Denkmalpreise

Gebäude mit großer Sorgfalt umgestaltet

Der Magistrat der Universitätsstadt Gießen hat den Denkmalpreis 2022 verliehen. Ausgezeichnet wurden Preisträger aus drei Kategorien: ein Fachwerkwohnhaus, ein Klinikgebäude und ein Post- und Fernmeldegebäude.

Mit dem Preis werden seit 2018 Denkmaleigentümer in der Stadt Gießen ausgezeichnet, die in vorbildlicher Weise und mit großem ideellem und finanziellem Aufwand Kulturdenkmäler erhalten und pflegen, erläutert die Pressestelle der Stadt Gießen.

Bronzeplaketten wurden übergeben

Eine Jury aus Mitgliedern des Denkmalbeirats, Mitarbeitern der Unteren Denkmalschutzbehörde Gießen und des Landesamt für Denkmalpflege Hessen, besetzt mit Fachleuten aus den Bereichen Kunstgeschichte, Architektur und Denkmalpflege, hat nach denkmalfachlichen Gesichtspunkten entschieden. Der Preis besteht aus einer Bronzeplakette, die am Kulturdenkmal angebracht wird. Ein Geldpreis ist mit der Auszeichnung nicht verbunden.

Wie Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher ibetonte, haben alle Preisträger in enger Abstimmung mit der städtischen Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen die historische Bausubstanz nach Vernachlässigung oder späteren, die Substanz nicht respektierenden Veränderungen wieder freigelegt und denkmalgerecht saniert. Sie haben in ihrem jeweiligen Bereich Vorbildcharakter für andere Bauträger oder Eigentümer von historischen Gebäuden.

Fachwerkgebäude vorbildlich renoviert

In der Kategorie Fachwerkwohnhaus wird Christine Piotrowski mit dem Denkmalpreis 2022 ausgezeichnet. Das traufständige Fachwerkhaus aus dem 18. Jh. liegt prominent in unmittelbarer Nähe zum Torturm, der sog. Wiesecker Poart (=Pforte), die früher die einzige Einfahrt in den Ort Wieseck war. Die Eigentümerin ließ das Wohnhaus aus Familienbesitz grundlegend sanieren, dessen Denkmalbestand durch langjährige Vermietung und viele Umbauten und Veränderungen gefährdet war.

Unter größtmöglicher Erhaltung der Originalsubstanz wurde das ursprünglich auf Sicht angelegte Fachwerk fachgerecht freigelegt und nach restauratorischer Untersuchung farblich neu gefasst. Die nachträglich eingebauten, viel zu großen ungegliederten Fenster wurden wieder auf das ursprüngliche Maß reduziert und als Sprossenfenster ausgeführt, die Haustür denkmalgerecht aus Holz neu gefertigt, so dass sich heute ein harmonisches Gesamtbild ergibt. Auch die Sanierung der Innenräume erforderte viel Maßarbeit und individuelle Lösungen.

Heilstätte Seltersberg neu gestaltet

Die Heilstätte Seltersberg für Tuberkulose der oberen Luftwege wurde 1928-30 im Auftrag des Hessischen Landesverband zur Bekämpfung der Tuberkulose in exponierter Lage auf dem Seltersberg nach Plänen des Gießener Baurats Hans Meyer erbaut. Nach jahrzehntelanger Nutzung und leider auch unsachgemäßen früheren Sanierungen wurde das Gebäude 2018-21 vom Architekturbüro HDR Germany und dem Geschäftsbereich Bau und Technik des UKGM denkmalgerecht generalsaniert und zum Fachärztezentrum umgebaut.
Die prägenden Fenster wurden nach historischem Vorbild detailgetreu nachgebaut und die wenigen aus der Bauzeit erhaltenen sorgfältig restauriert.

Auch wenn der originale Kratzputz aufgrund eines ungeeigneten früheren Farbauftrags abgenommen und erneuert werden musste, so konnten durch restauratorische Untersuchungen die Farbgestaltung originalgetreu wiederhergestellt und das gestaltprägende Betonwerksteindekor und die architektonischen Zierelemente herausgearbeitet werden. Prägend für das Klinikgebäude sind zudem die bauzeitlichen, expressiv gestalteten Einzelbalkone auf der Nordseite, die erhalten werden konnten, sowie die filigranen Südbalkone vor den ehemaligen Krankenzimmern für die Licht-, Luft- und Sonnenbäder, denen ehemals eine wesentliche Rolle im Heilprozess zukam. Diese wurden detailgetreu nachgebaut und erhielten eine kaum wahrnehmbare Erhöhung und einen innenseitigen Überkletterschutz, um heutigen Sicherheitsansprüchen nachzukommen.

