Schulacker Wehrheim

Ein Feld, auf dem alle lernen können

Von Corinna Willführ lb-kartoffel-1

Es könnte ein Feld wie viele der landwirtschaftlichen Flächen um die Taunusgemeinde Wehrheim sein. Doch das 6000 Quadratmeter große Areal „Am Bügel“ der Familie Etzel ist seit 15 Jahren ein Lern- und Begegnungsort. Ein Lernort für die Kinder der Limes-Grundschule der Gemeinde. Zudem eine Begegnungsstätte für alle, die sich im oder für den „Verein für Umwelt und Sozialerziehung“ stark machen. Ihr Engagement wurde in diesem Jahr mit einem Anerkennungspreis der Stiftung Citoyenne gewürdigt.

Kindern die Natur näher bringen

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Die Familie von Bio-Bauer Paul-Erich Etzel stellt seit 15 Jahren ein 6000 Quadratmeter großes Feld für das Schulprojekt zur Verfügung. (Fotos: Willführ)

Es ist Erntezeit für „Goldmarie“ und „Prinzess“. Erwartungsvoll stehen die Jungen und Mädchen der dritten Klassen der Limes-Grundschule am Rand des Schulackers „Am Bügel“ in Wehrheim. Doch sie müssen sich – anders als die vorigen Jahrgänge – gedulden, bis sie die Kartoffeln aufklauben können, die sie im Frühjahr gesetzt und im Sommer von Kartoffelkäfern befreit haben.
„Der Boden ist so trocken, dass er von den Kindern nicht bearbeitet werden kann“, sagt Michaela Fischer. So steigt die Zweite Vorsitzende des „Vereins für Umwelt und Sozialerziehung“ denn auch auf den Traktor, der mit einer Kartoffelrode Furchen gräbt, in denen die Erdäpfel zu Tage kommen. Am Lenkrad sitzt Paul-Erich Etzel. Etzel ist Bio-Bauer aus Überzeugung und stellt seit 15 Jahren das Privatgelände einer öffentlichen Nutzung zur Verfügung. Einer ganz besonderen: „Kindern in unserer ländlichen Gemeinde die Natur näher zu bringen“, ist sein Anliegen. Von dieser Idee konnten der Landwirt und seine Frau Brunhilde in den vergangenen Jahren viele überzeugen. So unterstützen die Umweltorganisationen BUND, der NABU, die Gemeinde und die Stiftung Volksbank Usinger Land das Vorhaben „Schulacker Wehrheim“. Vereinsvorsitzende ist Beate Illbruck, Tochter der Etzels. Sie führt in der Taunusgemeinde auch Etzels Bio-Hofladen. Für ihr Engagement erhielten sie in diesem Jahr einen Anerkennungspreis der Stiftung „Citoyen“, die unter dem Motto „Bist Du noch zu retten“ nach „Helden des Alltags“ suchte.

Konkurrenten um die Kartoffel

Peter Gwiasda ist ein Mann, der ein ehrliches Wort schätzt. Auch bei Kindern. „Also eure Ernte“, sagt der Mitinitiator des Wehrheimer Schulackers, „wird in diesem Jahr nicht so gut ausfallen.“ Zu wenig Regen, zu viele Kartoffelkäfer und ziemlich viel Wild hätten die Schüler als Konkurrenten gehabt. Denn obgleich der Schulacker gegen hungrige Wildschweine von den Förstern gesichert wurde, habe doch das ein oder andere Großwild aus dem heimischen Wald die Barriere überwinden können, sagt Gwiasda. „Das sehe ich doch“, sagt eine achtjährige Schülerin. „Da sind große Spuren im Boden und außerdem Kot. Der sieht so aus wie von einem Hirschen.“

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„Ihr habt hier Nahrungskonkurrenten“, klärt Peter Gwiasda die Grundschüler auf. Denn Kartoffelkäfer und Wild sorgen neben dem Wassermangel in diesem Jahr für eine geringere Kartoffelernte.

Alle Erläuterungen und Erklärungen rund um die Kartoffel: Wie wichtig sie im Unterricht auch immer waren, für die Jungen und Mädchen geht es auf dem Schulacker zur Kartoffelernte nur um eins: Die Produkte, die sie gesetzt, gehegt und gepflegt haben, auch einzusammeln. Am besten möglichst viele. Kann man aus diesen doch jeden Tag ein anderes Gericht zubereiten, wie sie in einem Lied nach der Melodie der „Schwäbischen Eisenbahn“ singen. Donnerstags für „Klöße von fabelhafter Größe“ oder freitags, „das ist kein Witz, gibt’s Kartoffeln als Pommes Frites.“
Neben Kartoffeln, Sitzplätze für Greifvögel und Kunstobjekte
„Die Kinder finden das Projekt großartig“, sagt Petra Banhardt, Klassenlehrerin der 3a der Limesschule. Sie meint damit nicht nur die Kartoffelernte und das Ausbringen von Gerste und Hafer der ersten Klassen im Frühjahr, sondern auch die Aktion der Vorsitzenden des Vereins, Beate Illbruck zum Naturschutzerlebnistag im Mai. Alle Klassen waren im Vorfeld aufgefordert worden, auf dem Gelände des Schulackers eine künstlerisch gestaltete Stele zu entwerfen. 17 sind es geworden. Für René Fleischer, Vater und Schatzmeister des Vereins, sind sie Symbole „für eine große Idee, die sowohl für Kinder wie Erwachsene nachhaltig für die Verbundenheit mit der Natur steht.“ Denn diese in einer immer mehr technisierten Welt zu erhalten, hat sich der Verein für Umwelt und Sozialerziehung zur Aufgabe gemacht. Als „Lernort der Zukunft in Hessen“.

So ist auf dem Schulacker mittlerweile ein eigenes Biotop entstanden. Geschaffen von Menschen, bietet es „Aussichtplätze“ für Greifvögel, ein „Insektenhotel“ für Bienen und Nistgelegenheiten für viele Vogelarten. Zudem sagt Peter Gwiasda „gibt es in den Hecken jetzt wieder Wildobstsorten wie die Elsbeere oder den Speierling.“ Auch wenn man Letzteren beim Erntefest „15 Jahre Schulacker Wehrheim“ nicht – als Zusatz zu einem einheimischen Apfelwein verkosten kann -: Ein Besuch lohnt sich, um „Goldmarie“ und „Princess“ zu probieren – mit einer Portion Quark. Von 13 bis 15 Uhr am Sonntag, 25. September 2016. Wie man die Kartoffel sonst noch zu einem leckeren Gericht an jedem Tag der Woche verarbeiten kann? Das werden die Kinder zum Jubiläum sicher allen Besuchern gesanglich verraten.

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