Die Pumpen sind am Anschlag
Von Klaus Nissen
Im August 2026 kommt trotz der Dürre noch genug Trinkwasser aus den Hähnen. Auch im Herbst und Winter, obwohl die OVAG Lieferkürzungen ab September angekündigt hat. Doch für 2027 droht uns allen die Rationierung des Lebensmittels Nummer eins, falls der Winter und der nächste Sommer wieder trocken werden. Das belegt der Blick auf die Lage an der Wasserfront – zum Beispiel in Karben.Trinkwasser wird knapp
Die Männer vom Wasserwerk Harb bei Rosbach im Wetteraukreis schauten in der ersten Augustwoche mit Sorge aufs Ende der Sommerferien. Viele Familien kehren dann aus dem Urlaub zurück, stecken Schmutzwäsche in die Maschinen, wässern die Zimmerpflanzen und Gärten, füllen den Pool wieder auf und stellen sich bei über 30 Grad auch häufiger unter die Dusche.

Das steigert den Wasserverbrauch deutlich, sagt Raoul Vincent Schön. Der 37-Jährige ist Geschäftsführer des Zweckverbandes für die Wasserversorgung des unteren Niddatals. Mit vier Kollegen steuert er die Versorgung von Karben (außer Burg-Gräfenrode), von Büdesheim, Massenheim und Nieder-Erlenbach.
Verbraucher zapfen teils doppelt so viel wie üblich
Diese Region beliefert der Wasserverband in „normalen“ Jahren mit rund 2 Milliarden Litern besten Trinkwassers, also zwei Millionen Kubikmetern. Rund 60 Prozent des Wassers fördert er selber – etwa ein Viertel aus Petterweil, ansonsten aus fünf Tiefbrunnen und vier Quellen im Wasserwerk Harb zwischen Nieder-Rosbach und Rodheim. 40 Prozent des Karbener Wassers liefert die OVAG.

Allerdings ist 2026 wie auch 2003 und 2018 bis 2022 kein „normales“ Jahr mehr. Holger Pfau, der Technische Betriebsleiter und Vize-Geschäftsführer des Wasser-Zweckverbandes, deutet in der Harb auf die blaue Linie, die sich über den Bildschirm seines Computers zieht. Sie zeigt den Wasserverbrauch eines von Zweckverband versorgten Stadtteils. Morgens und am frühen Abend steigt die Linie deutlich an. An heißen Tagen holt die Bevölkerung 30 bis 100 Prozent mehr Wasser aus der Leitung als sonst. „Gerade an solchen Tagen müssen wir das Wasserkontingent in den Behältern nachsteuern. Die massiven Schwankungen puffern wir mit mehr Personal ab“, sagt Raoul Vincent Schön. Es klingt beinahe verzweifelt.
Bis zu 320 000 Liter pro Stunde in Karben
An normalen Tagen liefert der Zweckverband über die Stadtwerke stündlich bis zu 220 000 Liter in die Karbener Wohnhäuser und Firmen. Die Spitzenwerte an warmen Tagen liegen bei 320 000 Liter pro Stunde, berichtet Stadt-Sprecherin Désiree Stobbe auf Anfrage.

„Das Problem sind die Verbrauchsspitzen“, sagt Wasserwerker Schön. „Und wie sie abgefangen werden können.“ Auch die OVAG hatte vorige Woche offenbart, dass die Pumpen „am Anschlag“ seien. Wenn die Verbraucher sehr viel Wasser zapfen, könne man nicht einfach mehr fördern. Dann leeren sich die Pufferspeicher – die Hochbehälter.
Auf dem Hügel „Pelzkappe“ bei Klein-Karben bunkert der Wasserverband 1600 Kubikmeter in einem großen Tank – dort läuft auch das OVAG-Wasser aus dem Vogelsberg ein. Zwei ältere Tanks auf der „Pelzkappe“ fassen zusammen weitere 800 Kubikmeter. Südlich von Kloppenheim sind 2000 Kubikmeter in zwei Tanks zwischengelagert. Im Wasserwerk selber werden auf Rosbacher Gemarkung nochmal 500 Kubikmeter gespeichert.
Hochbehälter leeren sich bei Spitzenlast
Diese Puffer muss man bei großer Nachfrage klug managen, so Raoul Vincent Schön und Holger Pfau. Wenn die OVAG am Limit ist, leere man die Hochbehälter etwas stärker als üblich. Allerdings müsse immer eine Reserve für den Brandschutz im Tank bleiben. Und die Wasserwerker dürfen ihren Vorrat nicht so weit verringern, dass er nicht mehr aufgefüllt werden kann. Denn die eigenen Brunnen liefern Tag und Nacht stets die gleiche Menge – man kann sie nicht vorübergehend voll „aufdrehen“. In Software und Bauteile zur klugen Steuerung der Hochbehälter investierte der Wasserverband jüngst sechsstellige Beträge. Rund 4,5 Millionen Euro kostete die Wasserleitung zwischen den Hochbehältern „Pelzkappe“ und Kloppenheim.
Der Boden wird immer trockener
Mit Spar-Appellen versuchen die Kommunen in diesen Tagen, die Bürger vom Wasserhahn fernzuhalten. Das „großflächige Rasensprengen“ und das Befüllen von Schwimmbecken solle man an heißen Tagen lassen, bittet die Stadt Karben per Pressemitteilung. Wenn man gießt, dann möglichst abends. Wasch- und Spülmaschinen sollten voll sein, ehe man sie anschaltet. Beim Zähneputzen soll man zwischendurch den Hahn schließen.

