SCHEIDEMANNS GIESSENER SPUREN

Publizist einer Sonntagszeitung

„Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“ Mit diesen Worten ging Philipp Scheidemann in die Geschichtsbücher ein: als ein Politiker, der am 9. November 1918 vor einer revolutionär gestimmten Menschenmenge am Reichstag in Berlin die Republik ausrief. Manchen Geschichtsinteressierten mag hingegen erstaunen, dass sich Scheidemann in jungen Jahren erste Sporen als Publizist in Gießen verdient hatte.

Redakteur eines SPD-Parteiblattes

Der junge Philipp Scheidemann um 1900. (Fotos: Stadt Gießen, 2)

So hat er sich nicht nur zweimal vergeblich im hiesigen Wahlkreis um einen Sitz im Reichstag beworben, sondern war von 1895 bis 1900 auch Redakteur des hier erscheinenden SPD-Parteiblattes „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ (kurz: MSZ),schreibt die Pressestelle der Stadt Gießen  in einer Reportage. Zeugnisse bewahrt seit Kurzem das Gießener Stadtarchiv, und zwar in Form von zwei MSZ-Jahresbänden. Sie wurden ihm von einer Nachfahrin Scheidemanns geschenkt; großen Anteil daran hat der Historiker Prof. Walter Mühlhausen.

Jahre an der Lahn

Niemand kennt die Vita des „sozialdemokratischen Volkstribunen“ besser als Walter Mühlhausen, früherer Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg sowie Experte zur Geschichte der Weimarer Republik. Aktuell bereitet er eine Biografie zu Scheidemann vor, der 1919 Reichsministerpräsident (= Reichskanzler) und danach Oberbürgermeister in Kassel war. Mühlhausens Recherche und Sichtung von Akten im Stadtarchiv Gießen 2025 sollten Licht ins Dunkel der Scheidemann’schen Jahre an der Lahn bringen.

Allerdings hatte der SPD-Redakteur Ende des 19. Jahrhunderts kaum Spuren im amtlichen Schriftgut hinterlassen. So war das Ergebnis des Archivbesuchs ernüchternd. Woran sich der Forscher erinnerte, als er die Gelegenheit hatte, Unterlagen des Nachlasses Scheidemann bei dessen Nachfahrin Marion Pirschel zu durchforsten. So fielen ihm Originalbände der MSZ – nämlich gebundene Ausgaben der Jahrgänge 1898 und 1899 – in die Hände, für deren Verbleib er der Erbin prompt das Gießener Stadtarchiv vorschlug. Frau Pirschel sorgte für die Zusendung dieses Konvoluts. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um Handexemplare Scheidemanns, denn sie enthalten seinen handschriftlichen Namenszug.

Wohl einzig erhaltenes Exemplar
Die MSZ-Bände mit Scheidemann-Namenszug oben, der Ankündigung einer Festrede von Wilhelm Liebknecht im Gießener Stadtwald links und dem Begleitschreiben von Frau Pirschel zur Schenkung an das Stadtarchiv rechts
 

Dank der Vermittlung von Prof. Mühlhausen verfügt das kulturelle Gedächtnis der Stadt jetzt über einen „Splitternachlass“ Scheidemann, der unmittelbar mit seinem Gießener Wirken im letzten Jahrfünft des 19. Jahrhunderts verbunden ist. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass der erworbene MSZ-Jahresband für 1898 wohl das einzige erhaltene Exemplar darstellt. Darauf deutet die Tatsache hin, dass die Universitätsbibliothek Gießen im Online-Portal „Digitale Giessener Sammlungen“ nur die Jahrgänge 1899 bis 1906 verfügbar gemacht hat. Hiermit ist festzuhalten, dass die Bücher aus dem Nachlass des Republik-Ausrufers für Gießen Lücken in der Überlieferung schließen und neue relevante Quellen für die Forschung zur Verfügung stellen.

Bedeutsam für Demokratiegeschichte

Um auf den Anfang zurückzukommen: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!“ Dass der sprachmächtige Ko-Vorsitzende der SPD am 9. November 1918 zu gerade diesen Worten griff, bezweifelt der Historiker Mühlhausen. Denn eine authentische Überlieferung fehle; der allseits zitierte Wortlaut entstamme einer späteren Tonaufnahme. Keinen Zweifel lässt er aber daran, wie wirkmächtig der Berliner Auftritt Scheidemanns für die Demokratiegeschichte war. Die nunmehr archivierten Jahresbände 1898/99 seiner „Sonntagszeitung“ dokumentieren die publizistischen Anfänge in Gießen. Wer einen Blick in diese Neuerwerbung werfen möchte, kann dies nach einer Terminverabredung mit dem Stadtarchiv ebendort tun (E-Mail: stadtarchiv@giessen.de)

Titelfoto: Maifeier 1919 in Berlin. Reichskanzler Philipp Scheidemann spricht vor dem Reichstagsgebäude. Quelle: Wikipedia, Bundesarchiv, Bild 183-R20972 / CC-BY-SA 3.0



 







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