Corona

Impfzentren schließen Ende September

Von Klaus Nissen

Die 28 hessischen Impfzentren werden bald überflüssig, meinen der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) und sein Kollege vom Gesundheitsressort, Kai Klose (Grüne). Zum 30 September 2021 sollen sie schließen, verfügten die Politiker. So wird auch das Büdinger Impfzentrum im ehemaligen Obi-Markt an der Industriestraße 46 dichtmachen. In der Wetterau reagiert man darauf mit Verständnis – und mit einigen Sorgen.

Hausärzte schaffen Impfprogramm allein

Das seit Februar 2021 arbeitende Impfzentrum ist mangels Impfstoff nur halb ausgelastet. Momentan werden dort täglich zwischen 200 und 600 Erstimpfungen und 700 bis tausend Zweitimpfungen verabreicht, berichtet der Leitende Amtsarzt Reinhold Merbs. Bei genügend Nachschub wären auch 2000 Impfungen am Tag möglich.

Nur noch bis Ende September begrüß´t der freundliche Mitarbeiter die Besucher des Büdinger Impfzentrums. Sie warten dann in der früheren Gartenabteilung des ehemaligen Obi-Baumarkts auf ihre Spritze. Fotos: Nissen

Mit der fast vier Monate vorher angekündigten Schließungs-Verfügung gebe man den Kommunen Planungssicherheit, schreiben die beiden Landesminister. „Es wird bis Ende September gleichwohl mit großem Einsatz weitergeimpft, die Ärmel bleiben auch bei den engagierten Kräften in den Impfzentren bis dahin hochgekrempelt.“

Schon im vorigen November habe die Landesregierung signalisiert, dass sie die Schutzimpfungen gegen Corona möglichst bald in die „Regelversorgung“ eingliedern wollen – also die Haus- und Betriebsärzte damit beauftragen. An sie gehe jetzt schon der überwiegende Anteil der Impfstoffe, so Beuth und Klose. Bisher hat das Impfzentrum mit rund 131 000 Impfungen den Wetterauern mehr als doppelt so viele Nadelstiche versetzt wie die gut 200 Hausärzte im Kreis. Die konnten bislang mangels Nachschub nicht mehr als 61000 Impfungen machen. Laut Gesundheitsamt und Kassenärztlicher Vereinigung haben rund 58 000 der 308 000 Menschen im Wetteraukreis beide Impfungen hinter sich und sind so weitgehend gegen das Virus geschützt. Grob gerechnet ist das erst ein Fünftel der Bevölkerung.

25 000 Alte und Kranke sind noch nicht geimpft

Selbst aus den verwundbarsten Gruppen der über 70-Jährigen und der Kranken warten laut Gesundheitsamt noch gut 25 000 Wetterauer auf ihre Impfung. Wer von ihnen und der dritten Priorisierungsgruppe der über Sechzigjährigen bis einschließlich Sonntag (6. Juni) die Registrierung für einen Nadelstich im Impfzentrum bekommen hat, wird laut Landesregierung dort auch noch geimpft. Alle jüngeren Menschen, die seit Montag bis zum 15. August für das Impfzentrum registriert werden, sollen ebenfalls noch in Büdingen geimpft werden. Termine werde man ihnen „nach dem Zufallsprinzip“ zuweisen, heißt es in der Pressemitteilung aus Wiesbaden. Und wer die Erstimpfung im früheren Obi-Markt bekommt, werde dort auch die Zweitimpfung erhalten.

Falls der Zustrom zum Büdinger Zentrum deutlich abnimmt, soll das Gesundheitsamt auf Weisung aus Wiesbaden das Personal dort schon vor der Schließung reduzieren. Denn so ein Zentrum ist teuer. Allein für die Büdinger Einrichtung müssen Bund und Land nach Informationen des Kreis-Anzeiger monatlich gut eine Million Euro zahlen.

