Büchnerpreis

Lest Elke Erb!

Ein Vorschlag von Ursula Wöll

„Das Gedicht ist, was es tut“, so Elke Erb und so auch der Titel einer ihrer Lyrikbände im Wallstein-Verlag. Mein Deutschlehrer hätte mir diesen Satz nicht durchgehen lassen. Lyrik, vor allem die Erbsche hat eben ihre eigenen Regeln. Daher zunächst zu etwas Realem, das ebenfalls tut: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit Sitz in Darmstadt tut jährlich den Büchner-Preis für herausragende Literatur des deutschsprachigen Raums verleihen. 2020 entschied sie sich für Elke Erb, die ihn am 31. Oktober überreicht bekommt.

Büchnerpreis für eine relativ unbekannte Lyrikerin

Der Georg-Büchner-Preis ist der namhafteste Literaturpreis, der in unserer an Preisen nicht armen literarischen Landschaft vergeben wird. Wie diese Internetzeitung „Der Neue Landbote“ auch bezieht er sich auf den 1837 jung verstorbenen Georg Büchner, der neben dem „‚Hessischen Landboten“ auch Theaterstücke wie Woyzeck oder Leonce und Lena geschrieben hat, außerdem ein Erzählfragment „Lenz“, mein persönliches Lieblingsstück. Letzteres bezieht sich auf den realen Dichter Lenz. Georg Büchner lässt den verwirrten Lenz bei seinem Gang durchs Gebirg fühlen, „dass es ihm unangenehm war, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ So einen Satz vergisst man nicht.

Elke Erb bei der Buchmesse 2014 in Leipzig. Foto: Wikipedia

Zurück zum Büchner-Preis: Er ist nicht nur der renommierteste Literaturpreis, sondern auch der höchst dotierte. Er wird Elke Erb 50000 Euro bringen. Ach, wenn diese Internetzeitung auch mal dran käme! Sie arbeitet auf rein ehrenamtlicher Basis, ist aber sprachlich nicht innovativ genug, um in Betracht zu kommen.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung existiert seit 71 Jahren. Aus dem Internet weiß ich, dass ihr viele „Spracharbeiter“ angehören und dass ihr Präsidium die Jury für die Vergabe des Büchner-Preises bildet, verstärkt durch je eine/n VertreterIn des Bundes, des Landes Hessen und des Darmstädter Magistrats.

Die aktuelle Preisträgerin Elke Erb ist älter als diese Institution, 1938 geboren und offenbar noch gut drauf. Sie kommt nämlich zur Preisverleihung am 31. Oktober 2020 aus ihrem Wohnort Berlin nach Darmstadt, wo sie auch am 30. Oktober aus ihren Werken lesen wird. In der Eifel geboren, ging sie als Kind mit den Eltern in die DDR, in der sie nach dem Studium zunächst als Verlagslektorin arbeitete und sich ab 1966 einen Namen als freie Lyrikerin, Prosaistin und Übersetzerin machte. Es fällt mir schwer, ihr Werk angemessen vorzustellen, so wie offenbar auch vielen meiner namhaften Kollegen von FAZ, SZ oder Spiegel. Sie alle schreiben ausführlich über die Person Erb und eher weniger über ihre Gedichte. Es ist halt mühsam und zeitaufwendig, weil sich die Dichterin an der Sprache selbst abarbeitet. Wie schön waren doch noch die Zeiten, als ein gelungenes Gedicht sich schlicht reimte oder inhaltlich klare Aussagen machte wie bei Brecht.

„Ihre Opposition drückte sich in einer Sprache aus, die den Funktionären fremd war“

Die Akademie begründete ihre Entscheidung für das Lebenswerk von Elke Erb so: „Ihre Gedanken zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist.“ Und: „Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert.“ Auch hier hätte mein Deutschlehrer eventuell gestutzt. Ich verstehe das so: Für Elke Erb war die Sprache selbst das Subversive.

Offensichtlich hat die Preisträgerin eine Reihe von jüngeren LyrikerInnen damit sehr beeindruckt, schon in der DDR. Mit Sarah Kirsch oder Volker Braun machte sie den Prenzlauer Berg in Berlin zu einem von der Staatsmacht misstrauisch beäugten literarischen Gebiet. Ihre Opposition drückte sich in einer Sprache aus, die den Funktionären fremd war. Aber auch die BRD war ihr nach 1989 zu geldorientiert, zu oberflächlich. Ein Gedanke streift mein Gehirn: In diesem Jahr feiern wir 30jährige „Wiedervereinigung“, da kam es vielleicht gelegen, dass eine Preisträgerin zur Hand war, die in beiden Teilen Deutschlands Spuren hinterlassen hat.

Also: Leicht macht uns die Dichterin ihre Lektüre nicht. Weiten Kreisen war sie daher bisher unbekannt, auch mir. Sie verachtet starre Formen, befragt und kommentiert ihr Dichten selbst. In der taz wurde ihr Werk so charakterisiert: „beharrlich gegen das Beharren“. Das hat mir gefallen. Ob sich wenigstens einige LeserInnen mit mir der Anstrengung unterziehen, das Werk mit Langzeit- und Tiefenwirkung zu erkunden? Und einen Kommentar schreiben?

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