Roman über Bernsteine begeistert
von Jörg-Peter Schmidt
Lisa Quentin hat einen der schönsten Romane dieser Büchersaison geschrieben. Wie der Titel „Die Bernsteinfischerin“ bereits ausdrückt, steht im Mittelpunkt der Erzählung ein uralter Bernstein, in dem eine Wespe sichtbar ist. Sie scheint etwas Besonderes zu sein und verbindet im 20. und 21. Jahrhundert zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen.
Insekten im festen Harz

Den gefestigten Harz mit einer Inkluse (dem Insekt also) als Inhalt hat in den 1940er Jahren in Ostpreußen Ebba, Tochter eines Fischers, als Kind beim Spaziergang am Meer gefunden. Über Jahrzehnte führt der Weg dieses außergewöhnlichen Fundes zu Julika, einer jungen Bernsteinwissenschaftlerin. Sie erkennt am Mikroskop: Diese Wespe im Bernstein könnte eine viele Millionen Jahre alte Lebensart sein, die bisher unerforscht ist. Julika gelingt es dank aufwändiger Recherchen die mittlerweile etwa 90-jährige Edda ausfindig zu machen. Die lebt jetzt in Niendorf an der Ostsee.
Begegnung starker Frauen
Die beiden Frauen begegnen sich und man stellt beim Lesen des Romans fest, dass Edda und Julika Gemeinsamkeiten haben. Beispielsweise Schicksalsschläge, die sie verarbeiten müssen. Beide sind trotz ihrer Sensibilität starke Persönlichkeiten, tragende Säulen ihrer Familien. Beide Frauen tragen Träume in sich, die beispielsweise Edda verwirklicht. Sie ist eine begabte Künstlerin und malt wunderbare Bilder.
Spannende Recherchen der Autorin
Mehr sei an dieser Stelle über die Handlung des im Verlag Rütten & Loening erschienenen Romans nicht verraten. Allerdings ist nicht nur die Geschichte von Edda und Julika interessant. Lisa Quentin erläutert am Ende des Buches, wie sie zum faszinierenden Thema Bernstein recherchiert hat. So hat sie Unterstützung vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt/Main erhalten. Über Monate hat die Schriftstellerin, die nach ihrem Studium von Germanistik und Psychologie Werbetexterin und Online-Redakteurin war, sich über die fossilen Harze informiert. Über 200 Millionen Jahre soll der älteste Bernstein mit einer Inkluse alt sein. Dr. Volker Lohrmann vom Übersee-Museum in Bremen berichtete der Autorin von seiner Entdeckung der Cretolixon alatum (etwa 100 Millionen Jahre alt), woraus im Roman die fiktive Wespe wurde, die Julika unter ihrem Mikroskop sichtet. Und Lisa Quentin hat sich eingehend mit Land und Leuten in Niendorf beschäftigt.
Sicherlich hätte man sich als Leserschaft auch begeistert, wenn Lisa Quentin über Bernstein und Inklusen ein Sachbuch geschrieben hätte. Aber dass sie die Romanform gewählt hat, ist gut so: Dieses Buch liest man sehr gern.
Die „Bernsteinfischerin“ von Lisa Quentin ist im Verlag Rütten & Loening erschienen und kostet 22 Euro. Auch als Hörbuch erhältlich.
Titelbild: Eine im Bernstein eingeschlossene Trauermücke. Astrum (Wikipedia,Mirella Liszka)


