SOS – School of Seeing

Andrew James Ward und seine Kunst

Von Corinna Willführ

Das Kongress-Zentrum in Den Haag, das Nationalmuseum inward2 Manila, die Georgetown-University in Washington sind nur einige Orte, an denen der Künstler Andrew James Ward Einzelausstellungen hatte. Weitere gab es in Südafrika, Schottland – und in diesem Jahr im International House in Philadelphia und im Gyeongnam Art Museum in Korea. Die Galerie Thalmann mit Sitz in Zürich vertritt seine Werke international. Sein Atelier hat Andrew James Ward in der Taunusgemeinde Wehrheim. In der Hauptstraße 9a.

What happens now

Die Tür geht bereits zum zweiten Mal in wenigen Minuten auf. Doch Andrew James Ward lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er kniet, eine farbenbesprenkelte Schürze über der Jeans, auf dem Boden seines Studios SOS, seiner School of Seeing, vor einer Arbeit aus seinem aktuellen Bildzyklus „What happens now“. 155 auf 200 Meter misst das Bild, Öl auf Leinwand. Zentral eine fast dreidimensional anmutende Vase mit Blumen, aus denen Farbentränen zu verlaufen scheinen und ein Schriftzug, dem noch zwei Buchstaben fehlen, in Gelb mit großem Pinsel aufgetragen, ein „D“ und ein „e“, um das Wort „Destined“ (bestimmt) zu vollenden – und damit das Werk. „Ich male so großformatig, weil ich möchte, dass die Bilder körperlich empfunden werden können“, sagt der 61-jährige.

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Andrew James Ward bei der Arbeit. (Fotos: Willführ)

Fasziniert von der Kultur Afrikas

Viele Jahre lang hat der in England geborene und in Schottland aufgewachsene Künstler monochrom gemalt, hat mit seinen Händen in Kohle oder Öl gearbeitet. Gebirgslandschaften für seine Serie „White Cloud – Blue Mountain“ geschaffen oder Gegenstände, die so dreidimensional erscheinen, als seien sie Fotos von Keramiken. „Dass ich zur Farbe gekommen bin, habe ich meiner Frau Kerstin zu verdanken“, sagt er, „sie hat mir das Herz geöffnet.“ Seit 2000 kennen sich die beiden, haben zwei Söhne im Alter von zehn und acht Jahren. Zur Jahrtausendwende hatte James Andrew Ward auch seine erste Einzelausstellung in der Galerie Lutz und Thalmann in Zürich. „Damals wollte ich nie über eine Galerie ausstellen. Ich habe den Kunstbetrieb gehasst, wollte eine alternative Art von Kunst leben.“ Die ihre Anerkennung nicht vom Preis auf dem Kunstmarkt bezieht, sondern „aus der Bestätigung, das, was ich liebe gut mache.“

So wie Ende der 70er Jahre nach seinem Studium am Duncan of Jordanstone College of Art (Dundee, Schottland) als Andrew James Ward auf Reisen durch Afrika war. Den Sudan, Äthiopien, Uganda und Kenya kennenlernte: Länder, in denen der Mitte Zwanzigjährige „fasziniert war von den Masken, den Figuren, der Malerei, denen zugleich etwas Abstraktes wie Geistiges inne wohnt.“ Einer Darstellungskraft wie sie schon Giacometti und Picasso beeinflusst hatte. Seine Begegnungen und Erfahrungen ließ Ward in die Arbeiten einfließen, die im Französischen Kulturzentrum in Nairobi ausgestellt wurden. Ihre Spuren sind bis heute in seinen Arbeiten zu finden.

Kunst und Kommunikation – eine Herzensangelegenheit

Zurück in Europa gründete Andrew James Ward 1982 seine „School of Seeing“, kurz „SOS“ in der Schweiz. Drei Buchstaben, die seit 2013 über dem großen Schaufenster seines Studios, das zwischen einem Lebensmittelgeschäft und einer Sparkasse an der vielbefahrenen Hauptstraße der Taunusgemeinde liegt, in blauen Lettern stehen. Sein Studio ist nicht nur einmal im Jahr ein „offenes Atelier“. Vielmehr kann man den hageren Mann mit dem punkig weißen Haarschnitt und dem schelmischen Blick einfach wochentags bei der Arbeit antreffen. Kann mit ihm inmitten von Schubladen voller Malkreiden, Dosen mit Pinseln und angepinnten Zeichnungen auf Packpapier über das Thema Kunst und Kommunikation sprechen. Ein Thema, das ihm eine Herzensangelegenheit ist.

