Finnischer Kulturpreis

Empfänger lebt in Oberhessen

Von Corinna Willführ

Jukka Korkeila ist Finne. Seit einigen Jahren hat der Künstler ein zweites Domizil mit Lebens- und Arbeitsstätte in Oberhessen gefunden. Mit seinem Partner Markus Karger wohnt er in Glauburg. Sein Atelier ist in Ortenberg. Beide gemeinsam haben in 2019 die Ausstellung „In situ“ organisiert und umgesetzt. Für sein künstlerisches Wirken ist Jukka Korkeila Ende 2019 mit dem höchsten Kulturpreis seines Landes ausgezeichnet worden.

Der Biorhythmus des Künstlers

In sein Atelier in der Ortenberger Altstadt fährt Jukka Korkeila von seinem Wohnort in Stockheim mit dem Rad. Bei jedem Wetter. Am liebsten arbeitet er dort am Nachmittag und frühen Abend. „Von 16 bis 21 Uhr bin ich künstlerisch am aktivsten“, sagt er und fügt verschmitzt hinzu, „das liegt wohl an meinem Biorhythmus“. Seinen Arbeitsraum schätzt der 51-Jährige sehr. „Es ist mein bisher schönstes Atelier. Durch seine Größe ermöglicht es mir wie meinen Besuchern, die Werke auch aus einigen Metern Entfernung zu betrachten. Wie in einer Galerie.“ Wenn Jukka Korkeila seine Heimat besucht, muss er das Flugzeug nehmen. Er wächst als ältestes von vier Kindern in der finnischen Kleinstadt Hämeenlinna auf, studiert an der Polytechnischen Universität Helsinki zunächst Architektur, später Malerei an der Academy of Fine Arts. Für sein nun 30 Jahre währendes Eintreten mit seinen Bildern und Installationen für Toleranz und Vielfalt, ist Jukka Korkeila jetzt vom Arts Promotion Centre Finland, einer staatlichen Einrichtung, mit dem finnischen Kulturpreis 2019 ausgezeichnet worden.

Zu der gemeinsam von Jukka Korkeila und Markus Karger organisierten Ausstellung mit internationalen Künstlern gab es einen beeindruckenden Gottesdienst – und einen widerwärtigen Shitstorm im Netz. (Fotos: Corinna Willführ)

„Seit Jahrzehnten ist Jukka Korkeila ein atemberaubender Künstler mit eigenem Profil“, heißt es in der Laudatio zu dem mit 14.000 Euro dotierten Preis. In seinen in vielen internationalen Ausstellungen präsentierten „sehr persönlichen“ Werken, überwinde er „die üblichen Begriffe von Schönheit und Normen.“ Ob er sich dem Thema Geschlechteridentität widme oder politische Veränderungen reflektiere, „seine Arbeiten sind voll von Weltanschauung.“ Zu der für den Ausgezeichneten, der selbst wenig Aufhebens um seine Person macht, „Humor und Feinfühligkeit gehören“.

Erste Ausstellung mit Ende 20

Vor rund fünf Jahren bezog Jukka Korkeila mit seinem Partner, dem gebürtigen Büdinger Regisseur, Schauspieler und Comedian Markus Karger („Frau Kraft“) im Glauburger Ortsteil Stockheim ein gemeinsames Domizil. Die erste Station in Deutschland war für den Finnen allerdings Berlin. 1997 hat er dort am Europäischen Erasmus-Austausch-Programm an der Hochschule der Künste (HdK), heute Universität der Künste teilgenommen. „Da war Berlin noch viel gemütlicher als heute“, erinnert er sich. In der Rückschau spricht der 51-Jährige von „seinem großen Glück“, dass er bereits mit Ende 20 seine Arbeiten in einer renommierten Berliner Galerie ausstellen konnte.

Stetig präsent sind Exponate von ihm im EMMA (Espoo Museum of modern Art) in Espoo, der zweitgrößten finnischen Stadt. Wechselnd konnte man sich von seinem künstlerischen Schaffen in Helsinki, Sao Paulo, in Belgrad, in Antwerpen, in Stockholm – und auch in der Wetterau einen Eindruck verschaffen. So war Jukka Korkeila an der Reihe „Kunst in Kirchen“ des Wetteraukreises zum Thema „Aufbruch“ in 2017 mit einer Plakatinstallation in der Bonifatius-Kirche in Groß-Karben vertreten. Und in diesem Jahr zuletzt mit der von ihm und seinem Lebensgefährten „im Team erarbeiteten“ internationalen Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Juli in Hirzenhain und Gedern. Ihr Titel: „In situ“, ihr Motto: „Zuerst müssen wir lernen, miteinander zu arbeiten.“ Knapp vier Wochen waren die Werke von 37 Künstlern aus 15 europäischen Ländern im Buderus-Bau sowie im Kunstguss-Museum in Hirzenhain und im Schlossgewölbe in Gedern zu sehen. Das Projekt konnten die beiden mit finanzieller Unterstützung des Mittelhessischen Kultursommers und des finnischen Kulturministeriums realisieren.

Penis- und Potenzphantasien

Nicht vor Ort, aber in den Sozialen Medien sorgten Teile der Ausstellung für einen „Shitstorm“. Der Grund des Anstosses für Menschen, die die Bilder gar nicht im Zusammenhang gesehen hatten: Fotografien, in denen sich Männer mit ihrer Sexualität auseinandersetzten, konkret mit ihren Penis- und/oder Potenz-Phantasien. „Uns ging es in der Ausstellung, und geht es auch weiterhin darum, mit dem, was wir tun, einen Diskurs anzuregen. Zu einer Auseinandersetzung vor Ort mit Menschen, die verschiedene Meinungen haben“, sagt Markus Karger. Und die sich diesen auch stellen, gerade in der Beschäftigung mit Kunst.

In Finnland stellen die beiden fest, sie diese stärker verankert als in Deutschland. Auch in kleineren Städten gibt es Museen für bildende Künstler. Die Wertigkeit, die diese in dem Land im hohen Norden Europa genießt, dokumentieren auch die hochwertigen Ausstellungskataloge, in denen Jukka Korkeila mit seinen Arbeiten vertreten ist. Doch, so scheint es, sind sie für ihn weniger von Bedeutung als die Ikonen, die sich an einem Ort inmitten seines Ateliers befinden, umgeben von noch unvollendeten Bildern, einer Staffelei, Farben, Kreiden, Stiften.

Frau Kraft, mit bürgerlichem Namen Markus Karger, ist eine Kultfigur in der Comedy-Kabarett-Kulturszene. Allein: Mit vier Nasen, wie sie Jukka Korkeila portraitiert hat, tritt sie nicht auf.

„Ich gehöre dem Glauben der orthodoxen Kirche an“, sagt Jukka Korkeila, „wir sind in Finnland eine Minderheit.“ 30 Jahre künstlerischen Schaffens, für das der 51-Jährige nun den höchsten Preis seines Landes in diesem Bereich erhalten hat. Wird er ihn verändern? Nein. Denn Jukka Korkeila, ist dankbar für die „heilende Schönheit“, wie er sagt, die er hier gefunden hat. Auch wenn er regelmäßig nach Helsinki fliegen muss, um dort zu unterrichten. Und weil dort seine Familie lebt. Markus Karger wird ihn, so oft es geht, begleiten. In 2020 haben die beiden schon ein Projekt für die Kulturnacht in Büdingen im Auge. Das braucht Weile – und die Gelassenheit, die Jukka Korkeila ausstrahlt.

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