Überleben im Kongo
von Michael Schlag
Was wissen wir vom Kongo? Sehr großes tropisches Land in Afrika, Schreckensherrschaft der Belgier, Diktatur unter Mobutu, Krieg im Osten des Landes, Vulkanausbruch, Ebola. Aber wie leben die Menschen dort? Die Journalistin Judith Raupp lebt seit 15 Jahren in Goma im Ostkongo, arbeitet hier als Medientrainerin und freie Reporterin. Ihr Buch „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“ nimmt den Leser mit in den Alltag im Kongo, mit Willkür, Gewalt und Korruption – und zu den Menschen dort.
Je me débrouille
Immer wieder sind es kleine Kürzel, kurze Ausdrücke, die im Kongo jeder versteht, die dem Fremden aber erstmal nichts sagen. Aber wenn man sie erklärt, dann tut sich dahinter eine Geschichte auf – und meistens keine gute. „Débrouillez vous“ sagte Mobutu Sese Seko, 32 Jahre lang Diktator, nachdem er das Land so ausgeplündert hatte, dass der Staat keine Lehrer, Polizisten und keine Verwaltung mehr bezahlen konnte. „Seht selbst zu, wo Ihr bleibt“, wäre eine passable Übersetzung. Und wenn man heute jemand fragt, wie es ihm geht, ist eine gängige Antwort: „Je me débrouille“. Ich schlage mich so durch. Man nennt es auch „Article 15“ – jeder weiß, dass er sich nur selbst helfen kann, mit Hilfe seiner Familie. Oder auch: „Je suis là“ – ich bin da, immerhin. Es sind immer wieder diese Erklärungen aus dem Alltag, aus Gesprächen, mit denen Judith Raupp große Nähe herstellt zu den Menschen im Kongo.
Überfall der M23
Dazu gehört auch ihr siebter Sinn für Gefahren, denen man täglich und überall begegnen kann. Etwa wenn die Kommandanten der Armee und die ausländischen Söldner sich davon machen, ist für alle höchste Gefahr. So geschehen am 27. Januar 2025, als die Miliz „M23“ zusammen mit Soldaten aus Ruanda in der Millionenstadt Goma einfiel. Verletzte müssen sich zu Fuß ins Krankenhaus schleppen, die Operation eines Bauchschusses kostet 600 Dollar – zu zahlen vorab in bar. Bäuerinnen, die ein Stück auf der Pritsche des Geländewagens der Entwicklungshelfer mitfahren, damit sie nicht die ganzen zwanzig Kilometer von ihrem Dorf zu den Feldern gehen müssen. Dort übernachten sie auch. Und von ihrer einheimischen Kollegin erfährt Raupp: „Auf den Feldern werden ständig Frauen vergewaltigt.“ „Von wem?“ „Von allen, Soldaten, Banditen, Milizen.“
Mama na Kinga
Wer einem Land nahekommen will, der benutzt das Verkehrsmittel der Einheimischen, das Fahrrad. Kongolesische Männer fahren mit alten Rädern zum Kivusee, schöpfen Wasser in gelbe Plastikkanister, um es in den Wohnvierteln von Goma zu verkaufen. Aber eine weiße Frau auf dem Rad? Damit wird sie bekannt in der Stadt, man nennt sie „Mama na Kinga“, die Frau auf dem Rad. Mama übrigens, weil jede erwachsene Frau hier Mama heißt, jeder erwachsene Mann Papa. Manchmal schützt sie die Bekanntheit mit ihrem Fahrrad, es kann aber auch schlecht ausgehen. Eine Kollegin erklärt es so: Wenn der Chef in Europa mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, schafft er sich ein gewisses Ansehen. Im Kongo wäre er damit unten durch, denn „ein Chef im Kongo ist big man“.
