In der Wetterau wächst der Bestand
Von Klaus Nissen
Die Äcker der westlichen Wetterau sind Betriebsgelände zur Nahrungsproduktion. Aber auch Lebensraum für immer mehr Niederwild. Um das zu veranschaulichen, lud der Landesjagdverband zu einer Feldfahrt bei Wöllstadt ein. Er schafft mit dem Rebhuhn-Hegering und Landwirten Lebensraum für Offenlandvögel, Hamster und Hasen.„Rebhühner-Paradies“ Wetterau
Das Treffen mit den Jägern beginnt an einem unromantischen Ort. Unter der B3-Straßenbrücke zwischen Ober- und Nieder-Wöllstadt steigen acht Männer und eine Frau gegen 19 Uhr auf die Pritsche eines offenen Transporters. Auf Paletten sitzend lassen sie sich zwei Stunden lang durch die Gemarkung kutschieren. Zunächst auf dem Asphaltweg entlang der Bundesstraße in Richtung Frankfurt, dann auf holprige Feldwege.

Zwei in Jäger-Grün gewandete Waidleute stehen bald auf. Mit einer Hand halten sie sich an der schaukelnden Rückseite des Fahrerhauses fest, mit der anderen spähen sie durch Ferngläser. Sie suchen Rebhühner.
Mehr als drei Paare je hundert Hektar
Von diesen grau-braun gefiederten Tieren aus der Familie der Fasanenvögel gibt es dank der Bemühungen von Jagdpächtern und Landwirten immer mehr Exemplare. Während anderswo weniger als ein Brutpaar je hundert Hektar gesichtet werde, zählte man in der westlichen Wetterau zuletzt im Schnitt 3,2 Paare je 100 Hektar offenen Landes. Das berichtet Dr. Nadine Stöveken auf der schwankenden Ladefläche des VW-Busses. Sie ist in der Bad Nauheimer Zentrale des Landesjagdverbandes für die Wildbiologie zuständig.

Seit gut zehn Jahren melden die Rebhuhn-Zähler ihre Sichtungen der Unteren Jagdbehörde. Im Frühjahr lassen sie den künstlichen „Krik“-Balzruf über die Äcker schallen und zählen die Antworten der Rebhähne. Zum 1. September melden sie dann, wie viele „Ketten“ von Eltern und Jungvögeln gesichtet wurden. Erst in der Dämmerung wagen sich die Familien aus der Deckung. „Meistens unterschätzen wir ihre wahre Zahl“, sagt Nadine Stöveken.
Die Tiere brauchen Schutz und Nahrung
Gut einen Kilometer westlich von Nieder-Wöllstadt stoppt Revierjagdmeister Fabian Best den Pritschenwagen. Auf einem Stoppelacker fliegen Feldlerchen auf – leider keine Rebhühner. Auch diese Vögel, Kiebitze, Grauammern und weitere Offenland-Tiere wie Hasen und Feldhamster profitieren von den Wiederbelebungs-Maßnahmen der Landwirte.

Fabian Best deutet auf einen Streifen Gerste, der nicht abgeerntet wurde. Die Getreidekörner sollen aus den Ähren fallen, damit die Feldhamster genug Futter für den Winter in den Erdhöhlen bunkern können. Weil die industrielle Landwirtschaft die Äcker nach der Ernte so schnell neu bestellt, fehlen dem Niederwild nach Schätzung des Landesjagdverbandes pro Hektar 250 Kilo an Futter.
Gleich neben dem übrig gelassenen Gerstenfeld liegt ein mit Sonnenblumen und anderen Blütenpflanzen eingesäter Streifen. Auch er liefert Futter, erläutert Fabian Best. Die Landwirte bekommen für diese Einsaat eine staatliche Förderung. Noch besser als schmale Streifen wären rechteckige Einsaaten, sagt Patrick Fülling von der Oberen Jagdbehörde. Die seien so breit, dass Füchse, Marder und Waschbären die Rebhühner nicht so leicht aufspüren können. Und in den Futterflächen könne man kleine „Wildvogelfenster“ ohne Einsaat anlegen, die die Vögel zum sicheren Anflug und zum Sonnenbaden nutzen.
Der Käferwall ist eine Attraktion für Insekten
Ein Stück weiter ziehen sich drei „Beetle Banks“ (Käferwälle) über einen Acker. Das sind niedrige, mit dem Pflug geschaffene Erdwälle, auf denen Disteln und Wildkräuter wachsen. Ein guter Lebensraum für Insekten, so Fabian Best. Im Juni und Juli leben die frisch geschlüpften Rebhühner von Käfern, Mücken und Fliegen.

Als der Wagen weiter ruckelt, spricht Patrick Fülling von der Oberen Jagdbehörde das nötige „Prädatorenmanagement“ an. Die Jagdpächter haben sich in dieser Gegend verpflichtet, möglichst viele Füchse und Waschbären zu erlegen. Das sei schwierig und bringe kein genießbares Wildfleisch. Die schlauen Waschbären lockt man mit Ködern in große Fallen aus Betonröhren, Metall und Holz. Ein anderer Räuber ist für die Jäger tabu. Auf der Pritsche zeigt der mitfahrende Naturfotograf Ludger Kehr das Foto eines großen Uhus.
An der Nidda haben sich Nilgänse breitgemacht
Fast schon im Dunkeln erreichen die Feldfahrer die Wiesen zwischen Nieder-Wöllstadt und der Nidda. Auf einer Kuhweide sieht man mit dem Nachtsichtgerät viele weiße Flecken zwischen den Binsengras-Büscheln. Ihre Körperwärme verrät zahlreiche Rebhühner und Wildgänse. Und unerwünschte Einwanderer wie die Kanada- und die Nilgans. Diese großen Vögel sind nicht mehr aus der Landchaft heraus zu bekommen, meinen die Jäger übereinstimmend. Aber im Herbst dürfe man auf sie schießen. Aus Nilgans-Fleisch könne man prima Würste und Burger herstellen.
Rebhuhn-Projekt nicht nur in der Wetterau
Einst gab es Millionen Rebhühner in Deutschland und Europa. Doch die industrielle Landwirtschaft beseitigte schützendes Gebüsch und Nahrung für die etwa taubengroßen Vögel der Art „Perdix Perdix“. Wie auch Feldhasen waren sie für die Jäger kaum noch jagdbar. Inzwischen steigen hier die Bestände, weil für mehr Nahrung und Unterschlupf gesorgt wird. Dazu verbündeten sich 2023 die Landkreise Wetterau, Lahn-Dill und Gießen mit dem Regierungspräsidium Gießen, der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und dem Wetterauer Rebhuhn-Hegering.
„Heute leben in der Wetterau anteilmäßig die meisten Rebhühner Deutschlands pro 100 Hektar Landwirtschaftsfläche“, frohlockt die Erste Kreisbeigeordnete Birgit Weckler. Das Projekt läuft bis Sommer 2029 – mehr darüber auf www.rebhuhn-retten.de.
Parallel dazu sucht der Naturschutzbund Deutschland (NABU) nach dem „Vogel des Jahres“. Aktuell ist es der Hausrotschwanz. Auf der Webseite www.vogeldesjahres.de kann jeder bis zum 9. Oktober mitbestimmen, ob das Rebhuhn, die Amsel, der Zwergtaucher, die Schleier- oder die Waldohreule den Titel bekommen.