Familie und Beruf

Situation der Frau längst nicht gut

Die Gesellschaft muss sich wandeln und Arbeitnehmer werden brueningneue, zum Teil ungewöhnliche Wege benötigen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. „Die Situation der Frauen hat sich in der Vergangenheit verbessert, aber sie ist längst nicht als gut zu beschreiben“, hatte Gerhild Brüning (Foto), Vorstandsvorsitzende von Frauen, Arbeit Bildung (FAB) zu Beginn der Podiumsdiskussion im Kreishaus in Friedberg über Familie und Beruf gesagt.

St. Martin grüßt

Rund eineinhalb Stunden debattierten Britta Sembach, Christina Mundlos, Angela Dern und Nina Mareen Junker über Familie und Beruf, berichtet Myriam lenz, die bei FAB für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Alle vier Podiumsteilnehmerinnen sind Mütter und haben ihre Meriten in verantwortlichen Posten in Wissenschaft oder in der Medienlandschaft erworben. Moderatorin Nadin Meloth führte durch Programm, entlockte, provozierte und resümierte. Und landete immer wieder bei den Laternenumzügen. Was haben St. Martin und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemein? Es ist ein Beispiel mit Potenzial. Steht das Event mit dem Gernegroß an, sagt ein Vater den Kollegen schon einmal, dass er dringend zu einem Meeting müsse. „Nicht zielführend und gar nicht pragmatisch“, meinten die Teilnehmerinnen des Podiums. Nur ein offener Umgang mit den privaten Interessen und dem Bekenntnis zur Familie kann die Sensibilität der Arbeitskollegen fördern. Doch da nimmt eine Frau auch in Kauf, dass ihre Priorisierung als unprofessionelles Handeln bewertet werde.

Es liegt viel an einem selbst

Tagtraum oder Alptraum? fragte Moderatorin Nadin Meloth. Dr. Nina Mareen Junker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Frankfurt und forscht zum Thema Karriere und Kind. Die Universität böte ein sehr schönes Arbeitsumfeld mit Teilzeitmodellen, sagte sie. Und: „Es liegt viel an einem selbst, wie man vorankommt.“

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Moderatorin Nadin Meloth, Britta Sembach, Dr. Nina Mareen Junker, Angela Dern, Christina Mundlos, FAB gGmbH-Geschäftsführerin Karin Frech und Gerhild Brüning, Vorstandsvorsitzender von FAB (von links). (Fotos: Lenz)

Angela Dern ist in verantwortlicher Position bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und dort unter anderem für Work-Life-Choice-Maßnahmen zuständig. Der Begriff „Work-Life-Choice” folgte auf „Work-Life-Balance”. Denn der Arbeitnehmer sollte die Wahl haben, wie viel Privates und wie viel Karriere er für sich in Anspruch nehmen will, verdeutlichte Dern. Die Kombination sei eine Herausforderung, wie sie selbst erlebte, als sie ein Elternteil pflegte. Das ging nur mit einer flexiblen Handhabung des Berufs. Da seien die Unternehmen gefordert. Und: „Der Arbeitnehmer muss eine klare Vorstellung haben.” Das hieße unter anderem private Termine rechtzeitig ankündigen und mit den Kollegen absprechen.“ Mit positiven und erfolgreichen Modellen dürfe dann gerne geworben werden. Doch klappt das auch in kleineren Betrieben? Kleinere Unternehmen könnten flexibler agieren als große, hielt Nina Mareen Junker dagegen. Und positive Beispiele fänden schnell Nachahmer.

Zu wenig Betreuungsplätze

Die größten Hürden sind für Christina Mundlos die Betreuungsplätze: „Es gibt zu wenige, die personelle Ausstattung in den Kindergärten ist miserabel und die Plätze sind für viele Familien nicht bezahlbar“, stellte sie fest. Könne sich eine Familie oder gar eine Alleinerziehende den Betreuungsplatz nicht leisten, führe dies zu einer Retraditionalisierung. Die Buchautorin ermunterte Turbo-Mütter, auch mal den eigenen

Anspruch zu drosseln. Eine gekaufte Torte zum Kindergeburtstag sei kein Beinbruch. Eltern dürften, nein sie sollten sich sogar zugestehen, wenn sie sich überfordert fühlten. Ein Kulturwandel sei notwendig und vor allem die politische Umsetzung der Rahmenbedingungen.

Politikwissenschaftlerin Britta Sembach lebt seit einem Jahr in den USA. Dort werde die Elternschaft überhaupt nicht unterstützt. In ihrem Buch „Die Alles ist möglich-Lüge“ schreibt sie über ihre Zweifel beim Versuch, das Private und den Beruf unter einen Hut zu bringen. Trotz reduzierter Arbeitszeit war der Alltag von Organisation geprägt, das Familienleben versiegte. „Was ist mit den Müttern, die sich kümmern wollen? Wer fragt nach den Bedürfnissen der Kinder?“ Sie hatte für sich und ihre Familie die Bremse gezogen. Die Retraditionalisierung empfindet sie als Entschleunigung. Allerdings werde die Zeit, die Mütter in ihre Familie investieren, in der Öffentlichkeit abgewertet. In einem wellenartigen Übergang statt eines abrupten Wechsels zwischen Familie und Beruf sieht sie einen Ansatz.

Deutschland sei sehr traditionsbehaftet, stellte Junker fest.
Das erfährt die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl täglich. Die gegenseitige Hilfe im familiären Netzwerk schaffte für sie Freiräume. „Wir müssen Vorbilder sein und versuchen, mit der eigenen Lebenshaltung Rollen aufzubrechen.“ Diskussionen sind dabei vorprogrammiert. „Wenn ich zum Beispiel in der Fraktion ankündige, dass ich ab 17 Uhr eine Vertretung benötige, weil ich aufs Laternenfest gehe.“ Gnadl plädierte dafür, offen mit dem Familienleben umzugehen und deutlich zu machen, was man möchte.

Jede Frau müsse für sich entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte, riet Karin Frech, Geschäftsführerin von FAB gGmbH. Frauen sollten sich darüber bewusst sein, dass nicht nur der Fleiß der Garant für eine Karriere sei, sondern individuelle Lösungen und ein Netzwerk. „Wir sollten die Arbeit der Pionierinnen selbstbewusst weiterführen, die Politik und Öffentlichkeit fordern, aber auch neue Modelle selbstbestimmt und individuell leben.”

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