Blühflächen-Report

Nutzen für Tiere wird untersucht

Blühflächen in der Landwirtschaft sollen bessere Lebensbedingungen für Vögel, Kleinsäuger, Amphibien, Reptilien und Insekten schaffen. Wie solche Blühflächen am besten angelegt werden und welchen nutzen sie haben, untersuchen der Naturschutzbund (Nabu) Horlofftal und die Faunistische Lands-Arbeitsgemeinschaft Hessen (FLAGH) auf Feldern beim Licher Ortsteil Bettenhausen.

„Es geht im Grunde darum, ob und unter welchen inneren und äußeren Bedingungen Aussaat-Blühflächen etwas bringen und einen ökologischen Mehrwert erzielen“, sagt Projektkoordinator Stephan Kannwischer vom Nabu Horlofftal. Die Rationalisierung der Landwirtschaft und der fast flächendeckende Einsatz von Agrarchemikalien konventioneller Betriebe habe erhebliche Auswirkungen auf die Anzahl der Tierarten des Offenlandes und deren Reproduktionsfähigkeit. Die EU-Agrarpolitik habe zu einem großen Höfesterben geführt und die meisten bäuerlichen Familienbetriebe würde heute noch an EU-Subventionstropf hängen. Die Artenvielfalt gehe „EU-subventioniert den Bach runter“.

Feldflur-Monitoring-Projekt

Um dem entgegenzuwirken wurden zahlreiche landwirtschaftliche Blühflächen angelegt und durch Programm wie HALM in Hessen oder durch EU-Bewirtschaftungsauflagen (Ökologische Vorrangflächen – OVF) gefördert. Ausführung und Handhabung der Blühflächen seien aber oft miserabel und wenig zielführend, meint Kannwischer. Durch die wissenschaftliche Untersuchung des „Feldflur-Monitoring-Projektes Bettenhausen“ soll nun festgestellt werden, welche Art in welcher Weise von Blühflächen profitiert.

Im Zuge des Artenhilfsprogramms Rebhuhn der Staatlichen Vogelschutzwarte Hessen hat der Bettenhausener Landwirt Bernd Jochem Blühflächen angelegt. Die Erstansaat der Blühflächen war im April 2020. Es sind elf Flächen mit insgesamt 3,84 Hektar, das sind fast 15 Prozent seiner landwirtschaftlichen Betriebsfläche. Drei der Flächen werden von 2021 bis 2025 exemplarisch nach allgemein wissenschaftlich anerkannten Erfassungsmethoden auf Insektenvorkommen untersucht (standardisierte Fanggefäße und Gelbschalen). Alle als Flächen der durch das Landesprogramm HALM geföderten Maßnahme werden zusätzlich auf Vogelvorkommen untersucht (Brutvögel, Nahrungsgäste, Wintergäste). Vorkommen von Tierarten, die dem Jagdrecht unterstehen werden ebenfalls dokumentiert, außerdem andere interessante Zufallsbeobachtungen und Begebenheiten.

174 Laufkäfer-Arten festgestellt

Bei einer Exkursion des Nabu Horlofftal zu den Blühflächen berichteten die Biologen Andreas Schmidt (Laufkäfer), Ernst Brockmann (Tag- und Nachtschmetterlinge), Dr. Ulrich Frommer (Wildbienen und Stechimmen), Gerd Bauschmann (Ameisen und Heuschrecken) sowie die Feldornithologen Daniel Laux und Eckhard Richter über den bisherigen Stand der Untersuchung.

