Büchner-Preis

Warum Clemens J. Setz?

von Ursula Wöll

Clemens J. Setz. (Foto: Max Zerrahn)
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht jährlich als Krönung ihrer Herbsttagung etliche Preise. Darunter ist auch der Georg-Büchner-Preis, der angesehenste und am höchsten dotierte Literaturpreis im deutschsprachigen Raum. Er wird am 6. November 2021 an Clemens J. Setz übergeben, und zwar wie immer in Darmstadt. Am Vorabend, dem 5. November, bedankt sich der Preisträger mit einer Lesung aus seinen Werken, die wir als Livestream miterleben können.

Wer ist Clemens J. Setz? Eine gute Frage, die mir auch literaturbegeisterte Bekannte nicht beantworten konnten. Und das, obwohl der zwischen Graz und Wien pendelnde Österreicher bereits etliche Literaturpreise abgeräumt hat. Er erhielt unter anderem den Wilhelm-Raabe-Preis und im letzten Jahr den Kleist-Preis. Alles in einem relativ jungen Alter, der Preisträger wird gerade mal 39 Jahre alt. Da wird man neugierig auf das so unbekannte Werk des Vielschreibers. Es muss etwas ganz Außerordentliches darstellen, wie auch dasjenige von Büchner selbst, der nicht einmal ganze 24 Jahre alt wurde. Der Büchner-Preis bringt außer dem Ruhm noch einen Geldsegen von 50.000 Euro, die von der Bundesregierung, dem Land Hessen und der Stadt Darmstadt gestiftet werden.

Warum so quer zur Normalität?

Um Clemens J. Setz kennenzulernen, besorgte ich mir erst einmal das Taschenbuch mit seinen Erzählungen und dem schönen Titel „Der Trost runder Dinge“. Aber anfänglich fand ich keinen befriedigenden Zugang zu den Geschichten. Wird es also bei der Lektüre dieses suhrkamp-Bandes bleiben? Oder werde ich mir seine Romane, etwa das 1000-Seiten-Werk „Die Stunde zwischen Frau und Guitarre“ von 2015, ebenfalls zu Gemüte führen? Vermisst habe ich vor allem eine nachvollziehbare personale Entwicklung der Figuren, also Hinweise darauf, warum viele so quer zur ‚Normalität‘ handeln. Sie fallen außerdem durch eine drastische und für meine Begriffe aus der Luft gegriffene Charakterisierung auf, wie jene in der Erzählung „Südliches Lazarettfeld“ kurz erwähnte Frau, „die wie ein verdorrtes Kindermädchen aussah“ . Schon die Person des Preisträgers selbst möchte sich offenbar durch gewisse Hingucker abheben. Setz präsentiert sich mit einem ansehnlichen Rauschebart, und er verkürzt seinen zweiten Vornamen zu einem Buchstaben, anstatt ihn vielleicht ganz wegzulassen.

Das Urteil der Jury

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begründet ihre Entscheidung mit der Tatsache, dass der Sprachkünstler „mit seinen Romanen und Erzählungen immer wieder menschliche Grenzbereiche erkundet“. Und weiter heißt es: „Seine bisweilen verstörende Drastik sticht ins Herz unserer Gegenwart.“ Mit diesem ominösen sprachlichen Bild wollten wohl die Preisverleiher ihren Preisträger noch toppen? Die Juroren bescheinigen dem Schriftsteller auch „humanistische Impulse und Menschenfreundlichkeit“. Sie betonen ausdrücklich, wie menschenfreundlich und ohne Verurteilung der Autor selbst das bizarre Verhalten seines Personals darstellt. Als Beleg dafür fällt mir eine männliche Hure ein. Der Callboy lehnt es ab, vor dem im Wachkoma liegenden Sohn der Hausherrin mit dieser zu schlafen. Er verzichtet damit auf die üppige ‚Entlohnung‘, obwohl seine Turnschuhe mehr als abgewetzt sind. Aber auch die Frau mit ihrem seltsamen Wunsch wird nicht verurteilt. Der Autor will wohl darstellen, wie verrückt sich Menschen verhalten, wenn sie von Grenzsituationen zermürbt sind. Denn offenbar erhofft sich die Frau, dass ihr Sohn durch das Sexgeschehen aus seinem Koma erwacht.

Clemens J. Setz liefert also Momentaufnahmen menschlichen Verhaltens und nicht die von mir zunächst erwartete längerfristige Persönlichkeitsentwicklung mit Hinweisen auf deren gesellschaftliche Ursachen.

Ob ich mir also doch noch die Romane des Preisträgers besorge? Auf jeden Fall werde ich mir die Lesung am 5.11. 2021 um 20 Uhr anhören und mich auf Kommentare von Landboten-Lesern und Leserinnen freuen.

deutscheakademie.de , dort um 20 Uhr auf den Link ‚Livestream‘ drücken.

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