Sinclair-Haus

Von der Sünde zur Erkenntnis

Von Corinna Willführerkenntnis

80 Werke aus der einzigartigen Privatsammlung des Heidelberger Wissenschaftlers und Unernehmers Rainer Wild zeigt die aktuelle Ausstellung der Altana-Kulturstiftung im Sinclair-Haus in Bad Homburg. Unter dem Titel „Sünde und Erkenntnis“ präsentiert sie Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. Darunter Werke von Pablo Picasso, Marc Chagall, Andy Warhol, Joseph Beuys, Oskar Schlemmer und Ai Weiwei.

Ein ganzer Früchtekorb

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Thomas Zipp, F.R.O. 2013, Holz, Lack, Spiegel. (Fotos: Willführ)

Die Verführung beginnt beim Titel: „Sünde und Erkenntnis“. Wer da nicht an den Apfel denkt? Die Assoziation ist naheliegend, also zur Geschichte mit Adam und Eva und dem Paradies. Wer die aktuelle Ausstellung der Altana-Kulturstiftung im Sinclair-Haus in Bad Homburg besucht, könnte danach indes den Apfel und nicht nur diesen, sondern auch die Banane, die Traube, die Melone, gar einen ganzen Früchtekorb mit gänzlich anderen Personen in Verbindung bringen.

Mit Karin Kneffel zum Beispiel, deren pralle rotgolden leuchtenden Paradiesfrüchte das Plakat zur Ausstellung zieren, auf das man selbst in dieses beißen möchte. Mit Mel Remos, aus dessen „Chiquita Banana“ (2006) eine nackte Schöne steigt, die so künstlich erscheint, wie das Material, aus dem sie ist: Kunstharz. Oder mit Ai Weiwei. Die Melone des chinesischen Künstlers aus Porzellan wirkt so echt, dass man nur allzu gerne wüsste, ob sie im Innern wie ihr Vorbild aus der Natur voll rotem Fruchtfleisch ist.

Fruchtige Kunstwerke im Sinclair-Haus

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Patricia Waller, Bananenschale, 1998/2012, gehäkelte Wolle

„Der Wissenschaftler, Unternehmer und Stifter Professor Dr. Rainer Wild interessierte sich schon während seines Studiums für die Inhaltsstoffe und die pharmakologische Wirkung von Früchten und widmete diesen Themen seine Diplom- und Promotionsarbeiten.“ Und gab sein erstes Gehalt für ein „fruchtiges“ Kunstwerk aus, wie Ko-Kuratorin Ina Fuchs erläuterte. Damals noch nicht wissend, dass aus diesem einmal eine Sammlung zu einem ganz speziellen Aspekt, zu ganz besonderen Objekten, in der Kunst entstehen würde. Doch Äpfel, Birnen, Trauben und ihre künstlerische Darstellung taten es dem Heidelberger zusehends an. 320 Werke hat er zusammengetragen. Zunächst Bilder, zusehends aber auch Objekte. Eine Sammlung, die Arbeiten aus dem 20. Und 21. Jahrhundert umfasst und weltweit als einzigartig zu diesem Genre gilt.

 Zitrone von Beuys,  Melone von Ai Weiwei

Den Ausgangsbestand bildeten zunächst Werke von expressionistischen Malern wie Emil Nolde oder Alexej von Jawlensky. Aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Sinclair-Haus unter anderem zu sehen: Paul Klees „Ananansbirne“ (1933), Aquarell auf Papier, und Oskar Schlemmers „Mädchen mit Früchtekorbe“, Öl auf Tinte auf Glas. In den 1980er Jahren waren es mehr und mehr die „Jungen Wilden“, die es Professor Wild angetan haben. Und immer mehr die „Frucht in der Kunst“. So kaufte er Kunstwerke „parallel zu seiner Gegenwart.“ Jörg Immendorfs „Esst deutsche Äpfel“ (1965) Andy Warhols „Space Fruit“ (1978), die „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys (1985), Antje Majewskis „Inside the Apple“ (2015).

Mehr als Stillleben
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Ein Objekt der Begierde auch für das Fernsehen: die Kirschen von Bruno Feger vor dem Sinclair-Haus

„Die Frucht in der Kunst“ – Gemeinhin wird sie mit Stillleben assoziiert, als arrangiertes Beiwerk einer Szene. Im Sinclair-Haus sind Stillleben „in geballter Form“ im ersten Raum im ersten Stock versammelt, wie Museumsdirektor Dr. Johannes Janssen erklärt. Eines irritiert nachhaltig: Hans op de Beecks „Vanitas“. Zur Rechten ein Aschenbecher voller Zigarettenkippen, in der Mitte Spraydosen, dazwischen Beerenfrüchte: Dinge aus dem Alltag, mit Gips auf Holz fixiert. Wie unter einem Aschregen erstarrt. Ein „Arrangement“, das keinen Zweifel daran lässt, das alles, was darauf zu sehen ist, tot ist. Ob lebendig oder künstlich.
Den Prozess der Vergänglichkeit hat die Künstlerin Cony Theis festgehalten. An einer Banane. Ihr zwölfteiliger Zyklus aus dem Jahr 1992 – Eitempora auf Leinwand – dokumentiert, was man im heimischen Früchtekorb beobachten kann, worüber man aber nicht nachdenkt: Wie eine Banane dunkle Flecken bekommt, wie sie sich stärker krümmt, wie ihre Schale schwarz wird. Und am Ende?
An das mag gewiss niemand denken, wenn er vor dem Sinclair-Haus die Kirschen von Bruno Feger betrachtet. Prall, leuchtend rot, als Paar ihre Stengel nicht verwoben und doch nach einer Vereinigung trachtend. Bruno Feger, ein Künstler, der einst seine Werkstatt in der Butzbacher Nudelfabrik Heil hatte, mag für diese Arbeit von den Ockstädter Kirschen inspiriert worden sein. Sie sind derzeit in vieler Munde. Während die natürlichen Früchte im Mund nur einen Genuss für den Augenblick spenden, werden die Kirschen von Bruno Feger den Moment überdauern. Und wenn Sie sich demnächst mal über eine unachtsam weg geworfene Bananenschale ärgern: Heben Sie sie auf – und schmunzeln Sie in Erinnerung an das Exemplar, das Patricia Waller aus gehäkelter Wolle geschaffen hat. Ganz im Sinne des „spielerischen Titels der Ausstellung“, wie Museumsdirektor Janssen sagte, hat sie einen Platz auf dem Boden gefunden – und wird wie im wirklichen Leben nicht übersehen werden. Zum Glück kann man auf ihr nicht ausrutschen.

Umfangreiches Begleitprogramm

Bei all den berühmten Künstlern, die die Sammler-Ausstellung „Sünde und Erkenntnis“ vereint: Auch diese Präsentation der Altana-Stiftung wird von einem umfangreichen Programm begleitet, das Menschen an Kunst im Allgemeinen und an das Thema der Ausstellung im Besonderen heranführen bzw. bestehende Kenntnisse erweitern soll. Ein Programm, das sich an Kinder wie Erwachsene richtet, an Einzelpersonen wie an Gruppen.

museum-sinclair-haus.de

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