Waldbaden

Einswerden mit der Natur

Von Elfriede Maresch

In Bad Nauheim am Johannisberg, in Laubach im Buchwald Richtung Freienseen nimmt Trainerin Kornelia Stöhr zum Shinrin Yoku (Waldbaden) mit. Diese Art der Naturbegegnung kommt aus dem Land der aufgehenden Sonne. Shinrin Yoku ist die japanische Umschreibung für „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“. Hieraus hat sich im deutschsprachigen Raum mittlerweile der Begriff Waldbaden etabliert.

Vor dem Start gibt sie für Neulinge eine kurze Einführung, setzt dann aber auf das Prinzip „Eintauchen und Einswerden mit der Natur“. So etwa mit der „Waldgarderobe“ als erste Übung: „Suchen Sie sich einen Baum aus, berühren Sie ihn, hängen Sie allen mitgebrachten Stress daran auf“. Eine symbolische Handlung, die die Trainerin so begründet: „Die Aufmerksamkeit soll von außen auf den eigenen Körper gelenkt, alle Gedanken abgelegt werden – es gilt, ganz im Hier und Jetzt anzukommen.“

Gegengewicht zum Arbeitsalltag

Im hochindustrialisierten Japan wird schon seit den 1980-er Jahren Shinrin Yoku (Waldbaden) als gesunde und wohltuende Lebensform praktiziert, als Gegengewicht zum streng durchgetakteten Arbeitsalltag mit oft einseitigen Tätigkeiten vor dem Bildschirm oder an der Supermarktkasse. Shinrin Yoku wurde in Japan in das staatliche Gesundheitssystem übernommen und wird per Rezept bei entsprechenden Symptomen verordnet. Das Waldbaden hat inzwischen auch den Weg in viele westliche Länder gefunden. Meditative Elemente aus Fernost spielen dabei ebenso eine Rolle wie das Nutzen der eigenen Fantasie.

Atem und Bewegung in Einklang bringen: Kursleiterin Kornelia Stöhr machts vor. (Fotos: Elfriede Maresch)

Kornelia Stöhr, zertifizierte „Kursleiterin Waldbaden – Achtsamkeit im Wald“ und Entspannungstrainerin, betont den Wert der Langsamkeit. „Beim Waldbaden geht es um das Sich-Öffnen für die belebte Stille der Natur, um das Verlangsamen des eigenen Tempos, das Wahrnehmen mit allen Sinnen, das Ankommen bei sich selbst“ meint sie und lädt zur „Kunst des Schlenderns“ ein. Gar nicht so leicht für die Teilnehmenden, den zielbewussten Alltagsgang herunterzufahren, den Gedanken an das Vielerlei, das noch zu erledigen ist, beiseite zu schieben.

Die Gruppen merken rasch, wie sich Waldbaden von anderen Bewegungsformen in der Natur – dem Spaziergang, dem Joggen, der täglichen Runde mit dem Hund, der Wanderung mit Freunden – unterscheidet. Das sind allesamt schöne Hobbys, die aber den Wald in den Hintergrund treten lassen. Hier kann die Gruppe den Lebensraum Wald mit allen Sinnen nachvollziehen: die kühle, feuchte Luft, die die Atemzüge langsamer, tiefer, bewusster werden lässt, das Achten auf Gerüche und Geräusche des Waldes. Das Fühlen der rauen oder glatten Baumrinde ist ein Impuls für den Tastsinn, das Blätterrascheln und Ästeknacken unter den Füßen oder die Windgeräusche zwischen den Bäumen sind Anregungen für das Gehör. Die von Bäumen und Pflanzen abgegebenen Botenstoffe (Terpene), vor allem ätherische Öle, wirken wie eine Aromadusche, die das Immunsystem stärkt. Die Langsamkeit beeinflusst das vegetative Nervensystem, senkt Blutdruck, Herzschlag, Blutzuckerspiegel. Der Blick auf grüne Pflanzen tut den Augen gut.

Kornelia Stöhr hat ihr Leben radikal geändert

„Der Multitasking-Film im Kopf rutscht weit weg“ hört Stöhr oft von den Teilnehmenden – ein Zeichen wachsender Entspannung. Das Entwickeln von Achtsamkeit ist ein Kernziel des Waldbadens. Dazu lädt die Trainerin immer wieder ein: beim Rascheln im welken Laub, beim Blick auf den Waldboden, bei der Einladung zum Sammeln von Blättern, Schneckenhäusern, Ästen, Kieseln: „Nehmt das, was euch ins Auge springt!“ Aus dem Gesammelten entsteht auf dem Waldboden dann ein Mandala.

