Familie Opel

Das Jagdhaus im Wald ist perdu

 Von Olaf Velte

Menschenleer lag das Anwesen seit vielen Jahrzehnten im Taunus-Wald bei Neu-Anspach. Nun ist es fast völlig eingefallen. Die Natur übernimmt wieder das Regiment am einst mondänen Jagschlösschen der Familie Opel.

Opel-Villa wurde Geheimdienst- Treff

Die Reste des Seiteneinganges zum einsturzgefährdeten Turm des Jagdhauses.

Jenseits des Swimmingpools zieht ein Hirschkalb vorbei – ohne Argwohn. An den Besuchern des verwilderten Parks stört es sich nicht. Wo sich einst das Opel-Jagdhaus aus dem Taunuswald hob, hat die Natur wieder das Regiment übernommen. Wie eine Schranke hat sich ein Baumstamm quer über die Einfahrt gelegt, der Zaun ist zerfallen, die Reste des Gebäudes hinter Pflanzenwuchs verborgen. Mit der Erinnerung an alte Fotografien kommt man im Jahre 2019 nicht weit. Vor dunklen Fichten steht da ein Haus, herrschaftlich, mit viereckigem Turm und Veranda. Frauen in knielangen Kleidern, die Arme hinterm Rücken gekreuzt, schnauzbärtige Männer mit Wanderstock und Ballonmütze. Es wird Anfang der 1920er Jahre sein. Acht Jahre zuvor ließ Friedrich Opel auf den Fundamenten einer abgetragenen Jagdhütte seine Waldvilla bauen. Der Sohn des Opel-Gründers, „Fritz“ genannt, hatte die Anspacher Jagd 1909 gepachtet. Das neue Haus, weitab vom Dorf, wurde zum Mittelpunkt eines 1800 Hektar großen Imperiums.

Die Treppe zum Turmzimmer sieht solider aus, als sie ist.

Doch all das ist vergangen. Längst ist der Jagdbezirk aufgeteilt, längst haben andere Männer das Erbe der Rüsselsheimer angetreten. Öd und leer präsentiert sich, was einmal Refugium und Passion war. Eingestürzt sind Wand und Wintergarten, die Böden im Haupthaus durchgebrochen, Risse überall. Nichts bietet Schutz vor Regen und Wind. Tapetenfetzen, zersplitterte Zierleisten. Küche und Kaminzimmer sind unter Schutt begraben, alle Einrichtungsgegenstände seit langem verschwunden. Nur der Turm hielt sich länger. Die alte Holztreppe konnte noch 2018 mit etwas Mut begangen werden.  Im oberen Raum haben sich Menschen mit Spraydosen ausgetobt: Parolen und Obszönitäten bedecken die Wände. Beim letzten Besuch brannten noch Grablichter um ein Hexagramm. Irgendjemand feierte hier wohl eine schwarze Messe.

Im Turmzimmer hat jemand ein Pentagramm auf den Fußboden gemalt.

ritz Opel, der nach eigener Aussage weniger an der Jagd „als an der landschaftlichen Schönheit des Taunus“ hing, brachte Luxus nach Anspach: Aggregate für die Stromversorgung, Tankanlagen und Garagen, Wein und Dienstboten. Der Teppichboden sorgte für Aufsehen bei den Dorfbewohnern – so etwas gab es auf dem Land nicht. Der zum Gelände gehörende Teich wurde in einen Swimmingpool verwandelt, gespeist von kaltem Quellwasser. In einem Nebengebäude mit Flachdach konnten Fahrzeuge eingestellt werden, der Chauffeur nächtigte in einem separaten Raum. Um die Aussicht in das Obere Aubachtal genießen zu können, richtete man einen Freisitz auf der nahen Felsklippe ein. Noch ist der aufwärts führende Pfad erkennbar, ein Eisengeländer bietet Halt. An verschiedenen Stellen wurde das Rohr vom Baumwuchs verschlungen. Was die Gründer damals pflanzten, überragt heute die Ruine um viele Meter. Aus fernen Ländern stammende Gewächse fanden hier Nährboden: Zypressen und Zedern, Tannen und Douglasien. Die Bäume umstehen wie mächtige Wächter die verlassene Stätte. In dem schwarzen Wasser des Pools spiegelt sich der Sachalin-Knöterich – merkwürdige Pflanzen mit handtellergroßen Blättern. Im weiten Rund wächst Rhododendron – Überbleibsel des einstigen Parks.

