Coronavirus

Mit Arzneipflanzen Infektion vorbeugen

Von Michael Schlag

Prof. Michael Keusgen ist Dekan des Fachbereichs Pharmazie der Philipps-Universität Marburg. Im Interview mit dem neuen Landboten berichtet der Experte über die Wirkung von Arzneipflanzen zur Vorbeugung gegen eine Coronainfektion. Es ist eine bislang wenig beachtete Möglichkeit, sich gegen eine Infektion zu schützen.

Landbote: Professor Keusgen, helfen Arzneipflanzen gegen Coronaviren?

Professor Michael Keusgen.

Keusgen: „Wenn man die Infektion bereits hat, dann lässt sie sich mit Arzneipflanzen nicht heilen, an dem Punkt also ein Nein. Trotzdem kann ich die Frage mit Ja beantworten: Arzneipflanzen können helfen, einer Coronainfektion vorzubeugen und anderen Vireninfektionen auch. Sie stärken die körpereigene Abwehr gegen all diese Viren, die sich Zutritt über die Atemwege verschaffen, das sind die Grippeviren und eben auch die Coronaviren. Natürlich gibt es nicht die Wunderdroge aus dem Pflanzenreich gegen Corona, aber es gibt eine ganze Reihe von Arzneipflanzen mit antiviraler Wirkung.

Wie kann man sich die Wirkung vorstellen?

„Es geht zuvorderst um Tannine (Gerbstoffe) in Pflanzen. Der Wirkmechanismus ist gut erforscht: Gerbstoffe reagieren mit Eiweißen, dabei verändern sie deren Struktur. Das tun sie auch mit den Hüllproteinen eines Virus und verändern dabei deren Funktionalität. Das Virus kann jetzt nicht mehr an der menschlichen Zelle andocken. Und damit ist der zentrale Punkt einer Coronainfektion gestört. In vitro, also im Labor, ist der Effekt für Grippe-Viren mit Extrakten von Grüntee nachgewiesen. Aber so weit muss man gar nicht gehen, es gibt auch in Europa viele Pflanzen mit gleichen Inhaltsstoffen, etwa der heimische Sauerampfer oder das Zistrosenkraut.

Wenn ich diese Effekte für mich nutzen will, wie soll ich vorgehen?

„Es muss in jedem Fall prophylaktisch (vorbeugend) geschehen, idealerweise über den ganzen Tag verteilt. Im Grunde ist es nicht neu, dass Kräutertees gut für die Gesundheit sind, ebenso Bonbons mit Kräuterextrakten, auch altbekannte Küchenkräuter stärken die Infektionsabwehr. Nur im Zusammenhang mit Corona wird das bislang wenig beachtet. Dabei gibt es viele Pflanzen mit hilfreichen Inhaltstoffen. Etwa die Rosmarinsäure, wie sie in der Zitronenmelisse vorkommt, die ja in vielen Gärten wächst. Oder auch der Rosmarin selber mit seinem Gehalt an Cineol, das ist eine Komponente des ätherischen Öls im Rosmarin. Auch dieses reagiert mit der Virushülle und stört die Infektion. Das ist aber kein ausgeprägter pharmakologischer Wirkmechanismus, der in Abläufe innerhalb des Körpers eingreift; doch es hilft prophylaktisch.“

Neben den zuerst genannten Gerbstoffen helfen auch ätherische Öle?

„Das ist der zweite Wirkungsbereich, bei denen Pflanzen eine Rolle spielen. Auch Ätherisch-Öl-Drogen sind ohne Frage hilfreich. Im Labor ist nachgewiesen, dass das ätherische Öl aus Salbeiblättern oder aus Basilikum mit Coronaviren reagiert. Zu erwähnen wäre noch der Sonnenhut Echinacea. Ein Extrakt aus Kraut und Wurzeln des Sonnenhutes konnte im Labortest die Hülle von Influenza-Viren so stören, dass diese nicht mehr in die Zelle eindringen. Wir haben also zwei Wirkungen: Mit Gerbstoffen schütze ich den Mund-Rachenraum. Für die Bronchien bieten sich Ätherisch-Öl-Komponenten an, diese gelangen auch bis in die Lunge. Besonders sinnvoll ist eine Kombination. Salbei zum Beispiel und Perilla (anderer Name: Shiso) haben beides: Gerbstoffe und ätherisches Öl, das ist genau die Kombination, die wir brauchen.