Im nahen Friedrichsdorf steht die Wasserampel auf Gelb. Die Stadt bittet, auf Autowäschen und das Abspülen von Höfen zu verzichten. Auch die Städte Friedberg und Bad Nauheim und der Hauptversorger OVAG baten jüngst alle Bürger um die verantwortungsvolle Verwendung von Trinkwasser. Ob es wirkt, bleibt offen.
Stadt Karben schließt eine Rationierung von Trinkwasser aus
Noch greifen die Kommunen nicht zu harten Maßnahmen. Im Rahmen der Gefahrenabwehr könnten sie das Wasser rationieren – es zum Beispiel stundenweise abstellen. Das will man vermeiden. Die Stadt Karben beruhigt sogar: „Insgesamt sind die Zahlen beim Wasserverbrauch um fünf Prozent rückläufig. Zugrunde liegt der Wasserverbrauch in den Jahren 2021 – Juni 2026.“
Das kann schlicht daran liegen, dass mit der Rapp’schen Kelterei ein Großverbraucher von Karben nach Bad Vilbel gezogen ist. Stand August 2026 schließt die Stadt Karben aus, dass es hier 2027 eine Rationierung geben kann.

Insgesamt sinkt langfristig der Grundwasserspiegel in der Region – wenn auch nur zentimeterweise. Das zeigen die von den Aufsichtsbehörden ins Internet gestellten Messwerte. Die Daten sind unter www.gruvo.bgr.de und www.nivis-online.de einsehbar. Im Sommer 2026 sinkt das Grundwasser stärker ab – in der Messstelle Ockstadt zum Beispiel seit dem 12. Juli um 30 Zentimeter. Der Deutsche Wetterdienst (www.dwd.de) zeigt Karten der Bodenfeuchte in unterschiedlichen Tiefen. Demnach haben die Pflanzenwurzeln in Karben an der Oberfläche extremen und 50 Zentimeter darunter noch deutlichen Trockenstress. Erst ab einem Meter Tiefe bekommen die Pflanzen ausreichend Wasser.
Strategie: Quellen suchen und Wasserverluste verhindern
Die Menschen versuchen, mit neuen Tiefbrunnen mehr Wasser für sich zu finden. Im Frühjahr 2026 machte der Wasser-Zweckverband Unteres Niddatal eine Probebohrung am Waldrand nahe Burg-Gräfenrode. Doch auch in 130 Metern Tiefe stieß man nicht auf den erhofften „unterirdischen Fluss“. Das Loch musste wieder geschlossen werden. Der Versuch kostete rund eine halbe Million.

Wie kommt man nun an ausreichend Trinkwasser? „Wir müssen aus der Komfortzone heraus“, sagt Wassermeister Holger Pfau. Zum Beispiel investieren, um alte, leckende Leitungen im Boden zu erneuern. Was die Stadtwerke Karben schon seit Jahren machen, um nach und nach neue Trinkwasserleitungen zu installieren.
In der Wasserbilanz für 2023 beziffert das Regierungspräsidium Darmstadt die Rohrnetzverluste im Wetteraukreis auf 62 Liter pro Stunde und Leitungskilometer. Allein der Wasserverband Unteres Niddatal unterhält 52 Leitungskilometer. Noch viel länger sind die von den Stadtwerken verlegten Rohrnetze in den Orten. Wenn die ganz dicht wären, reichten die Brunnen vorerst aus.
