Klima-Demo in Friedberg

Der größte Zug seit Jahrzehnten

Knapp 2000 Menschen kamen am 20. September 2019 zur Demonstration von Fridays for Future nach Friedberg. Diese Menge übertraf die Erwartungen der Organisatoren und auch der Polizei um etwa das Fünffache. Alle Lebensalter waren beim lauten Protestzug durch Friedberg dabei

Laute Klima-Demo in Friedberg

Viele Kinder liefen ganz vorn im Protestzug. Manche hatten auch ihre Eltern dabei. Fotos: Nissen

Acht junge Leute hatten den Protestzug und die Kundgebung vorbereitet. Sichtbar aufgeregt bemühten sie sich – schließlich erfolgreich – vor dem Friedberger Bahnhof eine Struktur in den Massen-Auflauf zu bekommen. Die Versammlungsleiterin Eva Parbel und ihre Mitstreiter schärften den Demonstranten ein, nur die rechte Straßenseite zu benutzen. Das klappte, bis schließlich auf der Kaiserstraße so viele Menschen für Fridays for Future unterwegs waren, dass auch die Gegenfahrbahn für Autos unpassierbar wurde.

An der Sitze des Zuges sah man vor allem Jugendliche, Kinder bis hinunter ins Grundschulalter und vereinzelt auch Mütter und Väter. Den großen Rest stellten je zur Hälfte vor allem Jugendliche und Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Unter den Älteren gab es immer wieder ein freudige Wiedersehens-Szenen. Er treffe lauter Leute, die er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, sagte ein Friederger. Etliche von ihnen waren schon während der Proteste gegen Mittelstreckenraketen und die Startbahn West auf den Friedberger Straßen. Nun liefen sie mit ihren Kindern und Enkeln durch die Stadt, um sofortige Maßnahmen gegen den Klimawandel einzufordern.

Von einer großen Handkarre aus verteilte Thomas Wolff  Gratis-Karotten unter den Demonstranten. Auf der Mauer links die Versammlungsleiterin Eva Parbel. Foto: Nissen

Viele Protestierer hielten selbstgemalte Schilder in die Höhe. „Ein toter Planet ist auch schlecht für die Wirtschaft“, lautete eine Botschaft. Eine andere: „SUV’s von den Straßen! Oder auch: „Opa – was ist ein Schneemann?“. Eine Trommlergruppe machte den mehrere hundert Meter langen Zug unüberhörbar. Fast pausenlos gab es Sprechchöre: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Oder: „Das ist die Antwort auf die Politik – Streik in der Schule, Streik in der Fabrik!“

Nicht alle Schüler laufen mit

Sie kämen aus der Bad Nauheimer Waldorfschule, sagten einige junge Mädchen auf Nachfrage. Da sei man für Fridays for Future vom Unterricht freigestellt worden. Am Friedberger Burggymnasium waren die letzten Stunden des Freitags-Unterrichts ausgefallen, berichteten andere Demonstrantinnen. An der Adolf-Reichwein-Schule und der Berufsschule im Haus des Handwerks lockte die Demo junge Leute an die Fenster und vor die Tür – doch kaum jemand lief spontan mit in Richtung Stadtzentrum. Vor dem Augustiner-Gymnasium hielten Demonstranten an, skandierten: „Hey, hey, von der Schule auf die Straße!“ Doch nur zwei Jungs trauten sich. Gut 30 weitere Teenager schauten sich die Demo mit zehn Meter Sicherheitsabstand und verschränkten Armen an. Sie hätten noch Unterricht, sagte ein Mädchen. „So eine kleine Demo bringt doch nichts“, meinte ein etwa 14-Jähriger. „Elektroautos sind uncool“, befand ein anderer Gymnasiast. Er will lieber Benziner fahren, sobald er einen Führerschein hat. Kommunalpolitiker aus Friedberg fehlten mit Ausnahme etlicher Grüner bei der Klimademo ebenfalls. Außerdem waren nur wenige Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund auf der Demo auszumachen.

Auch mit zwei grünen Gießkannen kann man Begleitmusik zu den Sprechchören machen. Foto: Nissen

Auf der Kleinen Freiheit an der Kaiserstraße gab es eine Kundgebung. Hier sei „eine echte Bürgerbewegung“ entstanden, rief der evangelische Dekan Volkhard Guth. „Ihr übernehmt heute Verantwortung!“ Man könne nicht so tun, als gäbe es noch eine Erde in Reserve. Für die DGB-Jugend sagte Mahran Pulkert, der von den Gewerkschaften mitgetragene Kohle-Ausstieg 2038 sei zu spät. „Wenn es möglich ist, machen wir es auch früher.“ Dann weiter bis vor die Burg. Der Verkehr kam zum Erliegen. Die meisten Menschen an den Tischen der Straßencafés verfolgten den Zug stumm, mit ausdruckslosen Gesichtern. Eine junge Bedienung wippte aber mit dem Rhythmus der Sprechchöre in den Knien. An der Burg vorbei, zogen die Klima-Mahner weiter und bogen  links in die Vorstadt zum Garten ein, in der es seit Menschengedenken keine Demonstration gegeben hatte. Nach zweieinhalb Stunden erreichten sie die Seewiese. Fridays for Future soll weiter freitagmittags am Bahnhof in Friedberg stattfinden.

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