Wölfe im Taunus?

„Es ist ist nur eine Frage der Zeit“

Von Klaus Nissen

Im belebten Hochtaunus wird es eher Durchwanderer als Rudel mit Nachwuchs geben, sagt der Biologe und Wolf-Experte Carsten Nowak.  Vor Jägern aus der Region Usingen berichtete  er am 28. April 2017 über die Gewohnheiten der Raubtiere. Für gefährlich hält Nowak sie eher nicht.  Dennoch war ein Unbehagen zu spüren.

Wölfe im Taunus?

Sie haben Gewehre und kennen ihre Reviere genau. Die Jäger sorgen für Ordnung und sehen sich für die Sicherheit in den Hochtaunuswäldern zuständig. Aber was ist, wenn der Wolf kommt? Wie ergeht es dann den Rehen, den Hunden, den Schafen? Geraten Spaziergänger in Gefahr?  Carsten Nowak winkt ab. Die Wölfe wandern aus Polen ein, berichtet der promovierte Biologe aus dem Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen.  „Die Polen wissen: Man kann risikolos mit Wölfen leben.“

Spitze Reißzähne, geöffnete Mäuler: diese Wolfsschädel machen trotzdem niemandem Angst. Die in Deutschland einwandernden Grauwölfe sind kaum größer als ein Schäferhund, sagt der Biologie Carsten Nowak. Foto: Nissen. Titelfoto: Gunnar Ries, Wikipedia

Seit 1998 werden Wölfe im östlichen Nachbarland nicht mehr bejagt. Seitdem wächst die Zahl der bis zu 35 Kilo schweren Raubtiere um etwa 30 Prozent im Jahr, berichtet Carsten Nowak am Freitagabend im Wehrheimer Bürgerhaus. Im Jahr 2000 gab es das erste deutsche Wolfsrudel an der Oder. Vor allem auf halboffenen Truppenübungsplätzen bilden sich neue Rudel, sie expandieren meist in nordwestlicher Richtung nach Niedersachsen. Etwa 60 Familiengruppen mit bis zu 11 Tieren leben inzwischen in Deutschland, schätzt der Biologe. Von vielen kennt er den Stammbaum, weil Nowak und seine Kollegen bundesweit DNA-Proben von Kot, Haaren, Urin der Wölfe machen und auswerten.

Erst seit wenigen Monaten gibt es wohl zwei Wolfsrudel in westdeutschen Mittelgebirgen, berichtet Carsten Nowak: Ein Paar hat bei Grafenwöhr im oberpfälzischen Hügelland Welpen bekommen, ein anderes im Bayrischen Wald. Das sei ein Zeichen, dass sich die Raubtiere bald vielleicht im Spessart oder im westlichen Taunus ansiedeln. Im Hochtaunus eher nicht, glaubt Carsten Nowak. Denn da gebe es zu viele Straßen, zu viele Menschen.

Jäger melden nur selten die Sichtung eines Wolfes, berichtet der Biologe und Wolf-Experte Dr. Carsten Nowak bei seinem Vortrag in Wehrheim. Foto: Nissen

Immerhin wurde 2011 ein Wolf auf dem Gießener Ring angefahren und vier Jahre später im Westerwald erschossen. Bei Brandoberndorf soll  ein Wolf gesichtet worden sein. Ein junger Rüde wurde im April 2015 am Preungesheimer Dreieck überfahren. Das sind einsame Durchwanderer auf der meist vergeblichen Suche nach einem Revier, so Carsten Nowak. Sie legen locker 70 Kilometer am Tag zurück. 2015 wurde ein bei Cuxhaven geborener Wolf bei Bonn gesichtet, später im östlichen Niedersachsen. Ein anderer Wolf aus Ueckermünde schaffte es bis Holland, ein weiterer bis an die Nordspitze Dänemarks. Solche Tiere könnten auch den Hochtaunus durchwandern. „Der Wolf wird kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit“, vermutet der Usinger Jäger-Vorsitzende Klaus Pöhlmann.

Wie gefährlich ist das? Es gibt Berichte, dass niedersächsische Wölfe durch Dörfer wandern. Und Youtube-Videos zeigen Rudel, die drei Meter von einem Traktorfahrer entfernt ihrer Wege ziehen. Wenn Menschen in einem Fahrzeug sitzen, werden sie von den Tieren nicht erkannt, sagt Carsten Nowak. Wölfe weichen normalerweise den Menschen aus. Es sei denn, sie sind „Problemtiere“, die sich neugierig verhalten und von Menschen angefüttert wurden. Die müsse man aus Sicherheitsgrünen „entnehmen“, also abschießen. Bisher sei kein Mensch durch die einwandernden Wölfe zu Schaden gekommen.

Klaus Pöhlmann, Vorsitzender der Jägervereinigung Usingen, akzeptiert das Vordringen der Wölfe in Deutschland. Doch geheuer wäre es ihm nicht, wenn sie auch in den Hochtaunus kämen. Foto: Nissen

Dennoch – unter den rund 80 Zuhörern im Saal des Bürgerhauses ist ein Unbehagen zu spüren. Die Jäger dürfen Wölfe nicht schießen. Einer sagt: „Ich finde, man sollte sie trotzdem unter das Jagdrecht stellen.“ Und Rudel mit der Flinte klein halten. Schon, um die hiesigen Schafherden zu schützen. Das würde nichts bringen, widerspricht der Wolfsbiologe Carsten Nowak. Wenn man ein Rudel dezimiert, könne das die Sozialstruktur der Tiere schädigen und andere Wölfe anlocken. Und niemand müsse Angst haben, dass Wölfe das ganze Land besiedeln und alle Tiere reißen. Deutschland biete für Platz für maximal 500 Rudel. Eine Familie besetze eine Fläche von der Größe Frankfurts. Und ein erwachsener Wolf fresse drei bis  fünf Kilo Fleisch pro Tag, im Schnitt zwei Tiere pro Woche. Kot-Analysen zeigten, dass die Nahrung der Wölfe vor allem aus Rehen, Rotwild und Wildschweinen bestehe, zu weniger als einem Prozent aber aus Haustieren.

Und dennoch: „Wozu ist der Wolf nützlich?“ fragt Klaus Pöhlmann, der Vorsitzende der Usinger Jägervereinigung. Der Biologe Nowak ist konsterniert. Diese Frage stelle sich nicht. Natur sei Natur. Dann müsse man auch fragen, welchen Nutzen der Mensch für die Natur hat. In die bevölkerungsarmen Regionen Deutschlands kehre nun einmal langsam die Wildnis zurück, das sei natürlich und gewollt. Jäger Pöhlmann darauf: Er habe ja nur ironisch gefragt. „Wir müssen und wollen mit der Vielfalt leben.“ Selbst, wenn eines Tages so große und für Autofahrer nicht ungefährliche Tiere wie Elche und Wisente in den Hochtaunus einwandern. Doch gefallen würde das den Jägern nicht.

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