Der Leitende Amtsarzt für die Wetterau, Dr. Reinhold Merbs, hätte seit Februar gern viel mehr Menschen im Impfzentrum behandelt. Doch noch immer mangelt es am Impfstoff.

Für Reinhold Merbs vom Gesundheitsamt ist die baldige Schließung des Impfzentrums unproblematisch, wenn man bis zum 30. September noch viele Menschen immunisieren kann. „Bislang sind wir aufgrund des andauernden Impfstoffmangels weit hinter dem eigentlichen Ziel zurückgeblieben. Daran lässt sich auch nichts schönreden.“ Er sei zuversichtlich, dass die niedergelassenen Ärzte das Impfen ab Oktober allein schultern können. „Die Schließung der Impfzentren schließt ja keineswegs aus, dass wir gemeinsame Impfaktionen auch in Zukunft durchführen.“

Hausärzte: Wir schaffen das

Zuversichtlich ist auch der Vorsitzende des Wetterauer Hausärzteverbandes. Nahezu alle Praxen impfen jetzt, meint der Bad Nauheimer Allgemeinmediziner Dr. Alexander Jakob auf Anfrage. Zusammen mit den Betriebs- und den Privatärzten werde man die Impfung möglichst vieler Menschen schaffen. „Im Verlauf wird allerdings zu klären sein, wann mögliche Auffrisch-Impfungen erfolgen müssen, die sicher nochmals eine besondere logistische Herausforderung bedeuten werden. Wofür die niedergelassenen Ärzte aber schon jetzt gezeigt haben, dass sie dies meistern.“

Das gilt offenbar auch für die viel kritisierte Freigabe der Impfstoffe für alle. Man wird laut Dr. Jakob in den Praxen weiter wie bisher zuerst diejenigen Leute impfen, für die das medizinisch besonders wichtig sei. Junge und gesunde Impfwillige müssten noch etwas warten, so lange es nicht genug Impfstoff gibt.

Diese beiden Damen setzen – noch – im Impfzentrum die Spritze an.

Auch auf Facebook findet das baldige Ende des Impfzentrums Nachhall. Beate Eimer aus Eckartshausen findet die Schließung nachvollziehbar – aber zu kurz gedacht. Denn im Herbst stünden wohl Auffrischungs-Impfungen an. „Da sehe ich die Hausärzte nicht in der Lage, zumal sie ja auch noch anderes zu tun haben, als nur zu impfen.“ Gerade im Herbst seien Hausärzte noch stärker ausgelastet als jetzt, ergänzt Illona Zinn. „Vielleicht sollten die Zentren einfach verkleinert werden – einfach nur zwei bis drei Impfstraßen statt sechs.“ Das wäre für den Staat zu teuer, meint der Büdinger Wolfgang Jeensch: „Die Kosten des Büdinger Impfzentrums waren und sind extrem hoch: anfangs ein langer Leerstand bei sicherlich hohen Mietkosten und mindestens 16 Beschäftigten in dieser Zeit. Dann die ungünstige Lage, die zusätzlichen Kosten verursachten“.

Zukunft des Testzentrums ist noch offen

Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen ist sicher, dass die Arztpraxen die Arbeit des Impfzentrums gut übernehmen können. Karl Roth: „Wir halten die Schließung für sinnvoll und angemessen und sind sicher, dass die im Herbst nötigen Impfungen in der Regelversorgung abbildbar sind. Immer unter der Voraussetzung, dass das Verhältnis von zur Verfügung stehenden Impfstoffen und notwendigen Impfungen passt“.

Noch offen sei übrigens die Zukunft des gemeinsam mit dem Wetteraukreis betriebenen Testcenters in Reichelsheim. Gestern gab es im Kreis nur eine bestätitigte Neuinfektion, so gehe auch in der Alten Schule die Zahl der PCR-Tests zurück. Aktuell lassen sich dort täglich 30 bis 50 Menschen mit der zuverlässigsten Methode auf das Virus prüfen, so Karl Roth

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