Kolonialismus

Schüler sprechen über Namibia

Für viele der etwa 80 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Gießen Ost und der Ricarda-Huch-Schule Gießen war das Thema Namibia, der deutsche Kolonialismus und die aktuelle Debatte rund um das Versöhnungsabkommen zwischen Deutschland und Namibia ganz neu – wenig findet sich davon im Unterricht, in Geschichtsbüchern und auch in der Erinnerungskultur Deutschlands. Umso wertvoller, eindrücklicher und teilweise auch erschütternd war für sie der Vortrag und die anschließende Diskussion mit Naita Hishoono, Leiterin des Namibia Instituts for Democracy, einer NGO für politische Bildung in Windhoek.

Hishoono hat auf Einladung der Stadt Gießen mit den Jugendlichen jeweils an ihren Schulen die Hintergründe der hochaktuellen und brisanten Debatte in Namibia besprochen. Stadträtin Astrid Eibelshäuser sowie die Schulleiter Dr. Frank Reuber und Peer Güßfeld begrüßten Hishoono in den Schulen.

Historischer Völkermord

Die koloniale Zeit in Namibia prägt das Land bis heute, schreibt die Pressestelle der Stadt Gießen. Von 1884 bis 1915 war „Deutsch-Südwestafrika“ eine Kolonie Deutschlands. Der ab 1904 von den Deutschen an den Volksgruppen Ova, Herero und Nama verübte Völkermord gilt als der erste des 20. Jahrhunderts. Damals wurden Teile der östlichen Grenze abgeriegelt, Wasserstellen besetzt und auf zurückkehrende Menschen der Gruppen geschossen.

Eckhard Pfeffer, Lehrer an der Ricarda-Huch-Schule, Naita Hishoono, Leiterin des Namibia Instituts for Democracy, Janina Brendel, Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik der Stadt Gießen nach der Diskussionsrunde mit den Schülern an der Richarda-Huch-Schule. (Fotos: Stadt Gießen)

Gezielte Vernichtung

Hishoono stellte den Schülern vor, wie sich der Krieg zu dieser gezielten Vernichtung bis hin zum Bau von Konzentrationslagern entwickelte und las den originalen damaligen Vernichtungsbefehl vor – ein für alle Zuhörenden emotional aufrüttelnder Text. Hier knüpfte die Referentin auch an die aktuellen Entwicklungen an: Nach fünfjährigen Verhandlungen steht ein Versöhnungsabkommen zwischen Deutschland und Namibia vor der Ratifizierung, das erstmals offiziell die Verbrechen der Kolonialtruppen als Völkermord anerkennt.

In Namibia stoßen die als zu gering erachtete Höhe der Wiedergutmachungszahlung und die mangelnde Beteiligung der Volksgruppen der OvaHerero und der Nama am Verhandlungsprozess auf Protest.

Kritik am Begriff „Wiedergutmachung“

Nach dem Vortrag blieb auch viel Raum für Fragen der Schüler: Wie es den OvaHerero, Nama und Damara heute gehe, wollten sie wissen. Ob Namibia eine Demokratie sei und ob der Kolonialismus in Namibia im Lehrplan vorkäme? Auch Hishoono stellte den Jugendlichen eine Frage: „Denkt ihr, die Nachkommen haben das Recht Reparationen zu fordern und sollte Deutschland diese zahlen? Und überlegt euch, wie das mit anderen ehemaligen Kolonialmächten wie etwa Spanien und Portugal ist.“

Die Antwort der Schülerinnen und Schüler hierauf war sehr deutlich: „Ich wäre enttäuscht von der deutschen Regierung, wenn diese ihrer Verantwortung nicht nachkommen würde und die Reparationen nicht gezahlt würden.“ Der Begriff „Wiedergutmachung“ fand einige Kritik: „Einen Völkermord kann man gar nicht wieder gut machen“, so eine Aussage. Hishoono ist es wichtig, dass eine Entschuldigung Deutschlands nicht nur in Namibia erfolgen sollte. Auch in Deutschland sollte ihrer Ansicht nach ein deutliches Zeichen gesetzt und eine Erinnerungskultur zur gemeinsamen Geschichte mit Namibia geschaffen werden.

Austausch der Schulen

Organisiert wurde diese Begegnung von Janina Brendel, Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik im Büro für Integration der Universitätsstadt Gießen im Rahmen des städtischen Austauschprojekts zur Agenda 2030 zwischen Gießen und Windhoek, an dem Jugendliche beider Schulen erneut teilnehmen.

Titelbild: Naita Hishoono zeigt den Jugendlichen während ihres Vortrags viele Facetten der Geschichte Deutschlands und Namibias.

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