen im Sportpark alle Geräte an einem Platz, teils ergänzt durch einen Jogging-Rundkurs zum Warmlaufen. Beim Baumaterial gibt es aber einen großen Unterschied. Auf dem klassischen Trimm-Dich-Pfad im Wald sind auch alle Übungsstationen aus Holz. Im urbanen Sportpark dagegen sind die Geräte aus Metall.

Sportpark auf der Seewiese in Friedberg.

Auch bei der Renovierung in Linden wurde das so beibehalten, mit einer kleinen Ausnahme: Das Gestell von Station 19 „Hangeln“ wurde zugunsten der Witterungsbeständigkeit an einigen Stellen mit Metall verstärkt. Die letzte Station, Nummer 20, kehrt dann noch einmal zurück zur Koordination mit Balance auf runden Holzstämmen. Der Trimm-Dich-Pfad bietet damit eine Kombination aus Dauerlauf, Gymnastik, Turnen und Kraftsport. Der Klimmzug allerdings „wird von vielen Hobbysportlern gerne gemieden“, schreibt Michael Meindl auf trimm-dich-pfad.com. Ein Großteil der Bevölkerung schaffe nicht einen einzigen Klimmzug. „Dabei sollten sie eigentlich in keinem Workout fehlen, da sie Rücken und Arme gleichermaßen effektiv trainieren.“ Der Klimmzug kann auch für die Grundidee des Trimm-Dich-Pfades stehen, die sich in allen Trendsportarten wie Bouldern, Parcours, Calisthenics wiederfindet: Es sind sämtlich Übungen mit dem eigenen Körpergewicht.

1970 bis 1986 gab es vier Motivationskampagnen des Deutschen Sportbundes, darunter „Trimm Dich durch Sport“ und „Ein Schlauer trimmt die Ausdauer“. Sie wurden mit TV-Werbung beworben:

Die Olympischen Spiele 1972 hatten der Trimm-dich-Bewegung weiteren Schub gegeben und in den 1980er Jahren gab es ca. 1500 Trimm-dich-Anlagen in Deutschland. Es ging dabei um „eine Verstärkung niedrigschwelliger Breitensportangebote“ schreibt Verena Mörath in einer Untersuchung über die Trimm-Aktionen des Deutschen Sportbundes. Ulrich Lenz, damals Bürgermeister der Stadt Linden, erinnert sich heute: „Jede Woche wurde im Blättchen darauf hingewiesen, das war ganz wichtig“.

Bevor Corona sie wieder in den Blickpunkt brachte, waren die Trimm-dich-Pfade der 1970er Jahre aber fast schon Geschichte. Ab den 1990ern hatten Fitnessstudios und das Joggen als neuer Breitensport ihnen den Rang abgelaufen. Der Hessenpark in Neu-Anspach erkannte darin aber eine historische Kulturlandschaft im Zeitgeist der 70er Jahre und baute 2017 einen Trimm-dich-Pfad genau nach den traditionellen Plänen.

Man trug Turnschuhe zum Unterhemd

Dazu gehört auch eine ausführliche Dokumentation der Zeit. Das Wirtschaftswunder trug seine Früchte, aber es zeigten sich auch negative Folgen mit Zunahme der sogenannten Zivilisationskrankheiten. „Der moderne Lebensstil wurde als gesundheitsschädlich erkannt“, erklärt Ulrike von Bothmer vom Hessenpark. Das Rezept dagegen: Bewegung an frischer Luft, was die Arbeitswelt häufig nicht mehr bot. Allerdings: Es waren auch politisch bewegte Zeiten. Zeigte das nicht, dass der Sport in Wahrheit erdacht war, um von der politischen Bewusstseinsbildung abzulenken? Wirkte er also nur „System stabilisierend für das kapitalistische Ausbeutungssystem?“ Nicht zu vergessen: Die aufkommende Sportbekleidungsindustrie. Tatsächlich ist auf den alten Fotos vom heutigen „dressed for fitness“ nichts zu sehen – man trug Turnschuhe zum Unterhemd.

Aus heutiger Sicht ist das Konzept der Trimm-Dich-Pfade mit seiner Betonung von Koordination und Balance aktueller denn je. Prof. Lutz Vogt vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt erklärt: „Die Auge-Hand-Koordination ist heute sehr gut, aber der motorische Zustand ist schlechter geworden.“ Will sagen: Hohes Tempo bei der Bedienung von Smartphones, dabei unsichere körperliche Koordination. 50 Jahre nach Aufbau der ersten Trimm-Dich-Pfade in Deutschland sagt der Sportwissenschaftler: „Von der Bewegungsidee hat sich nicht viel geändert“. Und zum Trainingsrhythmus mit Laufen – Übung – Laufen meint er: „An der Art und Weise ist nichts verkehrt.“ Einen Nachteil aber gibt es doch: Den Trimm-Dich-Lauf im Wald muss man gezielt planen, die Pfade liegen außerhalb der Städte. Ein Sportpark mit Geräten im Zentrum oder einem urbanen Park ist leichter zu erreichen. Doch das könnte ja auch ein Vorteil der Sportpfade im Wald sein: Anders als im städtischen Sportpark stehen Anfänger nicht gleich unter öffentlicher Beobachtung. Im Breitensport für eine alternde Gesellschaft gehe es ohnehin nicht um Spitzenleistung, sagt Vogt, sondern vor allem um „kardio-pulmonale Ausdauer plus Kräftigung plus Balance“, also das Erhalten der Alltagsfähigkeiten. Ob der Lindener Altbürgermeister Ulrich Lenz, der den Trimm-Dich-Pfad damals so gefördert hat, ihn heute noch besucht? „Ja selbstverständlich, aber meist mit dem Fahrrad.“

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hessenpark.de/lexikon/historische-kulturlandschaft/trimm-dich-pfad/

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