ZIVILCOURAGE

Nicht einfach weggeschaut

Ein ganz besonderer Termin in gebührender Atmosphäre fand jetzt im Saal Florenz des Polizeipräsidiums Mittelhessen statt. Bürgerinnen und Bürger, die erheblich zu Ermittlungserfolgen und Festnahmen beitrugen, wurden durch die Behördenleitung ausgezeichnet.

Respekt ausgesprochen

Polizeipräsident Torsten Krückemeier und Polizeivizepräsident Marco Bärtl sprachen den Geehrten ihren Respekt und ihre Wertschätzung aus, hielten sich jedoch bewusst im Hintergrund, wird in der Reportage des Polizeipräsidiums unterstrichen. Im Fokus sollten nämlich die Menschen stehen, die mit ihrem Handeln zum polizeilichen Erfolg beitrugen und Zivilcourage bewiesen.

In seiner Begrüßung richtete Polizeipräsident Krückemeier seinen Dank direkt an die zu ehrenden Personen: „Zivilcourage ist etwas Großartiges. Sie haben nicht weggeschaut, Sie haben Sie schnell und zielgerichtet gehandelt. Ich freue mich, dass es Menschen wie Sie gibt. Durch Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Handeln konnten nicht nur Straftaten aufgeklärt und verhindert werden, sondern in mindestens einem Fall wurde sogar ein Menschenleben gerettet.“

Schlimmeres bei Zug-Angriff verhindert

Gleich im ersten Fall wurde dies mehr als deutlich: Heinrich Decker aus Herborn, Max Zimmermann aus Gießen, Jan-Philip Demolski aus Kesten und Stefan Schmik aus Wiesbaden verbindet, dass sie am 27. Oktober 2023 in einem Zug von Marburg in Richtung Gießen saßen. Zusammen mit vier weiteren Bürgern, die an der Ehrung nicht persönlich teilhaben konnten, wurden sie Zeuge, wie ein 29-Jähriger ohne Vorwarnung auf einen im Zug sitzenden 15-Jährigen mit einem Messer einstach. Bei seiner Tat trug der Täter zudem eine Halloweenmaske. Täter und Opfer hatten sich nie zuvor gesehen.

Dem Angriff ging ebenso kein Streit voraus. Beherzt und konsequent eilten Heinrich Decker und Max Zimmermann (sowie drei weitere, bei der Ehrung nicht anwesende Zugreisende) dem 15-Jährigen zur Hilfe. Der Gegenwehr des 15-Jährigen und dem Einschreiten der Zeugen ist es zu verdanken, dass der Angriff keine noch schwereren, sehr wahrscheinlich lebensgefährlichen Verletzungen verursachte. Bei der anschließenden Flucht des Messerangreifers aus dem Zug trugen Jan-Philip Demolski und Stefan Schmik maßgeblich zur Festnahme des Mannes bei, da sie ihn im Bereich von Lollar verfolgten und bis zum Eintreffen der Polizei festhalten konnten.

Hinweis brachte Missbrauch zutage

Der zweite Fall stellte eindrucksvoll dar, wie wichtig und richtig ein reines „Bauchgefühl“ sein kann. Ebensolches bewog Emma Hufnagel aus Limeshain und Maika Janat-Vennemann aus Altenstadt, ihren Instinkten zu trauen. Die beiden Frauen joggten am 11. Okober 2023 in einem Wald bei Altenstadt. Ein Paar mit großem Altersunterschied kam ihnen „komisch“ vor. Das Bauchgefühl meldete sich.

Wie recht sie damit haben sollten, zeigte sich im Verlauf: So liefen sie nicht einfach weiter, sondern mehrfach an dem ungleichen Paar vorbei. Schließlich sprachen sie das Mädchen, eine 15-Jährige, an. Da das Ergebnis des Gesprächs sie nicht beruhigte, sondern in ihrer Skepsis bestärkte, informierten sie schließlich die Polizei. Im Rahmen der ersten Ermittlungen vor Ort kam der Verdacht auf, dass der 47-jährige Mann das Mädchen sexuell missbraucht hatte. Die Folgeermittlungen förderten bundesweit über 50 weitere Fälle zutage. Marco Bärtl lobte das Hören auf ein Bauchgefühl entsprechend: „Das haben Sie hervorragend gemacht! Viele Leute wären vermutlich einfach weitergelaufen und die Fälle wären so nicht ans Licht gekommen“.

