Wilhelm Müller

Der unterschätzte Dichter

Wilhelm Müller
„Am Brunnen vor dem Tore“: Wer kennt nicht dieses wunderschöne Lied, dessen Titel ursprünglich „Der Lindenbaum“ lautet? Die Melodie ist unter anderem durch die Komponisten Franz Schubert und Friedrich Silcher bekannt geworden. Dagegen führt Wilhelm Müller (1794 – 1827) als Textverfasser dieses und weiterer weltweit beachteten Werke im Bekanntheitsgrad eher ein Schattendasein.

Innerlich zerrissen

Die Liederzyklen „Winterreise“ (einschließlich des „Lindenbaumes“)  und „Die schöne Müllerin“ stammen von Müller, den Heinrich Heine schätzte, wie die Publizistin Dr. Maria-Verena Leistner auf Einladung der Goethe-Gesellschaft in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar kürzlich berichtete. Die frühere wissenschaftliche Assistentin am Germanistischen Institut der Universität Leipzig und Gastlektorin an der Universität Skopje (Mazedonien) beschrieb das Leben und Wirken des gebürtigen Dessauers, der nicht nur Autor war,  sondern sich auch politisch engagierte; er nahm 1813 an den Befreiungskriegen teil und setzte sich für den Unabhängigkeitskampf der Griechen ein. Das jeweilige gesellschaftliche Zeitgeschehen beeinflusste die Stimmungen in seinen Gedichten. Dies verdeutlichte die Referentin beispielsweise an den Texten der „Winterreise“, die während der mit Zensurwillkür verbundenen dumpfen Restaurationszeit entstanden (1824 erschien der Text erstmals): Trostloser Winter, Kälte und Erstarrung prägen die Atmosphäre der Verse.

Dr. Maria-Verena Leistner würdigte die schriftstellerische Leistung eines oft unterschätzten 
Schriftstellers. (Foto: Jörg-Peter Schmidt)

Wie ein roter Faden zog sich durch den Vortrag die Beschreibung der innerlichen Zerrissenheit des Autors, dem freilich seine Familie eine seelische Stütze war: 1821 heiratete er seine Adelheid geb. Basedow; das Paar hatte zwei Kinder. Wilhelm Müller, dessen finanzielle Basis neben der Schriftstellerei sein Erwerb als Lehrer für Geschichte, Griechisch und Latein sowie als Bibliothekar in Dessau war, offenbarte einerseits in seinen „Tafelliedern“ durchaus Züge von Deutschtümelei, andererseits machte er als Literaturkritiker mit Werken ausländischer Autoren bekannt, wie Maria-Verena Leistner verdeutlichte. Als eines der Beispiele führte sie Müllers Rezensionen der Schriften von Lord Byron auf.

Poetischer Begleiter des Aufstands der Griechen

Ein besonderer Meilenstein in seinem Leben war allerdings seine eingangs erwähnte Unterstützung des Freiheitskampfes der Griechen gegen die Türken. Obwohl er niemals in ihrem Land war, hatte er offensichtlich ein Gespür für die Seele der Griechen: Er begleitete den Aufstand poetisch und publizistisch und war damit außerordentlich erfolgreich. Und auch hier wird wieder seine Widersprüchlichkeit deutlich: Ausgerechnet der doch sonst so konservativ-patriotisch eingestellte Schriftsteller richtete in seinen Griechen-Liedern auch sarkastische Angriffe gegen die reaktionäre Rolle der antigriechischen Allianz und der Zeitung „Der Österreichische Beobachter“. Von den Zeitgenossen wurde er gefeiert und erhielt den Beinamen „Griechen-Müller“. Aber mit nur 32 Jahren starb ein Autor, der bis heute in der Öffentlichkeit unterschätzt wird, obwohl die Beschreibungen seiner Italienreise unter dem Titel „Rom, Römer und Römerinnen“ noch immer absolut lesenswert sind, so das Resümee in dem Vortrag, für den es langen Applaus gab.

Zum Schluss der Veranstaltung bat Angelika Kunkel, 1. Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Wetzlar, die  Zuhörer um eine Schweigeminute. Sie hatte die traurige Aufgabe, über den Tod des ehemaligen Vorsitzenden der Goethe-Gesellschaft Wetzlar, Dr. Manfred Wenzel, zu informieren. Sie würdigte die Lebensleistung des exzellenten Germanisten,  der aufgrund seiner Veröffentlichungen und Vorträge zum Thema Goethe und seine Zeit hohe Anerkennung gewonnen hatte.

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