SPD Bad Vilbel


Freie Wähler hören auf – Miosga nicht

Von Klaus Nissen

Still und weitgehend unbemerkt verlief der Abschied von der Politik. “Wir haben uns vor Monaten als Freie Wähler Bad Vilbel aufgelöst”, sagt Fritz Worster. Der frühere Vize-Ortsverbandsvorsitzende ist 80 Jahre alt. “Wir gewinnen keine jungen Leute mehr”. Der einzige FW-Stadtverordnete Martin Miosga will in der Politik bleiben. Er fand eine neue Fraktion.

Personalrochaden bei der SPD Bad Vilbel

Bei der Kommunalwahl 2011 gelang den Freien Wählern erstmals der Einzug ins Stadtparlament von Bad Vilbel. Sie bekamen damals 4,4 Prozent der Stimmen und zwei Stadtverordnete. 2016 gab es mit 7,7 Prozent und drei Stadtverordneten die beste Zeit – dann ging es bergab. Fraktionschef Raimo Biere verließ die Gruppe, wechselte zur AfD. Inzwischen ist er verstorben.

Martin Miosga hat sich in seinen ersten fünf Jahren als Freie Wähler-Stadtverordneter den Respekt anderer Kommunalpolitiker erarbeitet. Er macht auch nach dem Ende seiner Wählergruppe weiter. Foto: Privat

Im Jahr 2021 erhielten die Freien Wähler noch 2,9 Prozent der Wählerstimmen. Das reichte gerade für einen der 45 Stadtverordneten. Martin Miosga aus Massenheim nahm die Herausforderung an. Der damals 60-jährige Abwasser-Fachtechniker erarbeitete sich den Respekt der anderen Kommunalpolitiker. Er beteiligt sich an den Debatten, ohne zu polarisieren. Ende 2022 billigte das Stadtparlament einstimmig Miosgas Antrag, den Bürgern das Einsetzen essbarer Pflanzen auf städtischen Grünflächen zu erlauben. Im selben Jahr postulierte er: “Wir alle wollen, dass unsere Innenstädte in Zukunft bunt bleiben und vor allem, dass unsere Lieblingsläden auch weiter existieren. Jeder Euro, den wir im lokalen Einzelhandel ausgeben, landet indirekt – beispielsweise durch Steuern und Mieteinnahmen – wieder in unserer Stadt.”

„Die echten Vilbeler wählen CDU“

Die Freien Wähler konnte die Arbeit ihres einzigen Abgeordneten nicht vor dem Ende retten. Man sei nur eine Handvoll Aktiver gewesen, so der Ex-Vizevorsitzende Fritz Worster auf Anfrage. Und die müssten nun dem Alter Tribut zollen. “Man muss nicht an irgendwelchen Dingen kleben”. Zur Kommunalwahl am 15. März 2026 wird es in Bad Vilbel keine Freie Wähler-Kandidatenliste geben.

Das ist kein endgültiges Aus, betont der Kreisverbandsvorsitzende Markus Theis aus Bad Nauheim. “Es ist nur der Vorstand zurückgetreten. In Bad Vilbel gibt es weiter freie Wähler!” Im Kreistag haben FWG/UWG acht Leute – zur Kommunalwahl stehen dort 53 Namen auf der Kandidatenliste. In Florstadt kandidieren die Freien Wähler zum ersten Mal, so Theis. In 18 der 25 Kreis-Kommunen existieren Ortsverbände.

Doch Bad Vilbel sei nun mal “ein besonderes Pflaster”. Denn “die echten Vilbeler wählen CDU”, versucht Martin Miosga das Phänomen zu erklären. Und die Aussagen eines bekannten Freien Wählers aus dem Niederbayrischen machten es einem nicht leichter, die Sympathie des städtischen Wählermilieus in Vilbel zu erringen. Hubert Aiwanger hätte hier schlechte Karten.

SPD gibt dem Routinier Listenplatz 9

Martin Miosga ist ein ganz anderer Typ. Fröhlich, zugewandt, seit mehr als 40 Jahren aktiv bei der Massenheimer Feuerwehr. Er habe weiter Lust, Kommunalpolitik zu machen, sagt Miosga. Und suchte deshalb nach einer neuen politischen Heimat.

Die fand er bei der SPD. “Da sind viele sympathische Leute drin”, meint Miosga. Die Sozialdemokraten nahmen ihn nun in ihre Fraktion auf. Und gaben ihm den Listenplatz neun für die nächste fünfjährige Wahlperiode. Er fühlt sich mit seinen 65 Jahren noch fit, sagt Miosga. Und wenn er in einem Jahr pensioniert wird, könne er weiter an einer sinnvollen Sache arbeiten – “Bad Vilbel voranzubringen”. Das Katalogisieren seiner riesigen Schallplattensammlung habe noch Zeit.

Der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Christian Kühl sieht den Eintritt des erfahrenden Kommunalpolitikers Miosga als Vorteil für die SPD und die Stadt. “Der Martin überlegt noch, ob er in die Partei eintritt”, so Kühl. Wenn er es nicht tut, werde man das auch akzeptieren.

Bad Vilbel ist seit langem nicht mehr SPD-Hochburg

In der Fraktion bleiben kann der Neue nur, wenn die SPD in Bad Vilbel am 14. März nicht weiter absackt. Sie hat acht Sitze im Parlament, die Grünen dagegen 13 und die CDU 18. Nach dem Weltkrieg war Vilbel noch eine SPD-Hochburg mit bis zu 59,7 Prozent der Wählerstimmen (anno 1946). Seit 1989 liegt ihr Stimmenanteil unter 30 Prozent – zuletzt waren es 16,8.

Gibt es 2026 eine Neuauflage der schwarz-roten Koalition in Bad Vilbel? Darüber habe man noch nicht gesprochen, antwortet Christian Kühl. “Aber beide Parteien glauben, dass die Koalition gut läuft”. Und für die SPD sei es wichtig, dass die Spitzenkandidatin Ricarda Müller-Grimm hauptamtliche Stadträtin bleibt. Kühl selber steht auch auf der Liste, will aber aufs Mandat verzichten, wenn er gewählt wird. Denn er arbeitet schon als Leiter der Stabsstelle Klima und Umwelt hauptamtlich für die Stadt.

Die Sozialdemokratin Ricarda Müller-Grimm ist hautamtliche Stadträtin und Sozialdezernentin in Bad Vilbel. Foto: Nissen

Vorn auf der SPD-Kandidatenliste steht Ricarda Müller-Grimm – die wahrscheinlich ihr Mandat nicht antreten wird, weil sie bereits als hauptamtliche Stadträtin im Magistrat sitzt. Es folgen die bisherigen Stadtverordneten Carsten Hauer, die Fraktionsvorsitzende Mirjam Fuhrmann, Janis Ahäuser, Lucia André, Bernd Hielscher und Udo Landgrebe, der bislang ehrenamtlich im Magistrat wirkt. Einen Platz vor Martin Miosga macht sich der 32-jährige Minas Mandt Hoffnung auf einen Parlamentssitz. Der langjährige APD-Aktive und Stadtverordnete Walter Lochmann kandidiert nicht erneut. Der seit Jahrzehnten in Bad Vilbel aktive Stadtverordnete Klaus Arabin steht auf dem schlechten Listenplatz 13. Er kann allerdings ins Stadtparlament “kumuliert” werden, wenn ihn genügend Menschen wählen.

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