John Lewis ist tot

Der Rassismus lebt weiter

von Ursula Wöll

John Lewis, der Bürgerrechtler und Mitstreiter von Martin Luther King ist tot. Er starb 80jährig am 17. Juli 2020 in Atlanta. Der Rassismus jedoch ist zählebig, heute deckt die Bewegung ‚Black Lives Matter‘ seine Auswüchse auf. Man denke nur an den Tod von Georg Floyd, der unter einem Polizeiknie erstickte. Auch bei uns werden BürgerInnen mit dunkler Hautfarbe (People of Color) oft noch verschieden behandelt. Sie sind unsere Nachbarn, ArbeitskollegInnen, FreundInnen. Aber in Bilderbüchern etwa tauchen sie kaum auf. Wie sollen da Kinder lernen, solidarisch miteinander umzugehen? Und wie müssen sich farbige Kinder fühlen, wenn sie gar nicht vorkommen in den Geschichten!

Beharrlich für Gleichberechtigung

„I have a dream.“ So rief Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington den Hunderttausenden vor dem Lincoln-Memorial zu. Auch John Lewis sprach auf dieser historischen Kundgebung für politische und soziale Gleichheit von farbigen und weißen AmerikanerInnen. Mit großer Beharrlichkeit setzte sich John Lewis für dieses Ziel ein. Viele Male saß er dafür im Gefängnis. Vor seiner Vereidigung umarmte ihn Barack Obama. Er dankte ihm für seine Beharrlichkeit, ohne die er selbst nicht Präsident geworden wäre. Martin Luther King war ja bereits 1968 erschossen worden. John Lewis wurde „nur“ viele Male niedergeprügelt. So 1965 auf einem Marsch von Selma nach Montgomery auf einer Brücke. Über diese Brücke fuhr nun sein Sarg auf einer Pferdekutsche, während die Trauernden beiderseits der Route das Bürgerrechtslied „We shall overcome“ sangen. Sie hatten die Brücke als Erinnerung an jenen „Bloody Sunday“ von 1965 mit roten Rosenblättern bestreut.

Die Brücke heißt noch immer Edmund-Pettus-Brücke. Aber das soll sich bald ändern, denn Edmund Pettus war ein Führer des rassistischen und gewalttätigen Ku-Klux-Klan. Im Vergleich zu damals wurde viel erreicht. John Lewis, der Sohn eines armen Baumwollpflückers, brachte es zum Abgeordneten der Demokraten im Repräsentantenhaus. In ganz Amerika wurde nun halbmast geflaggt nach seinem Tod. Aber noch ist es ein langer Weg bis zur vollen sozialen Gleichheit aller People of Color.

Unsere Kinderbücher

Auch bei uns bleibt noch einiges zu tun. Während die Afrikaner als Sklaven in die USA geholt wurden, teilten die Europäer, auch die Deutschen, Afrika unter sich auf. Hier wie dort wurden die Afrikaner als weniger wertvoll angesehen, um sie mit ruhigerem Gewissen ausbeuten und zur Arbeit prügeln zu können. Schon 1918 waren die deutschen Kolonien verloren. Aber ganz hinten in unseren Köpfen gibt es immer noch eine Hierarchie, wenn wir ehrlich sind. Wir teilen Menschen in erste und zweite Klasse ein. Natürlich reden wir nicht mehr abschätzig von ‚Niggern‘ und akzeptieren Schwarze als Models und Fußballer. Aber wenn etwa in dem Kinderbuch-Klassiker ‚Pippi in Taka-Tuka-Land‘ geäußert wird, dass Pipis weiße Haut „viel feiner ist als die schwarze“, so werden falsche Einstellungen fortgeschrieben, ohne dass es die jungen LeserInnen bewusst wahrnehmen.

Doch meist kommen farbige Menschen in unseren Bilderbüchern überhaupt nicht vor. Die IllustratorInnen übersehen, dass unsere Gesellschaft nicht nur aus weißen Mitgliedern besteht. Da machte es einiges Aufsehen, als der Insel-Verlag 2019 ein Bilderbuch mit dem Titel „Rosa Parks“ herausgab. Das zeigt nämlich durchgängig schwarze Menschen. Kein Wunder, denn es erzählt die Geschichte von Rosa Parks, die 1955 in Montgomery die Bürgerrechtsbewegung ausgelöst hatte. In einem Bus hatte sie ihren Sitzplatz nicht für einen weißen Fahrgast geräumt. Dafür kam sie kurz ins Gefängnis, und im Anschluss hielt die schwarze Bevölkerung der alabamischen Hauptstadt einen Busstreik über ein Jahr durch, bis die diskriminierenden Bestimmungen verschwanden.

Dieses Bilderbuch musste schon durch den biografischen Inhalt seiner Geschichte schwarze Menschen abbilden. Die meisten Bücher für Kinder haben jedoch Geschichten aus ihrem Alltag zum Inhalt. In ihnen erkennen sich die jungen LeserInnen wieder, verinnerlichen das dargestellte wünschenswerte Verhalten und lernen andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Doch obwohl wir es im Alltag mit einer beträchtlichen Zahl von farbigen Menschen zu tun haben, tauchen diese in den allermeisten Bilderbüchern gar nicht auf. Erst in jüngster Zeit gibt es einige, in denen farbige Kinder vorkommen. So etwa in der Bilderbuch-Reihe „Kalle und Elsa“ aus dem Verlag Bohem Press, deren dritter Band „Kalle und Elsa lieben die Nacht“ im Mai herauskam. Die Reihe schildert die kleinen, aber spannenden Alltags-Erlebnisse des dunkelhäutigen Kalle und der hellhäutigen Elsa. Im letzten Band geht es um die Übernachtung bei dem jeweils anderen. Vor allem farbige Kinder können sich mit dem Protagonisten identifizieren, weil sie überhaupt in der Geschichte vorkommen. Und weiße lernen ganz nebenbei den selbstverständlichen freundschaftlichen Umgang mit ihnen. Aus dem Schwedischen übersetzt, werden die Kalle-und-Elsa-Bücher hoch gelobt. Ich gestehe, dass ich den neuen Band noch nicht gelesen habe. Wer eines jener raren Bücher kennt, in denen nicht nur weiße Gesichter auftauchen, möge bitte einen Kommentar schreiben!

Kinder identifizieren sich stark mit den dargestellten Figuren. Es ist daher nicht egal, was so kleine Menschen im Buch sehen und was sie vorgelesen bekommen. Die Eindrücke in einem frühen Alter sind besonders tiefgehend und prägend. Ich selbst, aufgewachsen in einem bücherfernen Elternhaus, kann noch heute beschreiben, wie mein erstes Buch aussah. Deshalb ist die sorgfältige Literatur-Auswahl von Kinderbüchern ganz besonders wichtig.

Titelbild: John Lewis

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