Kunst in Kirchen

Sakrale Räume neu erfahren

Von Corinna Willführ

Schon lange nicht mehr in einer Kirche gewesen? Das lässt sich mit einem Besuch des Projekts „Kunst in Kirchen“ in der Wetterau ändern. In fünf Sakralbauten beider Konfessionen längs der Bonifatius-Route zeigen fünf etablierte zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler sowie eine Gruppe von Jugendlichen der Johann Peter Schäfer-Schule in Friedberg Werke zum Thema „Hinschauen“. Allesamt verändern sie den Blick auf und die Wahrnehmung in (scheint’s vertrauten) Kirchenräumen. Zum Gottesdienst muss man nicht. Die beteiligten Kirchen sind bis 10. Oktober täglich von 12 bis 18 Uhr geöffnet.

Die evangelische Kirche in Glauberg liegt mitten im Ort, ein wenig zurückversetzt an der Hauptstraße. Kaum öffnet man dort nachmittags die Tür, ist ein irritierender Ton zu hören, dessen Quelle zunächst nicht auszumachen ist. Schlägt da ein Pendel, gibt ein Metronom den Takt vor oder pocht überdeutlich irgendwo ein Herz? Für die Irritation sorgt der Kölner Künstler Malte Lück. Zu sehen ist er in einer Video-Projektion an der rechten Wand vor dem Altar. Eingesperrt in eine Zwangsjacke sucht er seine Hände zu befreien, die – das „Hinschauen“ braucht einige Minuten – schwarze Fäustlinge unbestimmbaren Materials hervorbringen. Es sind „Erdherzhände“, wie Malte Lück sie und seine dreiteilige Installation nennt. Zu dieser gehören auch stilisierte Schwarz-Weiß-Zeichnungen unter Glas von der Entwicklung des Menschen von der Eizelle bis zum aufrechten Gang. „Erde in Erde in – Erde aus uns“ – nennt er sie. Folgt man den Tafeln trifft man zur Linken des Altars auf die schwarzen Fäustlinge aus dem Video: seine „Erderzhände“.

Moderator der Eröffnungsveranstaltung Markus Karger (links) und Kurt Racky vom Verein Bonifatius-Route stellten in einem Sketch den Namensgeber der Wander- und Pilgerstrecke von Mainz nach Fulda, den Heiligen Bonifatius vor. (Fotos: Corinna Willführ)

Die Arbeiten müssen Tiefe haben

Wie seine Kolleginnen in professione Dorthe Goeden und Verena Freyschmidt (Lichtinstallation in der katholischen Kirche St. Andreas in Altenstadt), der Künstler Eberhard Ross („Listening to colours watching sounds“ in der katholischen Kirche St. Josef in Büdingen-Düdelsheim) und Sebastian Scheid (Keramiken in der evangelischen Kirche in Düdelsheim) ist der Entscheidung, ihre Arbeiten zu präsentieren, ein Auswahlverfahren vorausgegangen.

Joachim Albert ist Leiter der siebenköpfigen Projektgruppe von „Kunst in Kirchen“ und seit 2014 Kurator der Ausstellungen.

Joachim Albert, seit 2014 Kurator und Leiter der siebenköpfigen Projektgruppe: „Entscheidend für die Auswahl war ein gutes Konzept. Die Arbeiten, die bei „Kunst in Kirche“ gezeigt werden, müssen Tiefe haben. Sie müssen einen auch unter formalästhetischen Kriterien ansprechen, und die Aussage muss gut umgesetzt sein.“ Mehr als 40 Kunstschaffende hatten sich für „Kunst in Kirchen“ in der Wetterau 2021 beworben. „Ihre Zahl nimmt stetig zu“, so der Kurator. Denn das Renomme der vom Wetteraukreis in Kooperation mit den Kirchen aus den Evangelischen und dem Katholischen Dekanat seit 2008 veranstalteten Reihe wächst. Auch das Interesse in den Kirchengemeinden, an dem Projekt mitzumachen. Auf einer „Roadshow“ sehen sich die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler die Kirchenräume an, entscheiden sich für eines der Gotteshäuser. So wie Dorthe Goeden und Verena Freyschmidt, deren Gemeinschaftsarbeit in der Taufkapelle von St. Andreas zu sehen ist. Eine Lichtinstallation (in „Schwarz-Weiß“) als Kontrapunkt zu den farbigen Glasfenstern in der Apsis der Kirche. Verena Freyschmidt: „Wir waren sehr oft hier und haben uns diesen Platz ausgesucht, um Licht in diese eher dunkle Ecke der Kirche zu bringen.“

Die Fokussierung des Blicks

Einen besonderen Bezug zu der aktuellen Ausstellung haben die Werke von Sebastian Scheid. Der Keramiker aus den „Werkstätten auf der Hosset“, 1986 von seinen Eltern Ursula und Karl Scheid gegründet, stellt in der evangelischen Kirche seines Heimatorts sieben Schalen aus, die sich auch auf die Elemente beziehen. „Es geht um die Fokussierung des Blicks. Hier sieht Scheid die Verbindung zum diesjährigen Kooperationspartner, dem Verein Bonifatius-Route. Beim Pilgern geht es um das Zentrieren der Gedanken, beim Töpfern geht es um die Zentrierung des Tons, um sich selbst zu finden, um Meditation“, wie Birgit Moskalenko im Ausstellungskatalog schreibt.

In 25 verschiedenen Farbtönen von „Schwimmbadblau über Milkafarben und Apfelgrün“ schillert das Steinmosaik, das Noah, Mark, John, Arthur und Daniel in monatelanger Arbeit für die evangelische Kirche Staden erstellt haben. Die fünf Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren besuchen die Peter Schäfer-Schule in Friedberg, einer Einrichtung für blinde und sehbehinderte Jungen und Mädchen. Ihr Werk lädt nicht nur zum „Hinschauen“ ein, sondern bietet auch die Gelegenheit „Steine aus dem Weg zu räumen“.

Volkhard Guth ist „gespannt auf die Resonanz auf ‚Kunst in Kirchen‘ in der Wetterau 2021. Der Dekan des Evangelischen Dekanats Wetterau bedanke sich bei der Eröffnungsveranstaltung bei den Kirchen, „die den Mut haben, sich zu öffnen. Denn Kirche kann mehr.“ Guth ist überzeugt, „dass wir aus den bisher eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten mehr herausholen können.“

Darüber können zum Beispiel die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wanderung am Sonntag, 12. September, diskutieren. Sie gehört zum mit dem Verein Bonifatius-Route gestalteten Rahmenprogramm und führt von Düdelsheim nach Glauberg (mit dem Besuch der beteiligten Kirchen). Die anspruchsvolle Tour (11 Kilometer) beginnt an der Evangelischen Kirche in Düdelsheim. Fünf Kilometer lang ist der Rundgang am Sonntag, 19. September, von 14 bis 17 Uhr von der Evangelischen Kirche Staden durch das Naturschutzgebiet „Mähried von Staden“.

kunstinkirchen-wetterau.de

Titelbild: Ein wirklicher Blickfänger in der Taufkapelle von St. Andreas in Altenstadt: die Lichtinstallation von Dorthe Goeden und Verena Freyschmidt.

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