Architektur

Nachhaltigkeitspreis

von Ursula Wöll

Der Nachhaltigkeitspreis Architektur wird am 4. Dezember 2020 verliehen, diesmal digital. Er zeichnet Gebäude aus, die aus ökologischen Materialien erbaut wurden. Auch schärft er unseren Blick für unsere architektonische Umgebung. Im vergangenen Jahr erhielt die neue Verwaltung von ‚Alnatura‘ in Darmstadt den Preis. Sie besteht aus Stampflehm. Nun scheint man urbanes Bauen mit Holz im Blick zu haben. Die drei Finalisten des Wettbewerbs verwenden diesen nachwachsenden Stoff in Hülle und Fülle.

Baustoff Lehm wieder modern

Selbst in Afrika, wo das Bauen mit Lehm einst die Norm war, haftet den Häusern aus Lehm inzwischen der Geruch des Ärmlichen an. Erst der berühmte afrikanische Architekt Francis Keré belebte die alte Tradition neu. Mit den Einwohnern gemeinsam erbaute er Schulen oder Krankenhäuser aus Lehm, die ästhetisch so gelungen sind, dass sie Weltruhm erlangten. Auch der verstorbene Christoph Schlingensief engagierte den mutigen Architekten für sein Afrika-Projekt. In Deutschland war es der Kasseler Professor Gernot Minke, der den Lehmbau neu entdeckte und selbst in einem Lehmhaus mit Grasdach wohnt.

Wir müssen nicht so weit fahren, um Lehmhäuser zu besichtigen. In Weilburg stehen etliche ziemlich betagte, eines hat 5 Stockwerke und wurde 1828 erbaut. In einem anderen logiert eine Arztpraxis. Häuser aus Stampflehm sind also beileibe keine dreckigen, dunklen Höhlen. Schon gar nicht der Anfang 2019 fertiggestellte Alnatura-Campus in der Darmstädter Mahatma-Gandhi-Straße. Er hat außer seinen langen Wänden aus Stampflehm viel Glas vorzuweisen. Der Lehm stammt aus dem Westerwald und dem Aushub für Stuttgart 21. Er sorgt für angenehmes Raumklima und lässt sich rückstandslos entsorgen. Zuerst wollte der Bauherr mit seinen Angestellten den Lehm zwischen der Schalung mit den Füßen selbst feststampfen, wie das traditionell geschah. Doch so romantisch funktioniert das heute nicht mehr, man ließ eine Stampfmaschine für so große Flächen arbeiten. Auch die Voltaikanlage auf dem Dach entstammt der Jetztzeit.

Baustoff Holz Wiederentdeckt

Im Gegensatz zu Sand, den man für Beton braucht und der weltweit bereits lausig knapp ist, wächst Holz nach. Wenn man nicht große alte Wälder wie bei Dannenrod fällt. Aber das ist für den Holzbau nicht nötig, obwohl das Heilbronner Projekt ‚Skaio‘ mit 10 Geschossen und 34 Metern Höhe das (bislang) größte Holzhochhaus ist. Es lotet die aktuellen Grenzen des Machbaren mit Holz aus. Der bebaute Raum ist in 60 Mietwohnungen, 4 Wohnungen für Bedürftige sowie einige integrierte Gewerbeeinheiten unterteilt. Allerdings wurden die Fassaden mit vorgehängten, hinterlüfteten Aluminiumelementen verkleidet. Daher glaube ich nicht, dass der Bau als einer der Finalisten den Preis erhalten wird.

Dagegen zeigt das Projekt ‚Walden 48‘ in Berlin große sichtbare Holzoberflächen. Es wurde von einer Baugemeinschaft geplant, hat im Keller ein Fahrrad-Parkhaus und im Freien drei E-Carchairing-Parkplätze. So brauchen die BewohnerInnen der 43 Wohnungen keine eigenen Pkws. In den Gemeinschaftsräumen des Holzbaus können sie Temine absprechen. Bei ‚Walden 48‘ hat man durch eine bestimmte Massivholz-Bauweise neue Wege im Brandschutz beschritten. Teure Sprinkleranlagen wurden überflüssig. Allerdings sind Treppenhaus und Brandwände des langgezogenen Baukörpers aus Stahlbeton. Ich tippe, dass dieses Holzhaus mitten in der Großstadt am 4. Dezember den Preis erhält, auch weil dieser Finalist ein Beispiel für innerstädtische Nachverdichtung ist.

Das dritte Projekt unter den Finalisten steht in Saarbrücken und hat den Namen ‚Unique 3‘. Es ist Beispiel für die Revitalisierung einer Gewerbebrache. Hier wurde ein Siemenskomplex stillgelegt, der unter Denkmalschutz steht, weil er beispielhaft die Nachkriegsmoderne repräsentiert. Die ehemaligen Büros, das Casino und die Werkstätten sind nun zu ganz unterschiedlichen Wohnungen umgebaut. Auch zu unterschiedlichen Preisen, sollte man hinzufügen, denn manche haben sogar kleine Gärten. Den Denkmalschutz hat man nicht dogmatisch genommen, denn die durchlaufenden Glasbänder der Fenster wurden unterbrochen, um kleine Veranden zu schaffen.

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