Friedrichsdorf ist seine Heimat
Zum 35. Todestag des Friedrichsdorfer Science-Fiction- Autors Karl-Herbert Scheer (1928-1991) findet der von ihm erfundene Weltraumheld Perry Rhodan eine Heimat im Stadtarchiv. Scheers Tochter übergab der Stadt den Schreibtisch mit Stuhl und Computer sowie zahlreiche persönliche Unterlagen aus dem Besitz ihres Vaters.Manuskript und Computer von Rodans Vater
Eine Besonderheit des Bestandes ist das handschriftliche Originalmanuskript von „Perry Rhodan-Exposéentwürfe Band 200 – Band 385“. Damit gelangten nicht nur Dokumente, sondern wesentliche Teile des einstigen Arbeitsplatzes des Autors in das Archiv und das
Museum von Friedrichsdorf.
„Schreibtisch, Stuhl und Computer führen uns unmittelbar an den Ort, an dem literarische Zukunft entworfen wurde“, erklärt Museums- und Archivleiterin Dr. Erika Dittrich. „Besonders eindrucksvoll ist das handschriftliche Manuskript. Es zeigt den Text noch im Prozess seiner Entstehung und macht die Arbeit des Autors hinter dem gedruckten Werk sichtbar. Die neuen Unterlagen bieten uns die Möglichkeit, Scheers Leben und Schaffen anhand seiner eigenen Aufzeichnungen genauer zu erforschen.
Ein Roman mit mehr als 190 000 Seiten
Der Neuzugang wird derzeit im Stadtarchiv und im Museum gesichtet, geordnet und erschlossen, berichtet die Stadtverwaltung. Die einzelnen Dokumente werden verzeichnet, sachgerecht verpackt und in ihren jeweiligen Entstehungszusammenhang eingeordnet. Erst durch
diese Arbeit entsteht aus der Übernahme ein dauerhaft nutzbarer Archivbestand. Künftig können die Unterlagen neue Einblicke in Scheers schriftstellerische Arbeit und in die Entstehung seiner literarischen Welten eröffnen. Zugleich bilden sie eine Quelle für die Geschichte der deutschen Science-Fiction-Literatur und ihrer großen
Lesergemeinschaft.
Karl-Herbert Scheer wurde am 19. Juni 1928 in Harheim geboren. Ende der 1950er Jahre zog er mit seiner Familie nach Friedrichsdorf, wo er bis zu seinem Tod lebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdiente er seinen Lebensunterhalt zunächst als Jazzmusiker in amerikanischen Soldaten- und Offiziersklubs. Gleichzeitig begann er zu schreiben. Sein
Ingenieursstudium gab er schließlich zugunsten seiner schriftstellerischen Tätigkeit auf.
Scheer schrieb auch Krimis
Schon als junger Mann veröffentlichte Scheer mit „Stern A funkt Hilfe“ seinen ersten Zukunftsroman. Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den Gründern der Science-Fiction-Interessengemeinschaft STELLARIS. Mit der 1957 begonnenen Reihe „Zur besonderen Verwendung“, kurz „ZBV“, schuf er zudem eine eigenständige Verbindung aus Zukunftsroman, Geheimdienstgeschichte und technischem Abenteuer.
Den entscheidenden Schritt unternahm Scheer 1961 gemeinsam mit Walter Ernsting, der unter dem Pseudonym Clark Darlton schrieb: Beide entwickelten die Grundlagen der Serie Perry Rhodan. Am 8. September 1961 erschien unter dem Titel „Unternehmen Stardust“ das erste Heft. Was zunächst als überschaubare Reihe angelegt war, entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen literarischen Langzeitprojekt. Bis heute
wird das Perryversum von einem Autorenteam fortgeschrieben; Woche für Woche erscheint ein neuer Roman, laut Wikipedia in einer Auflage von rund 64 000 Exemplaren. Die von einem Autorenteam verfasste Gesamterzählung umfasst inzwischen mehr als 3000 Episoden auf rund 190 000 Seiten. Die Hefte erscheinen bis heute im Pabel-Moewig-Verlag. Sie garantieren den mit Zellaktivatoren ausgestatteten Rhodan-Gefährten Reginald Bull, dem Haluter Icho Tolot und dem mit paranormalen Kräften ausgestatteten Mausbiber Gucky ein nahezu endloses abenteuerliches Leben.

Scheer war weit mehr als einer der beteiligten Autoren. Er entwarf wesentliche technische, politische und militärische Grundlagen des sogenannten „Perryversums“ und gab der Serie damit über viele Jahre
ihre innere Ordnung. Selbst verfasste er 76 Romane der Perry-Rhodan-Hauptserie. Auch an der Konzeption der Schwesterserie ATLAN war er maßgeblich beteiligt.
Seine Erzählungen waren von einem ausgeprägten Vertrauen in Technik und wissenschaftlichen Fortschritt bestimmt. Technische Vorgänge sollten auch für Leser ohne besondere Vorkenntnisse verständlich bleiben. Zugleich spiegeln die Romane mit ihren militärischen Konflikten, Bedrohungsszenarien und machtpolitischen
Ordnungsmodellen Vorstellungen wider, die eng mit der Epoche des Kalten Krieges verbunden sind. Scheers Vorliebe für detailliert beschriebene Waffentechnik brachte ihm unter den Fans zunächst den Spitznamen „Kanonen-Herbert“ und später „Handgranaten-Herbert“ ein.
Scheer wurde nur 63 Jahre alt
Über Perry Rhodan hinaus veröffentlichte Scheer zahlreiche weitere Science-Fiction-Romane, darunter viele unter dem Pseudonym Alexej Turbojew. Unter verschiedenen weiteren Namen schrieb er außerdem Kriminalromane und Seeabenteuergeschichten.
Karl-Herbert Scheer starb am 15. September 1991 im Alter von 63 Jahren. Heute erinnert in Friedrichsdorf die Karl-Herbert-Scheer-Straße an den Schriftsteller. Auch im von ihm mitgeschaffenen Perryversum lebt er weiter: Mit dem Arkoniden „Kaha da Sceer“ setzten
ihm die Autoren der Serie ein literarisches Denkmal. Mit der Übernahme seines Arbeitsplatzes, des Originalmanuskripts und der persönlichen
Unterlagen bewahrt das Stadtarchiv nun einen bedeutenden Teil seines Vermächtnisses an dem Ort, an dem Scheer über drei Jahrzehnte lebte und arbeitete. Der Konstrukteur ferner Zukunftswelten wird damit zugleich als Teil der Friedrichsdorfer Stadtgeschichte neu sichtbar.
