Italien trotzt Corona

Gemeinsames Singen macht Mut

Große Sorgen bereitet nicht nur die Corona-Entwicklung in Deutschland. Bekanntlich hat es andere Länder wie Spanien oder auch die USA besonders hart getroffen. Dr. Alessandra Riva, Pressesprecherin der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen (DIG), schildert die erschütternde Situation in Italien. Hilfe kommt unter anderem aus Deutschland.

Öffentliches Leben stillgelegt

Noch wenige Tage vor der deutschen Schulschließung aufgrund der Coronakrise hat die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen einen informativen zweisprachigen Gesprächskreis mit Jincy Zappaterra (ehemalige Mitarbeiterin der Stadt Ferrara) in Gießen angeboten, berichtet Riva. Durch eine Fotopräsentation wurde nicht nur die Kunst- und UNESCO-Stadt Ferrara (Partnerstadt Gießens) präsentiert, sondern es ging auch um kulturelle, sportliche und soziale Institutionen.  Projekte und Ideen sollen zwischen beiden Städten entwickelt werden.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits die DIG-Studienreise im April 2020 in die „Fahrradstadt“ Italiens abgesagt – allerdings war die Situation in der 350.000-Einwohner-Stadt Anfang März noch überschaubar mit nur vereinzelten Infizierten. Am 21. Februar stiegen die Corona-Fälle in Codogno (Provinz Lodi, Lombardei) und Vo’ Euganeo (Provinz Padua, Venetien) und beide Gemeinden zusammen mit anderen neun Gemeinden der Provinz Lodi wurden mit dem Dekret vom 23. Februar als „rote Zone“ erklärt: Das öffentliche Leben wurde stillgelegt und für die Bürger galt eine Ausgangssperre.

Das Foto entstand, bevor die Situation dramatisch wurde: DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci (l.) und Jincy Zappaterra (r.) erklären Besonderheiten von Ferrara: wie das Brot “coppia“, dessen Bild gezeigt wird. (Foto: A. Riva/DIG).

Restaurants spenden ans Pflegpersonal

Am 8. März wurden dann die gesamte Region Lombardei und weitere 14 Provinzen als Sperrgebiet erklärt. Diese Nachricht setzte viele Süditaliener mit Wohnsitz in Mailand und Umgebung in Panik, so dass hunderte von Menschen in der Nacht zum Hauptbahnhof strömten, um schnell den letzten Nachtzug Richtung Süden zu nehmen und die Familie zu erreichen, bevor die Sperre in Kraft treten würde. Auch zahlreiche Mailänder versuchten, ihre Ferienhäuser in andere Regionen schnell zu erreichen. Diese Tatsachen führten zum unmittelbaren Erlass des nächsten Dekrets „Io resto a casa“ („Ich bleibe zu Hause“) ein Tag später, so dass vom 10. März an die Maßnahmen für ganz Italien bis zum 3. April galten. Sie werden aber angesichts der dramatischen Situation insbesondere in Norditalien immer wieder verschärft und verlängert.

Durch Dekret vom 1. April werden die Ausgangssperre und die aktuellen Einschränkungen mindestens bis zum 13. April weitergeführt. Die Bürger dürfen seit über drei Wochen nur mit einer auf der Webseite der Regierung herunterladbaren Selbsterklärung ihre Wohnung verlassen, in der sie angeben müssen, ob sie beruflich, aus triftigen Gründen (z.B. Lebensmittel einkaufen, ältere Verwandte betreuen…) oder aus gesundheitlichen Gründen unterwegs sind. Die Bescheinigung wurde schon vier Mal verändert und aktualisiert, u.a. muss man jetzt auch ankreuzen, dass man nicht positiv getestet wurde und sich nicht in Quarantäne befindet.

Seit Ende März dürfen die Bürger die eigene Gemeinde nur im Notfall verlassen. Die Polizei kontrolliert und bei Falschangaben wird ein Verfahren eingeleitet. Nur Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Tabakläden, Drogeriemärkte und Kioske sind geöffnet. Die Kunden müssen mindestens einen Meter Abstand halten. Der Zutritt in die Räumlichkeiten der Läden ist eingeschränkt, damit nicht zu viele Leute gleichzeitig dort sind, und es bilden sich stundenlange Schlangen vor den Supermärkten. Schulen und Universitäten haben seit den Faschingsferien nicht mehr geöffnet. Unterricht findet online statt bzw. Materialien und Hausaufgaben werden übers Internet zur Verfügung gestellt. Diskutiert wird momentan auch, wie Abitur oder Abschlussprüfungen abgehalten werden sollen. Wenn möglich, sollen Berufstätige im Home-Office arbeiten. Öffentliche, religiöse, Kultur- und Sportveranstaltungen sind abgesagt. Parks, Spielplätze, Gärten wurden geschlossen. Restaurants und Bars müssen seit dem  10. März komplett schließen. Viele Restaurants, Pizzerien und Konditoreien spenden ihre Produkte an das Pflegepersonal in den Krankenhäusern.

