Zahnärzte und Corona

Im Auto warten und weniger reden

Von Klaus Nissen

Kein Zahnarzt dieser Welt kann seine Patienten aus 1,5 Metern Abstand behandeln. Die Entfernung von Mund zu Mund ist zwangsläufig gering – und das löst bei vielen Patienten Corona-Sorgen aus. Zumindest in einzelnen Praxen lassen sich weniger Menschen als sonst in den Mund schauen, ergibt die Nachfrage unter Wetterauer Zahnärzten. Dabei sei die Behandlung corona-sicher und auch notwendig, appellieren die Zahnärzte-Verbände.

Wie Zahnärzte auf die Pandemie reagieren

Auf keinen Fall solle man wegen Corona die jährliche Vorsorgeuntersuchung verschieben, schreibt die Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen. Denn: „Eine gesunde Mundhöhle schützt nicht nur vor Infektions- und Allgemeinerkrankungen, sondern kann sogar schweren Covid-19-Verläufen vorbeugen.“ Die Zusammenhänge zwischen Zahnfleisch-Erkrankungen und Diabetes oder Atemwegserkrankungen seien wissenschaftlich belegt, sagt Dr. Stephan Allroggen, der Vorsitzende der Dentistenvereinigung. Ins gleiche Horn stößt Dr. Michael Frank, der Präsident der Landeszahnärztekammer. Wer eine Zahnbehandlung verschiebt, riskiere eine deutliche Verschlechterung der eigenen Gesundheit.

So eine Szene ist im Pflegeheim selten geworden: Aktuell würden die Zahnärzte dort nur im Notfall ihre Stamm-Patienten behandeln. Foto: Jörg Pompetzki/Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen

Dass diese Botschaft jetzt im Namen der 4800 hessischen Dentistinnen und Dentisten verbreitet wird, liegt wohl am aktuellen Rückgang der Patientenzahlen. In seiner Praxis bleiben mindestens 20 Prozent daheim, schätzt der Gederner Zahnarzt Hartmut Schade. Auch bei Kollegen sei dieser Trend erkennbar – vor allem im Ballungsraum. Da kaum noch etwas zu tun. Wer daheim im Homeoffice sitzt, fahre nicht mehr nach Frankfurt zum Zahnarzt. Und wenn der Zahn nicht schmerzt, verschiebe so mancher die Behandlung auf später. Dabei sei das „absolut falsch“, meint Zahnarzt Schade. Denn „die Prophylaxe nimmt einiges an Keimen heraus.“

Für die sieben Mitarbeiter der Gederner Praxis brachte der Patientenschwund schon im vorigen Frühjahr eine mehrwöchige Kurzarbeit mit sich. Auch für die nächsten Wochen hat das Dentisten-Team Petra und Hartmut Schade Kurzarbeit beantragt.

„Wir reißen jetzt noch öfter die Fenster auf“

In der Ranstädter Praxis von Christian und Christoph Lehmann war das bisher nicht notwendig. Der Betrieb laufe normal weiter, sagt Christian Lehmann. Allerdings habe man die Zahl der Patienten in der Praxis so begrenzt, dass niemand im Wartezimmer mit anderen Menschen sitzen muss. Wer zu früh kommt, werde gebeten, im eigenen Auto zu warten.

Die große Praxis von Dr. Hannes Hameister und Martin Kerzendorf an der Büdinger Bahnhofstraße hat weiter volle Terminbücher – bis in den Mai hinein, sagt Hannes Hameister. Im vorigen Frühjahr habe mancher Patient noch einen Termin abgesagt, doch nun kämen auch alte Leute zu Vorsorgeuntersuchungen. Für Hygiene sei gesorgt. „Wir wischen noch mehr herum als früher“, sagt Hameister, und die Patienten verteile man so konsequent in den neun Behandlungsräumen, dass höchstens zwei oder drei gleichzeitig im Wartezimmer säßen.