Die Liste der Heilpflanzen wird immer länger.

„Es passiert ja immer das Gleiche, die Inhaltsstoffe stören die Verbindung des Virus mit der menschlichen Wirtszelle, sei es nun Influenza oder Vogelgrippe, und das kann man auch annehmen für Corona. Auch Kapuzinerkresse und Meerrettich zeigen solche antiviralen Wirkungen, nicht zu vergessen der Knoblauch und seine Wildarten. Es wäre wirklich sinnvoll, alle diese Dinge zu reaktivieren und sie als vorbeugende Anwendungen breit in den Verkehr zu bringen. Auch den Sonnenhut Echinacea sollte man in diesem Zusammenhang stärker beachten. Er wächst gut in Deutschland, er wird ja auch hier angebaut, es gibt eine phantastische Datenlage, warum können wir damit nicht etwas machen?“

Haben Sie Favoriten innerhalb der Heilpflanzen?

„Eine meiner Lieblingspflanzen ist der Breitwegerich und ich weiß nicht, wieso der bei uns in Vergessenheit geraten ist. Der Spitzwegerich ist noch recht bekannt als Arzneipflanze, aber andere einheimische Wegerich-Arten wie der Breitwegerich oder der Mittlere Wegerich zeigen ebenfalls die gesuchten antiviralen Wirkungen. Eine wunderschöne Pflanze ist auch der Sauerampfer. Sauerampfer enthält Polyphenole und Gerbstoffe und je stärker der Extraktgehalt, umso höher ist die antivirale Wirkung. Die meisten Studien, die wir dazu haben, sind allerdings keine Humanstudien, sondern Versuche in vitro, also Versuche im Labor. Bei vielen Substanzen ist, bezogen auf die Anwendung noch zu fragen: Wie stabil sind sie, wie viel ist bioverfügbar?

Welche Herkunft haben die Arzneipflanzen?

„Viele wachsen hier bei uns. Man muss sich nicht unbedingt der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) oder Ayurveda zuwenden. Wir finden reichlich Pflanzen aus der traditionellen europäischen Medizin, die wir bei uns kultivieren können. Wenn wir Gerbstoffe wollen, können wir auch den einheimischen Sauerampfer nehmen.“

Noch mal zurück zu dem Wirkmechanismus, der Störung beim Andocken des Virus an die Wirtszelle. Ist das nicht das Gleiche wie bei einer Impfung?

„Beides wirkt vorbeugend. Aber verwechseln Sie die schützende Wirkung von Arzneipflanzen bitte nicht mit einer Impfung. Die Wirkung von Gerbstoffen oder von ätherischen Ölen ist immer lokal und auch nur solange, wie Sie den Kräutertee trinken oder das Bonbon lutschen. Sie wirken aber nicht wie ein Medikament innerhalb des menschlichen Organismus. Und auf keinen Fall verleihen sie eine Immunität.“

Können Wirkstoffe aus Kräutern auch Gefahren bergen?

Ein gesunder Mensch, der mit ungiftigen Kräutern einer Infektion vorbeugt, wird damit nichts falsch machen. Als Medikament bei ausgebrochener Krankheit sollten Sie das aber nicht nehmen. Eine der gefährlichen Folgen einer Corona-Infektion ist ja die überschießende Immunreaktion, der sogenannte „Cytokin-Sturm“. Dem begegnet man mit Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen. Eine pflanzliche Immunstimulanz wäre da kontraproduktiv und ich denke nicht, dass wir für Schwerstkranke pflanzlich etwas machen können. Für die Prophylaxe aber, das zeigen die wissenschaftlichen Publikationen, gibt es jede Menge Möglichkeiten“.

Titelbild: Der Breitwegerich, eine der Lieblingspflanzen von Professor Michael Kausgen. (Fotos: Keusgen)

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