Ein Mandala entstand aus Blättern

Stöhr hat inzwischen die Gruppe zum „wäldlerischen Du“ eingeladen und ihren eigenen Weg zum Waldbaden erzählt: „Ich war lange im Marketing einer international vernetzten Firma tätig, hatte einen interessanten Job, aber mit allem branchenüblichen Stress verbunden. Dann bekam ich einen hartnäckigen Reizhusten, den ich nicht los wurde. Der Arzt diagnostizierte ein beginnendes Asthma, das er mit Cortison-Spray behandeln wollte. Eine Bekannte schlug mir Waldbaden als Alternative vor. Ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe – nach acht Wochen war mein Reizhusten weg. Ich habe mich dann zu einer radikalen Lebensänderung entschlossen.“ Sie machte neben der Waldbaden-Qualifikation die Ausbildung zur Entspannungspädagogin, zur Kursleiterin für Progressive Muskelentspannung und Autogenem Training und zum Naturcoach.

Achtsamkeitsübungen

Jetzt ist die Zeit für eine Vorstellungsrunde im Kreis: verschiedene Generationen sind dabei, wünschen sich Gesundheitsförderung, Entspannung, „mehr Zeit, um zu mir selbst zu kommen“. Grundsätzlich ist das Waldbaden ein Angebot vom Grundschulalter bis in die Seniorenzeit. Die Kursleiterin bietet auch individuell zugeschnittene Waldbaden-Angebote für Paare, Freundesgruppen, Familien, Kinder- und Jugendgruppen und Firmen. In einer geschützten Senke des Weges lädt Stöhr zu Körperübungen ein, Dehn- und einfache Bewegungsübungen zum Teil aus dem Qi Gong wechseln mit einer Meridian- Klopfmassage zum Aktivieren der Energiebahnen. Die Gruppe folgt einem kleinen Seitenweg, hält immer wieder inne zu verschiedenen Achtsamkeitsübungen. Es gibt meditative Anregungen zum Thema „Winter – Schlaf der Natur – Neubeginn“. Kleine Einzelgespräche entwickeln sich daraus. In einer Fantasiereise gehen Kursleiterin und Gruppe mit den Zugvögeln in ein warmes Land – und kommen wieder zurück, wenn es Frühling wird.

Mit offenen Sinnen durch den Wald: so wurde der Schlupfwinkel eine Buchengallmücke in einem Blatt entdeckt

Der Wald ist unentbehrliches Element beim Shinrin Yoku. Zwar wird bei Teilstrecken vom Weg abgewichen, werden in bescheidenem Maß Blätter, Steine, Äste eingesetzt, aber nur das, was ohnehin schon auf dem Boden liegt. Kornelia Stöhr: „Wir betreten aber weder gesperrte Zonen noch Schonungen oder Ruhezonen des Wildes und hinterlassen nur unsere Fußspuren. Wichtig ist uns: Wir gehen respektvoll mit dem Ökosystem Wald um“.

Waldbaden funktioniert auch im Winter, bei Nässe, tiefhängenden Wolken, rauem Wind. Stöhr: „Im Winterwald gibt es viel zu entdecken: Nebel und wechselndes Licht, Silhouetten der entlaubten Kronen gegen den Himmel, Tierspuren – ein wunderbares Kontrastprogramm gegen den Rückzug auf die Couch und das Wintertief.“

Interessierte in der Region Laubach können über das Kultur- und Tourismusbüro der Stadt Laubach Kontaktaufnehmen per Mail an d.franz@laubach-online.de oder telefonisch 06405 – 921 321. In Bad Nauheim kommt der Kontakt über die Geschäftsstelle des Kneipp-Vereins Bad Nauheim-Friedberg-Bad Salzhausen mit der Telefonnummer 06032/9370565 zustande. Demnächst soll das Waldbaden auch in Bad Salzhausen im Oberen Kurpark und dem angrenzenden Wald angeboten werden. Näheres ist bei der Kur- und Touristik-Info 06043/96330 zu erfahren.

Titelbild: „Waldgarderobe“: der mitgebrachte Alltagsstress wird an einem Baum „aufgehängt“ und hinter sich gelassen

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