90-Jährigem entscheidend geholfen

Im nächsten Fall nahm Herr Weidlich stellvertretend für seine verhinderte Schwester, Regina Kees aus Gießen, die Ehrung für die Vereitelung eines beinahe erfolgreichen Schockanrufs entgegen. So fiel Frau Kees am 26. Juli 2023 auf, dass ein Mann aus ihrer Nachbarschaft buchstäblich mit einem Sack voll Geld auf etwas wartete. Sie sprach den 90-Jährigen an und kam schnell zu dem Ergebnis, dass es keinen angeblich tödlichen Unfall eines Verwandten des Seniors gegeben hatte. Sie informierte die Polizei, die Ersparnisse des Herrn waren somit gerettet. Schockanrufer kamen somit nichts ans Ziel.

Nachbarn helfen sich gegenseitig

Wie wichtig und gut eine wachsame Nachbarschaft sein kann, zeigte sich beim Fall, bei dem es um Autoaufbrüche ging. Judie Aviles Quiles, deren Mann (bei der Ehrung nicht anwesend) und Nele Kneissel aus Gießen bemerkten verdächtige Geräusche und seltsame Vorgänge im Bereich der Straße vor ihren Wohnungen in der Gießener Innenstadt. Frau Aviles Quiles staunte, dass ihr Mann, nur kurz vor die Tür gegangen, sie auf dem Handy anrief. Flüsternd berichtete er ihr, dass gerade Autos in der Straße aufgebrochen werden.

Schnell informierte Streifenbeamte konnten dank der guten Beschreibung und durch die zeitnahe Verständigung noch am Tatort zwei Verdächtige festnehmen. Nachdem die Polizei wegfuhr, bemerkte Nele Kneissel jedoch, dass noch immer etwas nicht stimmte. So bemerkte sie zwei weitere Tatverdächtige, die sich vor Eintreffen der Polizei in der dichten Vegetation versteckt hielten und versuchten, ein Auto zu stehlen. Dank wachsamer Nachbarschaft scheiterte auch dieser Versuch, Polizeibeamte nahmen auch die beiden weiteren Männer fest.

Brand konnte verhindert werden

Einen Brand mit potentiell gefährlichem Ausgang verhinderte ein bislang unbekannter Zeuge sowie Tim Zimmermann aus Buseck. Am 15. Juli,  in einem trockenen und dürren Sommer, bemerkte der Unbekannte, dass Heuballen auf einer Wiese bei Pohlheim angezündet wurden. Der Zeuge löschte diese und fuhr weg. Tim Zimmermann bemerkte die Verursacher des Brandes, die zum Tatort zurückkehrten. Er verständigte nicht nur die Polizei, sondern folgte den Beiden, die sich zwischen zeitlich entfernten, über einen Zeitraum von über einer halben Stunde. Dank seiner ständigen Information nahmen Beamte der Gießener Polizei die beiden mutmaßlichen Brandstifter fest.

Trickdiebe wurden ausgetrickst

Trickdiebe hatten nicht mit dem Geschick von Elisabeth Hoffarth-Bach gerechnet, als sie ihren Schockanruf durchführten. Frau Hoffarth-Bach aus Fronhausen ging nicht nur zum Schein auf das Gespräch ein, sondern verabredete auch eine Geldübergabe. Humorvoll und mit viel Schauspieltalent gelang es ihr, die angeblichen Polizeibeamten selbst an der Nase herumzuführen. Da sie über die Masche bestens informiert war, verständigte sie die echte Polizei. Diese nahm den sichtlich überraschten Abholer im Frühsommer 2023 fest, als er auf die Übergabe der Wertgegenstände wartete.

Zwei 13-Jährige verfolgt

Der letzte Fall des Abends ereignete sich in Lollar. Attila Major aus Lollar fuhr abends von der Arbeit nach Hause, als er im Bereich des Freibads zwei junge Mädchen bemerkte, die sich offenbar ängstlich umsahen. Ohne zu zögern drehte Herr Major um und sprach die beiden 13-Jährigen an. Sie gaben an, dass ihnen drei junge Männer gefolgt waren und sie auch unsittlich berührt hatten. In diesem Moment kam Herr Major vorbei und verhinderte durch sein Einschreiten Schlimmeres. Im Zuge der sofort eingeleiteten Fahndung nahmen Polizeibeamte die Verdächtigen fest.

Nachdem die Beteiligten einzeln von Torsten Krückemeier und Marco Bärtl geehrt wurden, bekamen sie noch ein Präsent mit einer Aufmerksamkeit überreicht. Sodann lud der Polizeipräsident zum bereitgestellten Essen ein. Im nun folgenden, informellen Teil der Veranstaltung tauschten Torsten Krückemeier und Marco sich persönlich mit den Geehrten aus und dankte ihnen für die gezeigte Zivilcourage.

Titelbild: Ein besonderer Termin im Polizeipräsidium: Ehrungen für Zivilcourage. Foto: Polizeipräsidium Mittelhessen.

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