Alle befragten Zahnärzte kennen keinen einzigen Fall von Corona-Ansteckung in Praxen. Hameister: „Dabei arbeiten wir auf Armlänge – das ist schon phänomenal.“ An Mundschutz und häufige Desinfektion der Behandlungsräume sei man ja gewöhnt, sagen die Zahnärzte. Christian Lehmann in Ranstadt: „Wir reißen jetzt noch öfter die Fenster auf“. In diesen Tagen lässt er Luftfilter in der Praxis installieren. Der seit 45 Jahren in Ranstadt aktive Zahnarzt achtet auch darauf, dass bei der Behandlung nicht zu viel geredet wird – das vermeidet Aerosole. Und wenn ein Zahn mit dem Wasserstrahl angebohrt werden muss, schützen sich die Dentisten mit einem zusätzlichen „Faceshield“.

Ins Altersheim gehen die Zahnärzte nicht mehr

Viele Wetterauer Zahnärzte kümmern sich seit Jahrzehnten um die Gebisse ihrer Patienten. Von denen leben manche im Pflegeheim; sie werden normalerweise auch dort ihrem Stamm-Dentisten behandelt. In den letzten Monaten meiden die befragten Zahnärzte allerdings den Gang ins Heim. Man will kein Risiko eingehen. Meistens plage die alten Leute ja nur eine Druckstelle am Gebiss, sagt Schade. „Ich rate dem Patienten dann, die Prothese einfach draußen zu lassen.“ Und falls sich einmal corona-positiv getestete Patienten mit starken Zahnschmerzen meldeten, dann würden an besondere Schwerpunkt-Zahnarztpraxen vermittelt.

Wenn sie wollen, können die Wetterauer Zahnärzte sich und ihr Personal in kurzen Zeitabständen auf Corona testen. Aber das tun die Dentisten in Ranstadt und Gedern nicht. „Ich habe davon keinen besonderen Sicherheitsgewinn“, glaubt Hartmut Schade. „Wir halten das für inadäquat“, meint Christian Lehmann. Das 24-köpfige Team der Büdinger Großpraxis von Hameister und Kerzendorf dagegen lässt sich alle zwei Wochen auf Corona testen, bisher stets negativ.

Adäquat, also angemessen wäre eine frühe Impfung der Zahnärzte und ihrer Helferinnen. Sie sind in die zweite Kategorie eingestuft, zusammen mit den Menschen zwischen 70 und 79 Jahren. Die Mitglieder der Praxis Lehmann haben schon Impftermine um die Osterzeit in Aussicht. Das gilt auch für die Praxis in Büdingen.

Zahnärzte bieten Hilfe bei Corona-Impfung an

Wären die Zahnärzte bereit und willens, selber Menschen gegen Corona zu impfen? Zusammen mit den rund 200 Wetterauer Hausärzten könnte das Personal der 110 hiesigen Zahnarztpraxen die Impfaktion enorm beschleunigen und so das Entstehen von Virus-Mutationen unwahrscheinlicher machen. Und zwar, sobald es genug Impfstoff gibt. Allein Büdingen hat elf Zahnarztpraxen, Nidda sieben, je fünf Praxen gibt es in Gedern und Schotten und vier in Ortenberg. Der Vogelsbergkreis hat 49 Zahnarztpraxen, teilt die Kammer auf Anfrage mit.

Die Mehrheit der 4800 hessischen Dentisten wäre bereit, bei einer großen Corona-Impfaktion zu helfen. Wir würden uns nicht verweigern“, sagt Hartmut Schade in Gedern. „Man sollte alle Kapazitäten nutzen“, findet Hannes Hameister in Büdingen. Schließlich kämen täglich zehn bis 120 Patienten in die Praxis – die könne man auch gegen Corona impfen, bei Bedarf sogar an Samstagen.

So sieht es auch Dr. Michael Frank, der Präsident der Landeszahnärztekammer: „Wenn wir diesem Virus schnell Einhalt gebieten wollen, dürfen wir kein Potenzial verschenken, denn Zeit kostet Leben“.

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