Vor Genua wurden Delfine gesehen

Beeindruckend: Das Wasser in den Kanälen von Venedig ist wieder klar, dort und auch vor der Hafenstadt Genua hat man wieder Delfine gesehen. In den ersten Tagen der Ausgangssperre fanden auch zahlreiche Initiativen statt, die durch ganz Italien über die sozialen Netzwerke kursierten, wie ein Flashmob mit Aufruf, von den Balkonen abends die Nationalhymne und andere Lieder zu singen, um auf Distanz vereint zu bleiben und sich Mut zu machen. Dazu erhört auch die  Applauswelle für Ärzte und Pflegepersonal oder das gleichzeitige Anzünden von Kerzen oder Taschenlampen auf den Fenstern bzw. Balkons. Kinder wurden  aufgefordert, Regenbögen zu malen und mit den Wörtern „Andrà tutto bene“ („Alles wird gut“) zu beschriften und die Plakate am Fenster oder Balkon zu hängen.

Plünderungsversuche in Palermo

Mit dem Dekret vom 22. März wurde weiterhin ein Produktionsstopp für nicht notwendige Industrien angeordnet. Viele Kleinunternehmer, Selbständige, Händler erleiden Riesenverluste und auch zahlreiche Arbeitnehmer werden nur in Kurzarbeit beschäftigt. Arbeitskräfte ohne Verträge und Zeitarbeiter sind ebenfalls schwer betroffen. In Palermo sind schon Plünderungsversuche in Supermärkten vorgekommen, die die Polizei verhindert hat. Die Regierung will mit dem Dekret „Cura Italia“ vom 17. März das Gesundheitssystem ausbauen und Familien, Selbständige, Unternehmen und Arbeitnehmer während der Corona-Krise unterstützen. So werden einmalige 600 Euro Entschädigungszahlung für Selbständige und Händler bereitgestellt sowie Babysitter-Bonus und befristete Elternzeit für berufstätige Eltern gewährt.  Für Betriebe werden Steuerzahlungen und Finanzierungszinsen ausgesetzt bzw. verschoben.

In den Provinzen von Bergamo und Brescia sind die Krankenhäuser an ihre Grenzen gekommen und viele Erkrankte können nicht eingeliefert werden, weil es an freien Betten mangelt. Mehrere Ärzte und Krankenpfleger haben sich ebenfalls infiziert, da Schutzkleidung fehlt. Militärkonvois fahren die Särge aus Bergamo zu anderen Städten (auch nach Ferrara) zur Einäscherung, da das lokale Krematorium überfordert ist. Im Moment ist es nicht möglich, eine würdige Beerdigung der Opfer zu veranstalten. Nur in Bergamo und Provinz zählt man über 2000 Covid-19-Tote; lokale Quellen und Datenforschungsinstituten berechnen aber zwischen 4500 und 5000 Opfer im letzten Monat. Modefirmen wie Armani haben ihre stillgelegte Produktion in die Herstellung von Schutzkleidung verwandelt, Ingenieure konnten Schnorchelmasken mit einem 3D-Ventil versehen und als Beatmungsgerät verwenden.

Auch Deutschland versucht zu helfen. 63 Corona-Patienten wurden in Krankenhäuser der Bundesrepublik (u.a. Dresden, NRW, Berlin, Bayern und 14 Covid-Schwerkranke aus der Emilia Romagna in die europäische Partnerregion Hessen) durch die Luftwaffe eingeflogen. Nach einem anfänglichen Exportstopp von Schutzausrüstung Anfang März wurden eine Million Schutzmasken, sieben Tonnen Hilfsgüter, darunter auch 300 Beatmungsgeräte, und Ärzte als Unterstützung nach Italien geschickt.

Es gibt bereits über 15.000 Tote

Zwischen den Staatspräsidenten Frank-Walter Steinmeier und Sergio Mattarella gab es eine freundliche Korrespondenz. Solidarität wird auch von der deutschen Bevölkerung gezeigt, z.B. in den sozialen Netzwerken. Es kursierte ein Video von Bürgern aus Bamberg, die mit dem Lied „Bella ciao“ den Italienern eine schnelle Befreiung vom Virus wünschten. Am 4. April 2020 zählt Italien seit Beginn der Pandemie 124.632 Covid-Fälle, darunter 88.274 aktuell positiv, 15.362 Tote (noch vom Gesundheitsinstitut Istituto Superiore di Sanità zu bestätigen) und 20.996 Genesene.

DIG ruft zu Spenden auf

Die DIG Mittelhessen e.V. zeigt ihre Verbundenheit zu Land und Leuten mit einem Spendenaufruf zugunsten des italienischen Zivilschutzes (Protezione Civile). Gemäß dem Dekret Nr. 18 vom 17.03.2020 (sogenanntes Dekret „Cura Italia“) wurde ein Spendenkonto für die COVID-19 Notlage in Italien eingerichtet.

Kontoinhaber: Pres. Cons. Min. Dip. Prot. Civ.
Bankinstitution: Banca Intesa Sanpaolo Spa
Filiale di Via del Corso, 226 – Roma
IBAN: IT84 Z030 6905 0201 0000 0066 387
BIC: BCITITMM
Verwendungszweck: Emergenza Coronavirus

Einen Link zu weiteren Spendenmöglichkeiten und -projekten, die der Dachverband VDIG aufgelistet hat, findet man auf der Webseite dig-mittelhessen.de

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