Wetterau und Vogelsberg

Kulturführer durch „Hessens wilde Mitte“

Von Corinna Willführ

88 Lieblingsplätze zum Entdecken im Vogelsberg und in der  Wetterau stellt die Journalistin Andrea Reidt in der Kultur-Reihe des Gmeiner-Verlags vor. Jede ihrer Empfehlungen präsentiert das Buch mit einem Foto und einem  ganzseitigen Text.  190 Seiten ist es stark und hält für Einheimische manch‘ Neuentdeckung bereit. Neubürgern wie Touristen bietet es eine kurzweilige Einführung in die beiden Regionen.

Neues in Bekanntem entdecken

Orangefarbene Punkte markieren auf einer zweiseitigen Karte die Orte, die Andrea Reidt, Jahrgang 1956, bei ihren Streifzügen aufgesucht hat. Von der Ronneburg geht es über Büdingen nach Gedern und Herchenhain. Von Lauterbach und Ulrichstein bis nach Breitenbach am Herzberg. Halt macht sie in Homberg (Ohm) ebenso wie am Kloster Arnsburg bei Lich, in Friedberg und Bad Nauheim. „Ankunft“ ist im Süden der Wetterau, in Niddatal, Ilbenstadt und Bad Vilbel. Wer in der Region lebt, mag die Sehenswürdigkeiten wie die Büdinger Altstadt, die Keltenwelt am Glauberg oder die Burg Münzenberg kennen. Und doch: Auch in vermeintlich Altbekanntem entdeckt die Journalistin oft in Kleinigkeiten (liebenswert) Neues.

Andrea Reidt (Foto-Copyright: Charlotte Dyckerhoff)

Das  Beispiel Büdingen: In keinem Stadtführer, keinem Werbeprospekt über die Sehenswürdigkeiten der Stadt fehlen das Schloss, das Heuson-Museum, das Jerusalemer Tor, die Altstadt. Auch nicht im Buch von  Andrea Reidt. An dem – wenn auch nachgebildeten blauen Postbriefkasten aus dem Jahr 1896 –  an der Sandsteinmauer des Büdinger Schlosses seine Ansichtskarten vom Besuch der Stadt in der östlichen Wetterau einwerfen kann, dürften die meisten Besucher bislang achtlos vorbeigegangen sein. Ist ja vielleicht auch gar nicht der Erwähnung wert. Oder eben doch, wenn es darum geht, einen Ort, den viele besuchen, zu einem  individuellen Lieblingsplatz zu machen.

Und was lässt sich in Ortenberg entdecken? Einer der ältesten Turmdachstühle Deutschlands in der Evangelischen Kirche. Der  Marienkräutergarten neben dem Gotteshaus. Den  Ortenberger Altar mit der Heiligen Sippe in einer Nachbildung des Originals, das im Landesmuseum Darmstadt zu bewundern ist. Und  eben die Pechnase am Eckturm  des Schlosses. Denn was wie ein kleiner Balkon aussieht, diente einst der Abwehr von Feinden.

In Lauterbach hat Andrea Reidt gleich elf Lieblingsplätze: die Dorfschule von Heblos, wo einst ihr Urgroßvater in einem einzigen Raum 50 Kinder aus acht Klassen unterrichtete, den Antikmarkt im Schlosspark Sickendorf und die Heidbergkapelle, ebenfalls in Sickendorf. Jeweils am zweiten Sonntag im Monat kann während des Gottesdienstes die „luxuriöse Innengestaltung“ der Kirche bestaunt werden.“Glanz und Gloria im Rokokopalais“ bietet das Hohhaus-Museum in der Vogelsbergstadt, ein „Rätseln um tonnenschweren Schätzbullen“ die jährliche Tierleistungsschau am Mittwoch vor Fronleichnam auf dem Festplatz Bleiche.

Spezialitäten der Regionen

Ob Naturfreund, Kulturfan oder Sportbegeisterter: Der Band spricht Menschen mit unterschiedlichsten Interessen an und macht neugierig, die beiden Regionen (neu) zu entdecken: zu Fuß, mit dem Rad oder auch zu Pferde. Auch kulinarische Empfehlungen fehlen nicht: In der Gaststätte Roth und Jost in Sickendorf gibt es „Kartoffeln satt beim ‚Beulches‘-Essen“, in den Bauernbrotbäckereien in Angersbach kommt „Sauerteigbrot frisch auf den Tisch“.  Auch wenn sich nach der Lektüre der „Lieblingsplätze zum Entdecken“ in Vogelsberg und Wetterau nicht erschließt, warum es sich bei diesen um „Hessens wilde Mitte“ handeln soll: Bilder wie Texte bieten einen vergnüglichen und unterhaltsamen Einblick in Geschichte und Gegenwart der beiden Landschaften. Und aus den 88 Tipps lassen sich eine eigene „Top-Ten“ erstellen – für die Erkundung mit der Familie oder den nächsten Ausflug mit den Freunden aus der Stadt. Auf meiner Liste ganz weit oben: „Feldatal – der Judenpfad ab Kestrich“,  der Totenköppel mit Sippenfriedhof in Meiches und Europas größter Basaltsteinbruch in Homberg.

Andrea Reidt: Lieblingsplätze zum Entdecken – Vogelsberg und Wetterau, Gmeiner-Kultur, 190 Seiten, 16 Euro

 

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