Das Kaminzimmer im Jagdhaus von Fritz Opel im Jahr 1916. Der Architekt Alfred Engelhard (1867-1941) hatte das Haus im Auftrag Opels erbaut. Das Wikipedia-Foto stammt aus seinem Bildband „Ausgeführte Bauten“.

1990 wollte Uli Pförtner eine Dokumentation über das Anwesen drehen. Der Filmproduzent, damals in Oberursel lebend, hat abgelichtet, was längst zerfallen ist: Veranda und Vorbau, die Haustür mit dem eingelassenen Buchstaben „O“. Er sah noch die Holzhütte, in der die einst legendäre Fliegerin Hanna Reitsch nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte. Heute sind davon nur die Fundamente auf dem ehemaligen Tennisplatz übriggeblieben. Der Dokumentarfilm kam nicht zustande – wenige Minuten des Materials schafften es 1995 in den „HR-Bilderbogen“.

Die Buche ist durch das Eisengeländer hindurch gewachsen.

Jahre später erkundete ein Architekt aus Groß-Umstadt während einer Objektbegehung das marode, aber damals noch stehende Gebäude. In dem Gutachten ist die Rede von Wassereinbruch, erschütterter Statik und dem „sehr schlechten Zustand“. Um das Haus „theoretisch“ noch zu retten, schlug er „kurzfristige Sicherungsmaßnahmen“ vor. Ein Rat, der nie umgesetzt wurde. Heute ist alles Verfall. Geblieben sind die Hirsche, die wie vor Jahr und Tag durch die ausgedehnten Waldungen ziehen. Vergeblich blieb 2012 ein Vorstoß des Enkels Gregor von Opel. Er wollte das legendäre Gebäude wieder aufbauen und vermarkten, das wollte aber die Kommune nicht, denn das Anwesen liegt im Naturschutzgebiet.

Der Swimmingpool ist inzwischen ein matschiges, zugewachsenes Wasserbecken im Wald.

Was heute unter zerborstenen Balken und Ziegeln begraben ist, war Schauplatz deutscher Geschichte. US-Streitkräfte beschlagnahmten das eindrucksvolle Ensemble im August 1946. Schon bald übernahm der im Oberurseler Camp King stationierte militärische Geheimdienst das Kommando. In die nunmehr streng bewachte Jagdvilla kamen Deutsche: Männer, die während des Zweiten Weltkrieges für die Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO) unterwegs waren. Die Spezialisten mit ihrem Geheimwissen vom russischen Militär waren den Amerikanern in Zeiten des Kalten Krieges sehr willkommen. Park und Gebäude wurden von dem damals in Schmitten wohnenden Albert Klaus verwaltet. Eine gewisse Zeit lang bekam er regelmäßig Besuch von Reinhard Gehlen, der dort Büro und Schlafzimmer hatte. Der ehemalige FHO-Chef pendelte ständig zwischen den Agenten-Außenstellen Schloss Kransberg, Ziegenberg, Oberursel und Schmitten. Es war die Aufbauzeit der „Organisation Gehlen“, aus der schließlich der Bundesnachrichtendienst entstand.

Nach dem Auszug der Geheimdienstler bewohnte die Fliegerlegende Hanna Reitsch eine Holzhütte im nun verwildernden Gelände. Ab 1970 mehrten sich Einbrüche und Vandalismus – Gerüchte über schwarze Messen und vergrabene Schätze machten die Runde. Ob das dem Untergang geweihte Haus tatsächlich RAF-Leuten als Unterschlupf gedient hat, bleibt unbewiesen. Die Opels jedenfalls sind nie in den Weihersgrund zurückgekehrt.

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