Aber eine Journalistin, die mit Fahrrad vorfährt, um ihre Akkreditierung zu verlängern, bekommt die ganze Arroganz der Bürokratie zu spüren. Man wird ungefragt geduzt, der Beamte hat gerade keine Zeit, lässt zwei Stunden warten vor der Tür, danach ist das Amt geschlossen. Stattdessen ein übles Verhör beim Geheimdienst und der Agent verlangt noch Geld für seinen Service, der Journalistin Telefon und Rucksack zurückzugeben. In dem Fall ist das Fahrrad die Rettung: „Sie sehen doch, dass ich kein Geld habe.“
Korrupte Verkehrspolizei
Und doch leben Millionen Menschen hier, es werden Hochzeiten gefeiert, es gibt Familientreffen, es gibt Beerdigungen. „Wie viele Menschen in Goma jede Woche sterben, weiß ich nicht,“ schreibt Judith Raupp. „Ich bekomme mit, wie Polizisten Demonstranten erschießen, wie Babys an Malaria sterben.“ Auf dem Weg mit dem Fahrrad in die Stadt radle, liegen immer wieder Verkehrstote am Straßenrand. “Ständig höre ich von Geburten, die schieflaufen. Im Kongo stirbt bei jeder 200. Entbindung eine Frau.“ Korruption überall, besonders berüchtigt ist die „roulage“ – die Verkehrspolizei in Goma. Ein Verkehrspolizist verlangt 100 Dollar, weil sie keinen Führerschein hat. „Auf dem Fahrrad braucht man keinen Führerschein.“ – „Hier schon“.
Kauf Dir doch eine neue
Wieder Verkehrskontrolle, diesmal mit dem Motorrad. „Ich ziehe schnell den Zündschlüssel ab und stecke ihn in die Hosentasche, damit ihn die Polizisten nicht konfiszieren und mit meinem Gefährt abhauen.“ Und wieder lässt ein kurzer Wortwechsel tief blicken in das Land. Der Führerschein sei abgelaufen. Tatsächlich ist er noch drei Monate gültig. „Egal, wir nehmen jetzt Dein Motorrad mit.“ Raupp holt ihre Lesebrille aus dem Rucksack, damit der Polizist sich selbst überzeugen kann. „Der Polizist setzt sie auf die Nase und schaut die Kollegen an: „Die behalte ich“. – „Das geht nicht, ich brauche sie.“ – „Kauf Dir doch ein neue.“
Willkür auf dem Amt
Die Bürokratie ist reine Willkür und Kafka pur. Die Journalistin braucht ein neues Visum in ihrem Pass. Das gibt es in der Hauptstadt Kinshasa. Derweil braucht sie als Ausweis in Goma ein Papier, mit dem ihr bestätigt wird, dass ihr Pass in der Hauptstadt ist, wo ein neues Visum eingetragen wird. Dieses certificat de depat de passport muss an jedem Ersten eines Monats verlängert werden. Der Stempel „macht wie immer 100 Dollar“, sagte die freundliche Beamtin. So geht das zwei Monate, vier Monate, auch länger. Ohne Pass aber keine Ausreise. Und die Milizen rücken auf Goma vor.
Krieg und Krise statt Biergarten und Bergwandern
Und warum blieb sie hier in Goma, warum wechselte Judith Raupp aus der sicheren Auslands-Redaktion der Süddeutschen Zeitung als „Muzungu“ in den Kongo? Sie war früher schon hier, auf Reise mit dem damaligen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel. Man sprach auf Regierungsebene über das Potenzial des Ökotourismus in den Naturschutzgebieten des Kongo. Aber irgendwann fragte sie sich: „Was wird aus den Menschen, die ich getroffen habe?“ Die erschöpfte Ärztin aus Malawi, deren Kollegen vom reichen Europa abgeworben wurden. „Lebt der Tuareg noch, der mir erklärte, weshalb seine Volksgruppe im Niger rebelliert?“ Bekam der Goldschürfer in Sierra Leone Probleme, weil er erzählte, wie mies ihn die Minengesellschaft behandelt? Es klingt dann ganz folgerichtig: Raupp heuert an bei einer kirchlichen Gesellschaft, soll in Goma Journalisten ausbilden. Und sie entscheidet sich für „Krieg und Krise statt Biergarten und Bergwandern.“
Liebenswerte Menschen
Aber Krieg und Krise ist nicht alles in dem Buch. Aus kleinen Gesprächen erfährt man viel über die Menschen. Die Frauen geben ein Heidengeld aus für den Frisör, sind immer tadellos gekleidet und fragen sich, warum reiche Europäer so schlampig herumlaufen. Man trifft einen Unternehmer, der die erste Müllverwertung in Goma aufbaut. Und alle unterstützen sich gegenseitig. Als Raupp auf Anweisung ihrer Arbeitgeber vor den anrückenden M23 ins Ausland fliehen soll, werfen ihre Mitarbeiter zusammen für Reisegeld – 40 Dollar im Umschlag, „davon hätte jeder einen Monat leben können“.
Judith Raupp
Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht
Leben und Überleben im Kongo
Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-85162-9
Erschienen am 09. Juli 2026
297 S., mit 2 Karten 20 €, als E-Book 17,99 €
Blick ins Buch:
Judith Raupp