Es wurden insgesamt 174 Laufkäfer-Arten festgestellt. Darunter finden sich auch seltene Spezies und solche der Roten Liste. Da Ameisen staatenbildend sind und eine gewisse Entwicklungszeit hierfür benötigen, schwankt die Artenzahl zwischen 1 bis 9 Arten je Untersuchungsfläche. Bislang wurden rund 30 Arten Tag- und Nachtfalter festgestellt. Hierbei sind besonders der Malven-Dickkopffalter auf wärmebegünstigten und vegetationsarmen Randbereichen und der Kleine Perlmuttfalter auf den Ackerveilchen der Schwarzbrachen hervorzuheben. Allgemein kann gesagt werden, dass das vorhandene Blütenpotential der Untersuchungsflächen anziehend auf Falter wirkt, jedoch die Reproduktion dort bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Während der Blühflächen-Exkursion bei Bettenhausen erhalten die Exkursionsteilnehmer einen ersten Einblick in die untersuchungen. (Fotos: Nabu Horlofftal)

Es konnten 2021 insgesamt 55 Arten Wildbienen und Stechimmen nachgewiesen werden, wovon auch einige einen gewissen Seltenheitswert haben. Besonders interessant waren drei vor allem spinnenfressende Faltenwespen-Arten. Wenn diese vorkommen, ist auch auf ein entsprechendes Spinnenvorkommen zu schließen, weshalb vom Erfasser Dr. Frommer vorgeschlagen wurde, auch diese planmäßig zu untersuchen.

Es konnten insgesamt 13 Vogelarten nachgewiesen werden, von denen mindestens neun Arten einen direkten brutbiologischen Bezug zu den Flächen aufweisen (Revier/Teilrevier/ Nahrungshabitat zur Brutzeit). Für andere Arten sind die Flächen außerhalb der Brutzeit (Wintergäste) bedeutsam oder gehören zwar zum Revier, sind aber kein essenzieller brutbiologischer Bestandteil desselben.

Die in der relativ ausgeräumten Ackerlandschaft gelegenen Blühflächen wurden durch nur wenig n besiedelt, jene Flächen dagegen, die an Saumstrukturen, Streuobst oder Siedlungsränder angrenzen, sind attraktiver und werden schneller angenommen. Hier ist der Grenzlinienanteil und damit die Habitatvielfalt und dadurch auch der Anteil potenzieller „Siedler“ größer.

Die in den Ackerflächen etablierten Blühstreifen haben jedoch ihre positviven Effekte auf die umliegenden Kulturen, indem beispielsweise die Feldlerche Nahrungsquellen angeboten bekommt, die ihr ansonsten fehlen würden. Dasselbe gilt auch für mehrfach an den Blühflächen angetroffene Rebhühner in Paar- und Kettenstärke. Die Auffindbarkeit, Attraktivität und damit Nutzbarkeit dieser Blühflächen durch Vogelarten der Agrarlandschaft würde durch einen höheren Vernetzungsgrad der offenen Kulturlandschaft deutlich erhöht, so die einhellige Meinung der Biologen.

Einen nicht zu unterschätzenden Wert hat scheinbar der „Luftraum über den Flächen“, denn insbesondere Rauch- und Mehlschwalben waren über den siedlungsnahen Flächen auf der Insekten-Jagd. Man kann davon ausgehen, dass Fledermaussarten sie in den Abend- und Nachtstunden dazu nutzen, vor allem dort, wo andere leitlinienhafte Habitat-Strukturen in der Nähe sind (Hecken, Säume) oder angestammte Jagdreviere existieren (Streuobst).

„Die bisher erzielten Zwischenergebnisse der Untersuchung motivieren zum Weitermachen. Im Rahmen der fachlichen – Landwirte, Jäger und Naturschutz – und öffentlichen Information durch Exkursionen und Vorträge werden die Akteure weitere Erkenntnisse kundtun“, kündigt Kannwischer an.

Titelbild: Eine der Blühflächen bei Bettenhausen. Die Eignung als ökologisch wirksamer Insektenlebensraum hängt ganz wesentlich von der Anlage, der Pflege und der Dauerhaftigkeit ab. Hiervon profitieren auch Vögel, Fledermäuse und andere Kleinsäuger sowie Amphibien und Reptilien.

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