Griechenland

Massaker unter deutscher Besatzung

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„Distomo“ von Sogal – Template:SOGAL. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Von Ursula Wöll

Ab und an sprechen griechische Politiker die bisher nicht gezahlte Gutmachung für das Wüten der deutschen Wehrmacht und der SS in Griechenland während des 2. Weltkrieges an. Nun, ich wusste von den Massakern in Ouradour in Frankreich, Marzabotto in Italien und Lidice in Tschechien. Von dem Dorf Distomo  in Griechenland hatte ich nur vage etwas gehört. Was geschah genau in Distomo?

Griechenland 1941 – 1944

Ich lieh mir das Buch von Anestis Nessou „Griechenland 1941 – 1944“, Universitätsverlag Osnabrück 2009 und erschrak: Distomo ist nur eines von vielen Massakern und Verwüstungen unter deutscher Besatzung. Mir wurde übel, vor Ekel und Scham. Wegen damals, aber auch wegen heute. Ich erinnerte mich etwa, wie Schäuble seinen jüngeren Kollegen von oben herab abbürstete. Meine Hilflosigkeit macht mich wütend. Außer täglich Schafskäse essen und Urlaub dort machen, fällt mir nichts ein, um dem Land zu helfen. Wenigstens über die historischen Ereignisse möchte ich aufklären.

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Gemeinde Kalavryta („Greece location map“ von Lencer – own work, using United States National Imagery and Mapping Agency data. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Der deutsche Griechenlandfeldzug begann am 6. April 1941, am 27. April wurde Athen, bis zum 3. Mai die griechische Inselwelt besetzt, und am 1. Juni 1941 fiel auch Kreta in die Hand der Invasoren. Das Land wurde in eine deutsche, italienische und bulgarische Zone aufgeteilt, nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 besetzten deutsche Truppen auch diese Zone. Die „Richtlinien zur Bekämpfung der Aufständischen“ vom März 1942 griffen Keitels „Sühnequote“ von mindestens 1:50 bei Geiselerschießungen auf. Sie beginnen so: „Keine Gefühlsduselei! Es ist besser, dass 50 Verdächtige liquidiert werden, als daß ein deutscher Soldat zugrunde geht.“

Männer, Frauen, Kinder getötet

Am 25. Juli 1943 wurden im Dorf Mousiotitsa 153 Männer, Frauen und Kinder im Alter von 1 bis 75 Jahren getötet. Zwei Tage später wurde der Ort Krawasaka niedergebrannt. Am 16. August 1943: Nach Ankunft in Kommeno gab Kompanieführer Röser die Losung aus: „Alle sind niederzumachen.“ Die Ermordungen erfolgten durch automatische Waffen, Handgranaten, Messer und Feuer. An Lebenden und Toten wurden grausliche Verbrechen begangen, man zündete etwa Benzinwatte in Mündern an, schob Frauen Bierflaschen in den Leib etc. 317 Zivilpersonen kamen um, anschließend wurde geplündert. Am 1. Oktober 43 kam Kommandeur Salminger ums Leben. Daraufhin wurden die Dörfer Neochoraki, Megarchi und Tunta zerstört und 20 Zivilisten erschossen. Dann noch vier weitere Orte zerstört und etwa 130 ‚Banditen‘ und Zivilisten getötet. Am 3. Oktober rückten Soldaten eines Gebirgsjägerregiments in Lingiades ein, brannten es nieder und töteten 87 Einwohner, darunter auch Säuglinge. Das gleiche passierte in Struni. Auf dem Peleponnes wurden nach einem Partisanenüberfall am 1. Dezember 43 vor dem Bahnhof von Andritsa 50 Geiseln erhängt, die erst nach vier Tagen abgeholt werden durften. Am 4. Dezember 50 Geiseln in Aighion, am 7. Dezember 25 Geiseln in Gythion erschossen.

Ich überspringe zahlreiche Gräueltaten und komme zum Wehrmachtsmassaker von Kalavryta. Nach ihrer eigenen Tagesmeldung vom 13. Dezember 1943 tötete die ‚Kampfgruppe Ebersberger‘ 511 männliche Einwohner, griechische Quellen nennen weit höhere Zahlen. Dieselbe Gruppe durfte sich rühmen, 27 weitere Orte zerstört zu haben. Auch Kapitän zur See Gerlach befahl am 8. Februar 1944 als Vergeltung für einen getöteten Soldaten das Niederbrennen dreier Orteund die Erschießung von 130 Einwohnern. Am 12. März 44 wurden weitere 200 Geiseln erschossen und 10 um Sparta liegende Orte niedergebrannt. Nach einem Überfall bei Molai (drei tote Soldaten) im April 44 wurden insgesamt 335 Griechen exekutiert. Am 9. April 1944 wurden nach einem Eisenbahnanschlag der Partisanen 120 Geiseln erschossen.

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Distomo („DISTOMO 002“ by Sogal / Sogal at Greek Wikipedia – Own work (Original text: Sogal). Licensed under CC BY-SA 3.0 gr via Wikimedia Commons)

Schon am 5. April 44 drangen SS-Einheiten in das makedonische Dorf Klissoura ein und metzelten wahllos mindestens 215 Einwohner nieder, vor allem Kinder und Greise. Das geschah, nachdem auf der 2,5 Kilometer entfernten Fernstraße zwei deutsche Soldaten getötet worden waren. Am 10. Juni 1944 wurden 218 Zivilisten des Dorfes Distomo nahe Delphi von SS-Einheiten auf brutalste Weise umgebracht. Unter ihnen 38 Kinder im Alter zwischen 10 Jahren und 2 Monaten. Die Recherchen von Eberhard Rondholz bestätigen die Zeugenaussagen über die sadistischen Exzesse: Ausgestochene Augen…, ich erspare mir und Ihnen, weitere Beispiele zu nennen.

Abschließend zitiere ich den Autor Nessou (Seite 604): „Es wäre lobenswert, zumindest über eine moralische Geste nachzudenken, wie sie der damalige Bundespräsident Johannes Rau anlässlich seines Staatsbesuches in Griechenland im April 2000 auf einer Pressekonferenz in der Deutschen Schule in Thessaloniki anregte.“

Ein Gedanke zu „Griechenland“

  1. Danke für den Bericht – bitter, hart und so nötig!
    MIr und vermutlich vielen anderen ging es, wie U.Wöll im ersten Absatz schildert. Von den heute lebenden Deutschen tragen nur wenige Schuld an diesen Gräueln, aber schämen müssen wir uns alle. Schämen – und etwas tun.
    h.V.

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