Ukraine-Krise

Schlafwandeln mit Putin

Von Dietrich Jörn Weder

Wie „Schlafwandler“ sah der australische Historiker Christopher Clark in seinem so betitelten Buch die Europäer in den ersten Weltkrieg ziehen. Und wenn die damaligen europäischen Mächte auch böse Absichten gegeneinander hegten, hätten sie doch die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ mit Blick auf die möglichen Folgen verhindern können. Ein Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine wäre heute höchstwahrscheinlich wiederum mit einer Kettenreaktion schlimmster Folgen für Europa verbunden.

Doch die Ukraine und die ihr wohlwollenden westlichen Länder machen bisher nicht den Eindruck, als würden sie die weitreichende Sprengkraft einer solchen Invasion für das europäische Staatengefüge sehen und alles daransetzen, eine Entspannung herbeizuführen. Im Gegenteil: Nato-Staaten liefern Kiew Waffen, die im Ernstfall die übermächtigen Russen nicht aufhalten werden und nur die Blutspur der Invasion verlängern.

Nato-Aufnahmeantrag zurückziehen!

Die Ukraine hat ihre Aufnahme in das Nato-Bündnis beantragt und dieser Antrag ist für Putin zum Stein des Anstoßes geworden. Die USA als tonangebende Macht des Bündnisses werden aber einen Teufel tun und ihren Schild über die Ukraine in ihren heutigen Grenzen halten. Darin würde der Kreml vermutlich eine hautnahe Bedrohung sehen und sie eben so wenig hinnehmen wollen, wie die Amerikaner seinerzeit die Stationierung russischer Raketen auf Kuba.

Wenn Kiew keinerlei Aussicht hat, zu einem Nato-Mitglied zu werden, warum zieht es dann nicht seinen Antrag zurück? Die Ukraine muss sich, ob sie will oder nicht, auf irgendeine Weise mit Russland arrangieren. Erklärt sie sich zum neutralen Staat, mag sie am Ende sogar einen Platz in der Europäischen Union finden, ohne dass der Kreml dies zum Anlass einer Intervention nimmt.

Zündschnur austreten!

Doch jetzt geht es nur darum, die glühende Zündschnur auszutreten. Mit Sanktionsdrohungen bringt man einen zur großen Tat entschlossenen Putin nicht zur Räson. Moskau hat nicht hunderttausend Mann aufmarschieren lassen, um, von solchen Drohungen eingeschüchtert, kleinbeizugeben. Man muss das russische Verlangen nach Sicherheitsgarantien ernstnehmen und über eine militärische Entzerrung entlang der Grenzen zu Russland verhandeln.

Sicherheitsbedürfnisse aber haben beide Seiten, auch wir. Die von Russland unter Bruch des INF-Vertrages im ehemaligen Ostpreußen aufgestellten Mittelstreckenraketen gehören dann gewiss auch zur Verhandlungsmasse. Schon die Nato-Russland-Grundakte begrenzt die Stationierung von Truppen nahe der russischen Grenze, also insbesondere in den baltischen Staaten, aber nun möchte der Kreml Nato-Soldaten ganz aus diesen Ländern verbannen.

Dem russischen Bären sollte man tatsächlich nicht allzu nah auf den Pelz rücken, aber man möchte diesem auch nicht mit bloßen Händen begegnen. Darüber, dass man sich militärisch nicht zu nahekommt, darüber kann und muss man reden. Wenn beide Seiten keine Konfrontation wollen, dann können sie dies auch einander versichern. Die Situation verlangt es, nach Wegen zu suchen, auf denen man zueinanderkommt. Vielleicht gibt es sie nicht. Doch zielloses Umhertappen, also Schlafwandeln, ist, wie ich meine, die gefahrenträchtigste aller Herangehenswege.

Dr. rer. pol. Dietrich Jörn Weder war Jahrzehnte lang leitender Umweltredakteur und Fernsehkommentator des Hessischen Rundfunks. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Autor für Print- und Audiomedien. Er betreibt den Blog Wachposten Frankfurt, auf dem er Kommentare zu aktuellen Themen veröffentlicht. wachposten

Titelbild: Panzer Т-64БВ in der Ukraine. (Bildquelle: Wikipedia/ Сергій Попсуєвич – Eigenes Werk, GFDL, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=38411467)

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