Rewe-Zentrallager

Bund will weiteren Baustopp erzwingen

Von Detlef Sundermann

Die Naturschutzorganisation Bund will sich nach der jüngsten behördlichen Entscheidung des Wetteraukreises zum Bau des umstrittenen Rewe-Logistzentrum nicht geschlagen geben. Ende Mai hatte die Rewe Mitte mit Sitz in Rosbach die „vollumfängliche Baugenehmigung sowie die Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz“ erhalten. Damit ist der seit zwei Jahren währende Baustopp aufgehoben, den der Bund per Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Gießen erwirkte.

Der Bund ist unter Mithilfe des Aktionsbündnisses Bürger für Boden Wetterau wegen Boden- und Naturschutzbedenken vor Gericht gegangen. Der Wetteraukreis hatte 2020 die Genehmigung vermutlich lediglich auf Grundlage des von der Gemeinde beschlossenen Bebauungsplans erteilt. In dem Normenkontrollantrag rügte der Hessische Verwaltungsgerichtshof die „mangelnde Umweltverträglichkeitsprüfung“, bei der weder ein nahes Vogelschutzgebiet noch die Feldhamsterpopulationen berücksichtigt worden seien. Rewe musste darauf hin alle bauvorbereitende Erdarbeiten stoppen, darunter das Abtragen der dicken Mutterbodenschicht. Ein neues Genehmigungsverfahren wurde angestoßen.

Akteneinsicht zur Baugenehmigng

„Wir werden nun Akteneinsicht zur Baugenehmigung fordern“, sagt Werner Neumann, Kreisvorsitzender des Bund Wetterau. Überdies sei Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt worden. „Allerdings hat der keine aufschiebende Wirkung“, erklärt Neumann. Das bedeutet, die Erdarbeiten können nun jeder Zeit wieder aufgenommen werden. „In diesen Fall werden wir einen Eilantrag in Gießen stellen, damit Baggern keine Tatsachen schaffen“, heißt es vom Bund. Laut Neumann ruhen die Arbeiten auf der 27 Hektar großen Fläche an der A45 bei Wölfersheim-Berstadt noch.

Auf der Fläche zwischen A 45, B 455 und K 181 soll das Rewe-Zentrallager entstehen. (Karte: Google-Earth)

Neumann kritisiert, dass der Handelskonzern sich für einen möglichen Kompromiss nicht gesprächsbereit zeige, sondern lediglich stets behaupte „nachhaltig“ zu entwickeln. Wahrscheinlich hätte sich für Rewe auch ein anderer Standort auf Wölfersheimer Gemarkung ergeben können, mit weniger hochwertigen Böden, die vor Jahrzehnten zum Teil vom Tagebau aufgefüllt worden sein sollen.

Noch vor Jahren sei der Erhalt von Ackerflächen in der Gesellschaft kaum ein Thema gewesen. Mit dem Klimawandel und dem durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Zwang, die eigene Agrarproduktion zu stärken, sei das „Thema nun in den Köpfen der Menschen angekommen“. Das Rewe-Lager wird zum überwiegenden Teil auf Ackerboden der höchsten Güteklasse erstellt. Boden, der zudem ein guter Wasserspeicher ist und somit bei zunehmenden Dürreperioden für ausreichende Erträge sorgt, so Andrea Rahn-Farr, Vorsitzende des Regionalbauernverband Wetterau-Frankfurt, in einem früheren Gespräch. Der Verband gehört neben den beiden Kirchen sowie den Umwelt- und Naturschutzorganisationen dem Aktionsbündnis an, das sich wegen des Rewe-Lagers gründete.

Bund will weiteren Baustopp erzwingen

Gegebenenfalls einen weiteren Baustopp zu erzwingen, hält Neumann auch mit Blick auf den 8. November für nötig. An dem Tag geht es vor dem Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig um das Zielabweichungsverfahren des Regionalverbandes. Auf Forderung der Gemeinde Wölfersheim wurde der Regionalplan geändert, damit Rewe an besagter Stelle bauen kann. Das Gelände war jedoch bislang als Vorrangfläche Landwirtschaft ausgewiesen. Der BVerwG soll nun prüfen, ob die Interessen der Rewe höher zu bewerten sind als der Flächenstatus. „Wir haben aktuell vermehrt Zielabweichungsverfahren am Laufen, weil immer mehr Landschafts- und Agrarflächen zum Baugebiete umwidmet werden, etwa 490 Hektar für das „Ostfeld“ bei Wiesbaden, sagt Neumann.

Wie die Presseabteilung der Rewe Mitte berichtet, soll nun mit dem „Oberbodenabtrag“, begonnen werden. Man wolle auf dem geplanten Baufeld das „vorhandene wertvolle Bodenmaterial schonend umlagern und zur späteren Überdeckung von ehemaligen Rekultivierungsflächen“ bereitstellen. Die Planierung des Areals werde voraussichtlich ein halbes Jahr dauern, bevor das Fundament aus Betonpfählen erstellt werden könne. Das bis zu 110 000 Quadratmeter große Gebäude soll Binnen zwei Jahren fertiggestellt sein.

Was genau an der A45 entstehen wird, darüber äußert sich Rewe mit zunehmender Kritik an dem Vorhaben zurückhaltender. Eine offizielle, bebilderte Darstellung der Architektur gibt es bis heute nicht. Laut früheren Angaben der Rewe soll der Bau 625 Meter lang und 175 Meter breit werden. Die Höhe könne bis zu 36 Meter betragen. Mehr als 550 Filialen im Umkreis sollen einmal von dort täglich beliefert werden. Das Verkehrsaufkommen wurde mit rund 3500 Fahrzeugbewegung (davon 1500 Lkws) am Tag bei einem 24-Stunden-Betrieb angegeben. Rund 550 neue Jobs sollen in der Gemeinde entstehen. Das ist für Bürgermeister Eike See (SPD) das schlagende Argument, Rewe auf jeden Fall anzusiedeln. Allerdings hat die Angelegenheit einen Haken. Wirklich neue Arbeitsplätze in der Region gibt es vermutlich nur wenige, denn die beiden Rewe-Lager in den Nachbarkommunen Hungen und Rosbach werden mit der Eröffnung in Wölfersheim geschlossen. Das neue Lager soll zudem einen höheren Automatisierungsgrad erhalten.

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