Corona

Jeder Impfstoff ist besser als gar keiner

Beim Impfen wünschen manche einen Impfstoff ihrer Wahl, berichtet der Wetterauer Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs. Diese Wünsche würden aber ebenso wenig erfüllt wie das Ansinnen „wichtiger“ Personen, vorrangig geimpft zu werden. Im Interview durch den Wetterauer Pressesprecher Michael Elsaß geht es auch um die Mutationen des Coronavirus und den Sinn des Testens.

So sieht die Strategie gegen Corona aus

Herr Dr. Merbs, das Land meldet heute zusätzliche Impfmöglichkeiten, weil es mehr Impfstoff gibt. Was bedeutet das für das Impfzentrum?

Dr. Reinhold Merbs: Wir haben in den vergangenen Wochen schon zusätzliches Personal geschult. Die sind jetzt sprungbereit, und wenn jetzt mehr Impfstoff geliefert werden kann, werden wir auch in der Lage sein, mehr Impfungen pro Tag durchzuführen.

Dr. Reinhold Merbst, Leiter des Gesundheitsamtes im Wetteraukreis. Foto: Elsaß

Verimpft werden die Impfstoffe von BionTech, Moderna und Astrazeneca. Der letztgenannte ist aktuell in der Diskussion. Es wird behauptet, es handelt sich um einen Wirkstoff zweiter Klasse.

Diese Medieninformation rund um den Impfstoff stellt für uns ein Dilemma dar, denn sobald man die Wahl hat zwischen mehreren Impfstoffen, versucht natürlich jeder für sich das Beste zu bekommen. Allerdings sind die Informationen, was tatsächlich das Beste ist, schwer zu interpretieren. In den Zulassungsstudien sind tatsächlich unterschiedliche Grade der Wirksamkeit festgestellt worden. Vor dem Hintergrund, ungeimpft in die Krankheit reinzulaufen und damit ein lebensalterbezogenes sehr hohes Risiko eines schweren bis tödlichen Verlaufs einzugehen, muss man eigentlich für sich sagen, dass jede Form der Impfung besser ist als gar keine Impfung. Egal, ob sie jetzt mit 70 Prozent Effektivität in der Zulassung oder mit 95 Prozent ist. Für die, die meinen, auf den besseren Impfstoff noch warten zu wollen, sei gesagt: wer jetzt geimpft werden kann, verschafft sich einen Riesenvorteil, weil er die schweren Verläufe, die ansonsten möglicherweise eintreten, einfach nicht bekommen wird. Diese Sicherheit ist für alle drei Impfstoffe nachgewiesen.

Welche Impfstoffe werden derzeit verimpft?

Vor allem verimpfen wir BionTech. Von Moderna kommen nur relativ wenige Impfstoffe und jetzt zunehmend auch der Impfstoff von Astrazeneca. Der ist für Menschen mit einem Lebensalter von unter 65 Jahren gedacht. Wir werden jetzt zügig alles medizinische Personal und auch Menschen aus den Risikogruppen mit schweren Vorerkrankungen, die vom Alter her passen, zügig durchimpfen.

Gibt es Menschen, die bestimmte Impfstoffe ablehnen?

Ja: Wir haben immer mal wieder mit Menschen zu tun, die sagen, sie möchten das eine oder andere nicht haben. Da gab es zum Beispiel am Anfang auch große Skepsis gegenüber dem Impfstoff von BionTech. Da handelt es sich ja immerhin um ein völlig neues Impfstoffherstellungsverfahren, da ist eine gewisse Skepsis durchaus angebracht. Aber alle Daten, die bislang zur Verfügung stehen, zeigen, dass alle drei Impfstoffe gut verträglich sind und sie sind alle ganz offensichtlich auch effektiv.

Aber es gibt auch Kritiker?

Es bekommt jeder ein Impfangebot, das man annehmen kann, aber nicht muss. Nur klar muss sein, wer das Impfangebot ausschlägt, der muss sich hinten wieder anstellen, denn es gibt genügend Menschen, die händeringend auf ein Impfangebot warten.

Was passiert mit den Resten, also den angebrochenen Fläschchen?

Aufgrund der Behältnisse, in denen der Impfstoff angeliefert wird, bei BionTech sind das sechs Impfeinheiten pro Behältnis, bei Moderna und Astrazeneca jeweils zehn. Angenommen, jemand kommt zum vereinbarten Zeitpunkt als Letzter in die Impfstraße, und wir müssen ein neues Behältnis anbrechen, dann bleiben entweder fünf oder neun Impfeinheiten übrig. Die können und die wollen wir natürlich nicht wegwerfen. Dafür haben wir eine Nachrückerliste, wo wir kurzfristig über Telefonketten in der Lage sind, die Menschen zu informieren und die Impfdosen auch sinnvoll zu verimpfen. Bei der Knappheit des Impfstoffs darf auf gar keinen Fall Impfstoff verfallen.

