Kurzeck in Friedberg

Der Poet in der Kreisstadt

Von Jutta Himmighofen-StrackKurzeck

Der Chronist der bundesdeutschen Provinz Peter Kurzeck (Foto) lebte fünf Monate in Friedberg. Er wohnte an der Kaiserstraße über der Buchhandlung Bindernagel. Landbote-Autorin Jutta Himmighofen-Strack sprach mit seiner Gastgeberin Friederike Herrmann, Eigentümerin der Buchhandlung.

Der ältere, feine Herr

Ich spach mit Friederike Herrmann, um mehr über den Chronisten zu erfahren, der mit unglaublicher Konsequenz und Detailtreue seine Erinnerungen an das Leben in der Provinz zu Papier brachte. Ich selbst habe Peter Kurzeck nie persönlich kennen gelernt. Aber ich habe ihn einmal gesehen. Es war bei einer Lesung des in Frankfurter lebenden Schriftstellers Wilhelm Genazino im Friedberger Bibliothekszentrum. Ich nahm einen älteren, feinen Herrn nur für einen kurzen Augenblick im Zuschauerraum wahr. Unaufdringlich und zurückhaltend, aber doch so präsent, dass er mich auch über den Augenblick hinaus beschäftigte. Erst später erfuhr ich von Friederike Herrmann, dass es sich um Peter Kurzeck handelte. Friederike Herrmann hat eine besondere Verbindung zu Peter Kurzeck: Der Schriftsteller lebte im Jahr 2010 fast fünf Monate in ihrer Wohnung direkt über ihrer Buchhandlung.

Landbote: Wie kam es zum Aufenthalt Kurzecks in Friedberg?

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Friederike Herrmann (Foto: Himmighofen-Strack)

Herrmann: Das weiß ich überhaupt nicht mehr so genau. Aber ich glaube, es war der Schriftsteller Andreas Maier, mit dem Peter Kurzeck eng befreundet war, der uns darauf ansprach und den Kontakt herstellte.

Haben Sie Peter Kurzeck erst 2010 kennengelernt?

Hermann: Nein, der erste Kontakt war schon Ende der 80er Jahre. Da lernte ich Peter Kurzeck bei einer Lesung im Butzbacher Museum kennen. Seit dieser Zeit wusste ich, dass der Schriftsteller eine besondere Beziehung zu Friedberg pflegte und mal „gerne auf der Kaiserstraße“ wohnen wollte. Er mochte diese Hauptader Friedbergs, die er regelmäßig bei seinen Fahrten von Stauffenberg nach Frankfurt befuhr.

2010 wurde sein Wunsch dann Wirklichkeit.

Herrmann: Ja. Peter Kurzeck diktierte im Frankfurter Literaturhaus seinen Roman „Vorabend“. 1000 Seiten Manuskript, in engstem Zeilenabstand und Wortabstand in fünf Jahren geschrieben. Vom 19. Juli bis zum 17. September diktierte jeden Werktag von 10 Uhr bis 16 Uhr seinen Vorabend im ersten Stock des Literaturhauses. Sein Verlag hatte Freiwillige dazu aufgerufen, die Schreibmaschine schreiben konnten und einfach Muße hatten diesen umfangreichen Text zu erfassen. Da war unsere zu dieser Zeit leerstehende Wohnung im ersten Stock einfach ein idealer Ausgangspunkt für ihn. Wir haben die Wohnung hergerichtet und mit dem notwendigsten ausgestattet. Peter Kurzeck war ja sehr bescheiden und anspruchslos und es war einfach schön, jemand über sich zu haben, den man mag.

Haben Sie in dieser Zeit viel Kontakt mit Peter Kurzeck gehabt?

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In der Wohnung direkt über der Buchhandlung Bindernagel an der Kaiserstraße in Friedberg lebte Peter Kurzeck fünf Monate.                                                                  (Foto: Himmighofen-Strack)

Herrmann: Nur wenig. Morgens machte er sich, wie viele Pendler, auf den Weg nach Frankfurt und kehrte in Abendstunden zurück. Nur samstags spazierte er über den Markt auf der Kaiserstraße oder besuchte unsere Buchhandlung im gleichen Hause. Auch wenn er als Persönlichkeit eine sehr große Präsenz hatte, habe ich ihn immer als sehr unaufdringlich und zurückhaltend empfunden. Das war sehr angenehm und die wenigen Gespräche oder besser gesagt Sätze von ihm sind mir sehr in Erinnerung geblieben.

Verraten Sie uns einen davon?

Herrmann: Er beschrieb mir mal eine Szene, wie er von unserer Wohnung aus die Vögel beobachtete, „Ich genieße es, wenn die Sonne in den Raum scheint und ich die Vögel entdecke, die mich schon kennen.…“ Dann hatte ich fast das Gefühl ich höre ein Hörbuch von ihm. Er spricht nicht einfach, sondern er erzählt.Ich höre mit meiner Familie immer mal wieder seine Hörbücher. Manchmal passiert es uns, wenn wir nebenbei kleine Arbeiten erledigen, dass es einen Zeitpunkt bei seinen Erzählungen gibt, in dem wir nur noch eins können: Dieser wunderbaren Erzählkunst lauschen.

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