Verbeugung vor der Glasmacherei
von Jörg-Peter Schmidt
Der Bestsellerautor Florian Illies zieht in seinem neuen Buch „Träume aus Feuer“ den Hut vor der phantastischen Kunst der Glasmacher. Er schildert die wahre Geschichte des Alchemisten Johannes Kunckel, der vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1685 die Pfaueninsel, die in der Havel in Berlin gelegen ist, als Geschenk erhält.Genie Johannes Kunckel
Zweck dieses ungewöhnlichen Präsents: Auf der Insel soll eine Glaswerkstatt entstehen, so dass Kunckel, der vom 1635 bis 1703 lebte, an der Spitze eines Teams von Fachleuten seiner Kunst nachgehen kann. Der Wunsch des Kurfürsten wurde erfüllt.
Der Regent förderte ohnehin die Glashütten, damit durch Exporte Gewinne erzielt wurden. Denn noch waren (auch finanziell) die Folgen des 30-jährigen Kriegs (1618 bis 1648) stark zu spüren.
Illies, der stets packend Historisches wunderbar leicht lesbar beschreibt (wie etwa das Leben und Werk von Caspar David Friedrich) nimmt die Leserschaft mit auf eine historische Reise zu der Insel-Werkstatt. Man verfolgt mit Ehrfurcht, wie aufwendig, kompliziert und kräfteraubend die Glasmacherei sein kann. Der geniale Kunckel und sein Team schaffen Exponate von allerhöchster Qualität. Beispielsweise Weinpokale, die sogar die Glasmacher von der Venedig-Inselgruppe Murano begeistern.
Ein unerfüllbarer Auftrag?

Der Kurfürst steigert seine Anforderungen. Höhepunkt: Weil Friedrich Wilhelms Gattin Dorothea einen kapitalen Hirsch bei der Jagd geschossen hat, kommt dem Regenten eine Idee. Kunckel möge doch ein Hirschgeweih aus rotem Glas anfertigen. Innerhalb von zwei Wochen. Der Alchemist ist erschrocken, wie man bei Florian Illies liest. Ist solch ein Auftrag überhaupt umsetzbar? Der Glasmacher, seine Mitarbeiter und noch weitere Fachleute kämpfen nun in sensibelster Feinarbeit und unter Zeitdruck darum, den Auftrag in die Tat umzusetzen…
Ungewöhnliches Geschenk erweckt Neid
Bald gibt es noch ein weiteres, nicht alltägliches Präsent des Fürsten aus Dankbarkeit „für die großartigen Gläser im Allgemeinen“ für Kunckel. Es handelt sich um die Insel Sandwerder, neben der Pfaueninsel gelegen. Dies steigert den ohnehin bereits brodelnden Neid der Kurfürst-Höflinge auf den Glasmacher. Wird da etwa gegen den Schützling des Chefs am Hofe mehr oder weniger sprichwörtlich gezündelt? Es ziehen dunkle Wolken über die Pfaueninsel.
Das sehr sorgfältig recherchierte Sachbuch, das sich flüssig wie ein Roman liest, ist im Pfaueninsel-Verlag erschienen, hat 144 Seiten und kostet 20 Euro.
P. S. Zu loben ist, dass am Ende des Buches in Kurzform das Leben und der Werdegang Kunckels sowie seiner Familie beschrieben wird. Zudem erfährt man, wo Exponate oder andere Hinterlassenschaften, die auf den Künstler schließen lassen, heutzutage besichtigt werden können. Etwa im Naturalienkabinett des Schlosses Waldenburg.
Titelbild: Der Becher aus Goldrubinglas mit dem Deckel aus dem Besitz der Wittelsbacher wird traditionell Johannes Kunckel zugeschrieben. Der Becher wird in der Schatzkammer der Münchner Residenz ausgestellt (2010). (Quelle: Wikipedia, Schtone)


