Erbsen

Boom der Hülsenfrüchte endet jäh

Von Michael Schlag

Der Anbau von Erbsen und Bohnen auf Äckern boomte, weil die Stickstoff bindenden Körnerleguminosen von der Europäischen Union als „Ökologische Vorrangflächen“ (ÖVF) anerkannt sind. Damit wird es nun vorbei sein, weil eine neue EU-Verordnung den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln untersagt. Erbsen und Sojabohnen lassen sich im konventionellen Anbau ohne Herbizide aber nur schwer bis zur Ernte bringen.

Pflichten der Greening-Verordnung

Es drischt sich gut. (Fotos: Michael Schlag)

Der Mähdrescher auf den Flächen bei Pohl-Göns in der nördlichen Wetterau fährt ruhig Bahn um Bahn, der Bestand ist trocken, die Erbsen dreschen sich zügig wie reifer Weizen. Es ist Mitte Juli, Ertrag gut, dreschen gut und dennoch: „Das war das letzte Mal,“ sagt etwas bedauernd Landwirt Thorsten Hofmann. Denn was hier gedroschen wurde, waren „Greening-Erbsen“ – die Stickstoff bindenden Körnerleguminosen sind von der Europäischen Union als „Ökologische Vorrangflächen“ (ÖVF) anerkannt, ihr Anbau erfolgt „im Umweltinteresse“ und Hofmann konnte damit seine Verpflichtung der Greening-Verordnung erfüllen. Sie verlangt von Landwirten seit 2015, fünf Prozent ihrer Fläche als ÖVF zu bebauen. Das kann durch die Anlage von Hecken geschehen, durch Zwischenfrüchte, Blühflächen und eben auch durch Leguminosen, die deutsche Bezeichnung: Schmetterlingsblütler oder Hülsenfrüchte. Auf welche Art man die Erbsen anbaute, dafür gab es bislang keine Vorschriften und so kam es in nur drei Jahren zu einem kleinen Boom beim Anbau von Erbsen und Bohnen. Nach Jahren der Stagnation um etwa 80.000 Hektar in Deutschland stieg die Leguminosenfläche im Anbaujahr 2017 auf fast 200.000 ha, so der neueste Erntebericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Niemand bezweifelt die Vorteile dieser Entwicklung: die weitere Fruchtfolge, die biologische Stickstoffbindung aus der Luft, zu der keine andere Pflanzenfamilie in der Lage ist (Leguminosen muss man nie mit Stickstoff düngen), die sehr gute Vorfruchtwirkung für die folgende Kultur, meist Weizen. Offiziell gibt es dafür viel Zuspruch, etwa mit der Eiweißpflanzenstrategie der Bundesregierung, mit dem Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte oder der Eiweißinitiative des Landes Hessen. Dennoch: Schon im kommenden Jahr dürfte es wieder vorbei sein.

Biodiversität maximieren

Zwar bleiben Körnerleguminosen weiterhin im Greening anerkannt als Ökologische Vorrangfläche, allerdings dürfen Landwirte ab dem Anbaujahr 2018 auf ÖVF keine Pflanzenschutzmittel (PSM) mehr einsetzen. Ziel der neuen Vorschrift ist es, „die Biodiversitätswirkung der im Umweltinteresse genutzten Flächen zu maximieren,“ so der Wortlaut der EU-Verordnung Nr. 6390/17. Damit wird eine aussichtsreich begonnene Diversifizierung im Ackerbau jäh ausgebremst, befürchten einhellig Landwirte und Berater. Gerade Erbsen und Sojabohnen ließen sich im konventionellen Anbau ohne eine Gabe von Herbiziden nur schwer bis zur Ernte bringen. „Erstmal verärgert“ war deshalb auch Ernst-Heinrich Brede aus Fritzlar-Lohne, der seit vielen Jahren Erbsen als Proteinfutter für seine Schweine anbaut und weiß, „dass es ganz schwierig wird, ohne Pflanzenschutzmittel Erbsen anzubauen.“ Probleme macht vor allem der Unkrautdruck. Zwar hat Brede ein modernes Striegelgerät angeschafft, auf die mechanische Unkrautbekämpfung allein mag er sich in den Erbsen aber nicht verlassen. Gefürchtet ist vor allem die späte Verunkrautung: Wenn die Blüte vorbei ist, die Schoten sich ausbilden und die Abreife beginnt, dringt verstärkt Licht durch den Bestand bis zum Boden. „Und dann beginnt der Unkrautdruck von Neuem,“ sagt Brede. Man könne die Erbsen auch nicht wie Getreide noch einmal spät striegeln, denn „bei einem Erbsenacker mit 75 Pflanzen pro Quadratmeter gibt spätes Striegeln einen Riesenschaden“. Auf eine rechtzeitige Herbizidbehandlung mag Brede deshalb nicht verzichten, „die anhaltende Wirkung ist einfach besser.“ Dass die Körnerleguminosen vor drei Jahren als Greeningfrüchte anerkannt wurden, fand er „endlich mal eine Entscheidung, wo etwas Vernünftiges bei rauskommt.“ Er konnte seine Greening-Verpflichtung mit dem jährlichen Anbau von 5 ha Erbsen auf wechselnden Flächen stets erfüllen.