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Das SOS in Wehrheim: Ein Raum, den Andrew James Ward auch mit vielen Auszeichnungen oder den Nachweisen internationaler Stipendien hätte spicken können. Allein: Erst auf Nachfrage druckt der Künstler seine biografischen Daten aus. Erzählt, dass er Gastdozent an der Universität in Zürich war. Kein Wort indes, dass er für den Grand Prix auf dem Pariser Filmkunstfestival nominiert war und der Film „Tamangur“, der sein Werk portraitiert, den Directors Preis beim Slowenischen Film-Festival in 1997 erhielt. „Oh yes, well we did it“, sagt Andrew James Ward. Auch zu den Installationen, in denen er das Thema Sex-Sklavinnen in Taiwan, Korea und den Philippinen von 1999 bis 2004 künstlerisch thematisiert, in denen er die Gespräche mit sexuell missbrauchten Frauen er- und verarbeitet hat.

Ein Besuch im Nationalmuseum der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh hat ihn zu seinen aktuellen Arbeiten inspiriert. „Ich war von den Jahrtausende alten Vasen begeistert. Von ihrer lebendigen Schönheit war ich so gepackt, dass ich mir die Frage stellte: Könnte ich so etwas malen?“ Andrew James Ward hat es getan. Großformatig, um auch diesen – ja es sind weibliche Formen und zugleich archaische Gegenstände – eine fühlbare Körperlichkeit zu verleihen. In Ölfarben, die „auch abends strahlen“. Und aus Dankbarkeit. Denn mit seinen aktuellen Arbeiten „What happens now“ möchte Ward bewusst machen, wieviel wir „unseren Ahnen verdanken und wie glücklich wir sein können, in einem Land im Frieden zu leben.“ Nicht so wie sein Vater, der in deutscher Gefangenschaft war, und den kleinen Buben Andrew mit zu den tausenden weißer Kreuze an die Kriegsgräberstätten in die Normandie mitnahm. Weiße Kreuze, wie sie sich auf einer der Vasen finden, auf der „die Blumen weinen“, in der die Ölfarbe senkrecht nach untern verläuft.

Eine unglaubliche Energiequelle

„But look, isn’t it great“ – ist das nicht großartig? Mit dem Hinweis meint Andrew James Ward nicht seine Fische an einer Wand seines Studios, einen Teil seiner Installation von 100 Bildern, mit denen er auf die Gefährdung des Lachses in seiner Heimat Schottland hinweist und über die er einen Film plant: Nein, es sind die Zeichnungen auf Packpapier an der Wand nahe der Tür. Portraits mit Bleistift von einer Figur mit Hut. „Das Motiv bin ich“, lacht er schelmisch. Gezeichnet haben es Kinder im jüngsten Workshop der School of Seeing. „Sie sollten dabei nicht hinsehen.“ Das Ergebnis: Ein bisschen David Bowie, ein wenig Rod Steward, vielleicht Züge von Samuel Beckett? Assoziationen, die nur im Kopf eines Erwachsenen entstehen. „Kinder sind so einfach zu begeistern. In ihnen steckt eine unglaubliche Quelle von Energie und eine hochintuitive Intelligenz, eben so viel Kreativität.“

Wie in dem schottischen Buben in Anfang der 1960er Jahre, der „ziemlich unfähig in der Schule war.“ Aber mit Mister Robertson auf einen Lehrer traf, der feststellte, dass „ich voll intelligent war, aber kein Interesse an der Schule hatte.“ Der aber die Begeisterung des Jungen förderte, dessen Beobachtungen in der Natur – bei den Fischen und Vögeln zu zeichnen – unterstützte, ihm sogar dazu riet, ein Buch zu veröffentlichen. „Damals war meine Schrift völlig unleserlich“ erinnert sich Andrew James Ward. „So habe ich wohl erfahren, dass man auch mit Bildern sprechen kann.“ Eine Erfahrung, die er bis heute in Workshops für Kinder ebenso wie für Erwachsene weiter gibt: dass Kunst eine Form der Kommunikation ist.

Vernissage zur Ausstellung „What happens now“ ist am Samstag, 21. November 2015, um 20 Uhr. Von 23. November bis 18. Dezember 2015 kann sie montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr besucht werden.

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