Aus anderen Landkreisen hört man, dass wichtige Persönlichkeiten da vorgezogen werden.

Ich glaube, da ist die Diskussion schon scharf genug geführt worden. Bei uns gab es noch keine derartigen Anfragen, um sich eine bessere Position zu verschaffen. Wir verimpfen die angebrochenen Dosen an medizinisches Personal oder Personen aus der nächsten Priorisierungsgruppe.

Haben wir Erkenntnisse über die Verbreitung der britischen oder brasilianischen Virusvariante im Wetteraukreis?

Ja: Das haben wir. Nach der aktuellen Verordnung für die Labore werden fünf Prozent aller positiven Tests einer Sequenzierung unterzogen. Es bezieht sich allerdings nur auf Tests mit einer sehr hohen Viruslast in der Probe. In Ausbruchsgeschehen wird dann gezielt getestet und sequenziert, um zu erfahren, ob hier die Mutante eine Rolle spielt. Das war jetzt in zwei oder drei kleineren Ausbruchsgeschehen tatsächlich auch schon der Fall. Nachgewiesene Mutanten des britischen Virus haben wir hier im Wetteraukreis etwa 50, und es werden täglich mehr.

Welche Bedeutung für das Pandemiegeschehen hat die weitere Verbreitung der britischen Mutante?

Wir haben einen Anteil von etwa elf Prozent der britischen Mutante bei den Proben. Vermutlich ist der Anteil noch höher, weil wir ja nicht alle testen können. Das mutierte Virus überträgt sich offensichtlich leichter. Über den Schweregrad können wir derzeit noch nichts Abschließendes sagen. Meine Gespräche mit Klinikkollegen legen aber nahe, dass die Verläufe nicht unbedingt schwerer sind.

Hat die Verbreitung des britischen Virus Auswirkungen auf die aktuelle Diskussion hinsichtlich der Lockerungen vom Lockdown?

Wenn durch eine sich besser verbreitende Mutante wieder mehr Menschen erkranken, auch mit schwererem Verlauf und die Fälle in den Krankenhäusern wieder steigen würden, sind wir ganz schnell wieder in einer kritischen Situation, wie wir sie um die Weihnachtszeit hatten. Also: Lockerungen mit einer Mutante, die sich sehr gut überträgt, das sehe ich zurzeit ziemlich kritisch.

Den Lockdown verkürzen, das wollen alle. Eine Möglichkeit dazu wäre der massenhafte Schnelltest auch zum Selbstgebrauch. Was sagen Sie dazu?

Das ist insofern für uns ein Vorteil, denn jeder positive Schnelltest ist in unseren Augen hochwahrscheinlich auch ein echter Fund für das Virus. Wir testen diese positiven Schnelltests regelhaft nach, um rauszufinden, ob des Virus auch wirklich vorhanden ist. Das bestätigt sich in den allermeisten Fällen. Damit werden wir aufmerksam auf Geschehnisse, die ohne die Schnelltests vielleicht unerkannt geblieben wären. Dadurch ändert sich aber nicht so wahnsinnig viel. Die Tests sind in Abhängigkeit davon, wie sie gewonnen werden, auch zuverlässig. Mit anderen Worten: Ein negativer Schnelltest sagt so gut wie gar nichts. Die Idee, dass man deshalb kein Virusträger wird, gilt allenfalls für einen sehr kurzen Zeitraum. Das kann am nächsten Tag schon wieder ganz anders aussehen.

Es gibt aber noch eine andere Komponente…

Ja, da haben Sie recht. Zudem spielt die Abhängigkeit von der Entnahmetechnik der Probe eine große Rolle. Wir haben jetzt im Zusammenhang mit dem Einsatz der Bundeswehr in vielen Einrichtungen festgestellt, dass vorher nur Abstriche aus der Nase genommen wurden. In den Anleitungen zu diesen Tests steht auch, dass sie für Nasenabstriche geeignet sind. In der Medizin machen wir hingegen immer einen Rachen- und Nasenabstrich, einfach deshalb, weil damit die Wahrscheinlichkeit, das Virus auch zu finden, deutlich erhöht wird. Wer nur im vorderen Nasenbereich das Stäbchen ein bisschen hin- und her bewegt, hat eine gute Chancen, immer negative Ergebnisse zu erzeugen. Man wird das Virus einfach an dieser Stelle nicht finden. Man muss schon ordentlich abstreichen, und das geht nur im hinteren Rachenbereich und in der tiefen Nase. Das ist nicht angenehm, aber erträglich. Nur dann habe ich eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das Virus zu treffen. Nur dann können die Schnelltests helfen die Pandemie zu verkürzen.

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