„Der Rückgang wird deutlich“
Blüte der Erbse

Ab jetzt wird er für das Greening wohl eher Zwischenfrüchte anbauen, aber was die Leguminosen betrifft, meint er: „Das wirft den Anbau um drei Jahre zurück.“ Noch 2010 wurden weniger als 3.000 Hektar Leguminosen in Hessen angebaut, daran änderte sich auch in den folgenden Jahren wenig, die Anbaufläche ging sogar noch leicht zurück. 2017 dagegen, im dritten Jahr der Greening-Verordnung, hatte sich die Leguminosenfläche in Hessen auf 9.200 Hektar verdreifacht, davon 2.200 ha Erbsen und 4.300 ha Bohnen, zusätzlich in geringerem Maß Lupinen und seit kurzem auch Soja. Dieser Zuwachs war eindeutig ein Zuwachs durch das Greening, fast 60 % waren „als ÖVF ausgewiesene Leguminosenfläche“.

Ohne die Absicherung mit Herbiziden dürfte es vielen konventionellen Landwirten zu unsicher werden, weiterhin Erbsen, Bohnen oder vielleicht auch Soja als Greeningfrüchte anzubauen – aber ohne den Greening-Anreiz sind die Leguminosen als Marktfrüchte meist nicht konkurrenzfähig gegenüber Weizen oder Raps. „Der Rückgang wird deutlich“, befürchtet Dr. Manuela Specht von der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) in Berlin. Sie rechnet bundesweit mit einem Rückgang um bis zu 100.000 Hektar Leguminosen, damit wäre der Zuwachs der vergangenen drei Jahre vollständig dahin und man wäre wieder da, wo man 2014 stand. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Rainer Cloos vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Friedberg: „Hier wird keiner mehr zum Greening Leguminosen anbauen“, sagt Cloos, der Anbau werde wohl zurückfallen auf das Niveau vor dem Greening, was der Pflanzenbauberater bedauert, denn „eine aufgelockerte Fruchtfolge würde uns gut tun.“

Fruchtfolge sanieren

Der Anbau von Leguminosen im Greening ist ausdrücklich Teil der Eiweißpflanzenstrategie des Bundeslandwirtschaftsministeriums und die Verdopplung der Anbaufläche in kurzer Zeit könnte man durchaus als politischen Erfolg verbuchen. Dabei geht es indes weniger um den Ersatz von Soja-Importen, der zusätzliche heimische Anbau kann hier nur einen kleinen Teil ersetzen, sagt Manuela Specht von der UFOP. Für den konventionellen Ackerbau wichtiger ist: Leguminosen sind eine Methode, den zunehmenden Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel zu begegnen. „Viele konventionelle Betriebe nutzen die Leguminosen, um ihre Fruchtfolge zu sanieren,“ sagt LLH-Beraterin Gabriele Käufler vom Landwirtschaftszentrum Eichhof, Bad Hersfeld. Gerade Herbizid-Resistenzen beim Ackerfuchsschwanz machen im getreidereichen Anbau Probleme, die Erweiterung der Fruchtfolge mit einer zusätzlichen Pflanzengruppe wäre sehr willkommen. Manuela Specht räumt zwar ein, es sei zu erwarten gewesen, „dass man mit Pflanzenschutzmitteln nicht ewig auf der Ökologischen Vorrangfläche bleiben würde,“ aber was wirklich stört, ist der kurzfristige und ruckartige Politikwechsel. Wenigstens bis zur nächsten Agrarreform 2020 hätte man die bisherige Regelung einmal durchhalten sollen, „dann hätte man Wertschöpfungsketten etablieren können“ mit sicheren Abnehmern und Lieferanten. Käufer von Erbsen und Bohnen wüssten die Qualitätssicherung heimischer Produktion schließlich sehr zu schätzen, aber nach nur drei Jahren mit vermehrtem Anbau seien Erbsen und Bohnen eben zumeist noch nicht wettbewerbsfähig. Jetzt aber, so schreibt es die UFOP in einer Pressemitteilung, habe man mit dem Pflanzenschutzverbot auf Greening-Flächen „eine historische Chance vertan“, heimischen Leguminosen wieder einen dauerhaften Platz auf den Äckern zu sichern. Dabei war man auf dem Weg dahin. „Der Markt war gerade schön im Aufbau“, bestätigt Reiner Mertens vom Landhandel Diehl in Lich-Eberstadt. Einige Hundert Tonnen Erbsen wurden vergangenes Jahr allein hier angeliefert und es gebe eine rege Nachfrage nach heimischen Erbsen. Mertens findet es deshalb „völlig unverständlich, dass das wieder abgesägt wird.“ Es müsse sich ja erstmal eine verlässliche Angebotsmenge entwickeln, damit die heimischen Leguminosen beim Landhandel und in der Futtermittelwirtschaft einen festen Platz bekommen, erklärt Gabriele Käufler vom LLH. Leguminosen als Greening-Früchte anzuerkennen sei doch „eine elegante Geschichte, Betrieben den Einstieg oder auch Wiedereinstieg in den Leguminosenanbau zu ermöglichen.“ Dass dies mit dem PSM-Verbot voraussichtlich wieder zu Fall kommt, findet sie „sehr bedauerlich, anders kann man es nicht sagen.“

Biodiversität als einziges Kriterium
Erbsen zehn Wochen nach der Saat.

