Tausend Fenster
von Bruno Rieb
Statt der Ehefrau kommt eine andere Frau mit dem Fluchthelfer aus Prag. Was ist da passiert? Eine spannende Geschichte über Flucht, Enttäuschung und Hoffnung erzählt der aus dem Iran stammende und in Wehrheim lebende Autor Nassir Djafari in seinem neuen Roman „Tausend Fenster“. Sie spielt vier Jahre nachdem Truppen des Warschauer Paktes 1968 den „Prager Frühling“ in einen eiskalten Winter verwandelt haben.Im fremden Westdeutschland
Es geht um Pavel Horak, den Journalisten, und seine Frau Jana, die Übersetzerin. Beide waren sie mit dem Prager Frühling aufgeblüht und beide haben sie danach unter Repressalien zu leiden, verlieren ihre Jobs und ihre Hoffnungen und entschließen sich zur Flucht. Pavel flieht zuerst. Auf den ersten Seiten des Romans sitzt er zusammengekauert im Fluchtauto, sieht nichts, hört nur, und der Leser bangt mit ihm: „Der Wagen hielt von neuem, der Motor wurde abgestellt. Wieder Stimmen. Der westdeutsche Grenzposten, sagte sich Pavel. Wenn der Rücken bloß nicht so schmerzen würde.“
Die Flucht gelingt. Pavel wartet in Nürnberg auf Jana, die wenige Stunden später kommen soll. Aber sie kommt nicht. Er sieht eine andere Frau aus dem Fluchtwagen steigen, die gleich spurlos verschwindet. Djafari erzählt, wie sich Pavel in dem ihm fremden Westdeutschland zurechtzufinden versucht, sich an die glückliche Zeit mit Jana im „Prager Frühling“ erinnert, und wie er zu erfahren versucht, was mit Jana geschehen ist.
Das alles beschreibt der Autor mit viel Zeitkolorit der frühen 1970er Jahre. Pavel ist in Frankfurt gelandet. An der Mensa der Uni steht „mit roter Farbe und großen Buchstaben geschrieben ‚Amis raus aus Vietnam!‘ “ Er lernt eine junge Frau kennen, eine Iranerin, Azadeh heißt sie. Die will wissen, wie er sich denn nun im Westen fühlt. „Ich fühle mich wie zu Besuch, in Gedanken bin ich noch in Prag. Ich verfolge die Nachrichten, aber sie berühren mich nicht, es ist nicht meine Welt“, antwortet der und fährt fort: „Ich fühle mich abgeschnitten vom Geschehen zu Hause, und wenn ich von anderen Tschechen Neuigkeiten höre, die sauge ich auf.“ Pavel will nun von Azadeh wissen, wie es ihr hier geht. Die erklärt: „Ich muss jedem, den ich kennenlerne,, erklären, wo ich herkomme und wie man meinen Namen buchstabiert.“
Leben zwischen den Welten

Von Elena Ternovaja – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.
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Flucht, Identität und das Leben zwischen zwei Welten sind die großen Themen, mit denen sich Djafari in seinen Werken befasst. 1952 im Iran geboren, kam er mit fünf Jahren mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland. Er hat in Frankfurt Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitete dann in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, unter anderem in Peru und Polen. Romane schreibt er erst, nachdem er mit 63 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. „Tausend Fenster“ ist sein vierter Roman. Bisher sind im Sujet Verlag „Eine Woche, ein Leben“, „Mahtab“ und „Der Großcousin“ erschienen.
In „Tausend Fenster“ setzt Djafari einen raffinierten Perspektivwechsel ein. Nachdem er den ersten Teil aus der Perspektive Pavels erzählt hat, berichtet er im zweiten Teil aus der Sicht Janas, warum sie nicht geflohen ist. Nun ist der Leser mit ihr in Prag und erlebt, wie sie sich durchschlägt. Sie wird beobachtet: „Am Morgen stand der Skoda noch an der gleichen Stelle. Hatten die beiden Männer die ganze Nacht ausgeharrt? Jana ging an dem Auto vorbei, wobei sie so tat, als bemerke sie es nicht. Die Schnüffler konnten nun nach Hause gehen und sich ausschlafen, dachte sie. Würden ihr andere folgen? Sie vermied es, sich umzudrehen. An der Straßenbahnhaltestelle standen trotz der frühen Stunde mehrere Menschen, die wohl so wie sie auf dem Weg zur Arbeit waren. Jeder von ihnen könnte von der Staatssicherheit sein.“ Trotz alledem verliert Jana nicht den Mut.
„Tausend Fenster“ ist ein ungewöhnlicher Roman, der den Leser in Atem hält und ihn neugierig macht auf Djafaris andere Werke.
Nassir Djafari: Tausend Fenster, Taschenbuch, Sujet Verlag 2026, 284 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 9783962021627
Titelbild: Blick auf Prag. Bildquelle: Wikipedia/Julian Nyča – photograph made by me, originally uploaded to de.wikipedia in 12005, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=2206496
BU: Nassir Djafari (Bildquelle: Wikipedia/Elena Ternovaja – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=141554398