Aber wie kam es zu dem politischen Sinneswandel? Es geht um einen recht großen Anteil aller Greening-Flächen. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 1,4 Mio. ha Ökologische Vorrangflächen gemeldet, davon waren 12 % Leguminosen. Mit gewachsener Leguminosenfläche dürfte der Anteil in diesem Jahr noch höher sein. Doch die ackerbaulichen Vorteile und die Erweiterung der Fruchtfolge waren für die Anerkennung als Greeningfrucht bei der Novelle 2018 nicht mehr entscheidend, sondern jetzt galt die Biodiversität als einziges Kriterium für ÖVF. Für Manfred Klein vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) dir richtige Entscheidung, denn „wenn ich Leguminosen fördern will, muss ich das nicht über ein Instrument tun, das für die biologische Vielfalt gedacht ist.“ Doch geht der Mehrwert der Leguminosen auf Ökologischen Vorrangflächen tatsächlich verloren, wenn darauf chemische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden? „Natürlich nicht“, findet Manuela Specht von der UFOP, aber mit dem PSM-Verbot habe man eben kurzfristigen ökologischen Forderungen nachgegeben; langfristig wäre es wichtiger gewesen, die konventionellen Ackerbausysteme zu erweitern, hier liege schließlich das Potenzial für den Ausbau der Leguminosen.

Doch wird das Pflanzenschutzverbot im Greening tatsächlich so drastische Folgen für den Leguminosenanbau haben? Es gibt den Anbau von Leguminosen ja auch im Ökolandbau; in Bohnen etwa lässt sich Unkraut mit mehrfachem Striegeln gut im Griff behalten, wie der Demeter-Betrieb von Karl-Heinz Kasper in Alsfeld-Liederbach jedes Jahr beweist. Doch „Erbsen in Reinsaat sind nicht so beliebt“, räumt Jan Gröner vom Bioland-Verband in Fulda ein. Man könne zwar striegeln und „bis zu einem gewissen Punkt kommt man durch, aber dann machen sie dicht.“ Lösungen gibt es auch dafür: Erbsen und Soja kann man in weiter Reihe anbauen, damit lässt sich Unkraut auch spät noch hacken. Erbsen werden in Öko-Betrieben auch nicht notwendig in Reinkultur angebaut, sondern im Gemenge mit Getreide. Diese Variante ist mit den neuen Greening-Richtlinien jetzt auch für Leguminosen auf ÖVF zugelassen, sofern der Leguminosenanteil im Gemenge überwiegt. Sollten sich konventionelle Landwirte für das Greening dann nicht einfach die Öko-Methoden abschauen? „Das löst das Problem nicht“, sagt Rainer Cloos vom LLH in Friedberg. „Gemenge macht nur Sinn, wenn man es selbst verfüttern kann“ und beim Anbau in Reinkultur als Marktfrucht müsse man auch bedenken: Man bekomme deswegen noch nicht die Preise des ökologischen Landbaus. Und schließlich: Nur für seine wenigen Greening-Flächen wird ein konventioneller Landwirt kaum extra Geräte zur mechanischen Unkrautbekämpfung anschaffen. Deshalb geht für Cloos kein Weg daran vorbei: „Wenn man die Eiweißinitiative will, muss man auch den Anbau auf konventionellen Betrieben zulassen.“

Ulrich Quendt, Koordinator des Demonstrationsnetzwerks Erbse/Bohne bleibt dagegen optimistisch: „Es ist noch nicht das Ende der Erbse“, sagt der LLH-Berater. Im DemonetErBo sind 75 Betriebe zusammengeschlossen, davon 45 konventionelle und 30 Ökobetriebe. Sie alle bauten Erbsen und Bohnen schon vor dem Greening an und sie würden das auch weiterhin tun, sagt Quendt. Unbeschadet von der Zulassung von PSM im Greening gehe es hier darum, Erfahrungen zu sammeln und „Best Practice“ des Anbaus aufzuzeigen. Die weiß blühenden Flächen rund um Pohl-Göns in der Wetterau wird man in den kommenden Jahren aber voraussichtlich nicht mehr sehen, seine Greening-Verpflichtungen wird Thorsten Hofmann ab jetzt mit Zwischenfrüchten erfüllen.

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