Denkmalgerechte Sanierung

Hervorzuheben ist auch der Nachbau der Haupteingangstür nach bauzeitlicher Vorlage und aller weiterer Nebeneingangstüren. Beeindruckend ist die Eingangshalle im Erdgeschoss mit dem repräsentativen offenen Treppenhaus und dem Bodenbelag und den Wandverkleidungen aus Lahnmarmor, die aus einem Restblock des heute nicht mehr abgebauten Steinmaterials vorbildlich ergänzt wurden. Durch die Entfernung der unpassenden Beläge auf den Treppenstufen und dem Einbau von dezenten Sicherheitsverglasungen anstatt der früheren Einhausungen der Treppenläufe kann die fein gestaltete steinsichtige Treppenanlage nun wieder zur Geltung kommen.

Die denkmalgerechte Sanierung durch das Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH hat einen wertvollen Beitrag zum Erhalt eines wichtigen stadt- und sozialgeschichtlichen Bauzeugnis der 1920er Jahre geleistet, von dem zudem eine vorbildliche Außen- und Signalwirkung für weitere Sanierungen auf dem Klinikgelände ausgeht.

Alte Post und ehemaliges Telegraphenamt umgestaltet

Die Alte Post und das ehemalige Telegraphenamt in der Bahnhofstraße 91 wurden in der Kategorie Post- und Fernmeldegebäude ausgezeichnet. Das neugotische, ursprünglich aus einem Mittelteil und zwei seitlichen Kopfbauten errichtete spätere Kaiserliche Postamt wurde 1862/63 von Fürst Maximilien Karl von Thurn und Taxis in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs Gießen erbaut. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Telegraphie- und Fernsprechvermittlung folgte 1899 nach Nordosten symmetrisch ein Erweiterungsbau in gleichartiger Architektur und Formensprache aus roten Sandsteinquadern, so dass ein langgestreckter Baukörper mit drei mächtigen Staffelgiebeln entstand. 1927-29 erbaute die Oberpostdirektion im Hinterhof des Postamts ein Fernmeldegebäude mit hohem Mansardwalmdach und farblich dekorativ gestalteter Putzfassade mit expressiv gestalteten Eingangsportalen.

Hauptfassade der Alten Post in Gießen nach der Sanierung (Fotoquelle: Laumann/Frank Schulte)

Diese Gebäude zählen zum wichtigsten Denkmalbestand der von Kriegszerstörungen stark gezeichneten Stadt Gießen. Mit großer Sorge wurde der zunehmende Verfall verfolgt, seitdem die Deutsche Bundespost als letzter Nutzer 1994 die Gebäude aufgab und 1998 verkaufte. Nach diversen Eigentümerwechseln entwickelte der Wettenberger Unternehmer Kai Laumann schließlich ein mutiges Revitalisierungskonzept. In enger Abstimmung mit der Denkmalpflege setzte er mit dem Büro Moos Planung GmbH eine bestandsorientierte und denkmalkonforme Neunutzung für Freizeitgastronomie, Wissenschaft, Gesundheit und Dienstleistungen um.

Die aufwendige Generalinstandsetzung erfolgte auf Grundlage einer genauen Bestands- und Schadenserfassung und eines restauratorisch-bauhistorischen Gutachtens.

Historisches Erscheinungsbild wieder hergestellt

Die fachgerechte, vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen finanziell geförderte Sanierung der prägnanten, durch Setzungen, Risse, Substanzverluste stark geschädigten Sandsteinfassade der Alten Post bildet sicher den offensichtlichsten und beeindruckendsten Beitrag für die Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbilds. Die behutsame Reinigung, Restaurierung und Neuverfugung sowie der Einbau passender Ersatzsteine aus einem lokalen Steinbruch bewahren die Spuren der Zeit – z.B. die Verschmutzungen durch die Dampflokomotiven des benachbarten Bahnhofs.

Neben der umfassenden, bestandserhaltenden Dachsanierung und Neueindeckung mit Schiefer wurden ca. 100 historische Fenster restauriert und nur sehr wenige ebenso wie die nicht erhaltenen Außentüren nach historischer Vorlage detailgetreu rekonstruiert. Trotz weitgehendem Verlust der historischen Innenausstattung durch frühere Eingriffe konnten z.B. die Deckenkonstruktionen, Klappläden, gusseiserne Stützen erhalten und wie die historischen Treppenhäuser nach bauzeitlichem Befund saniert werden.

Die Instandsetzung der gesprossten und mit aufwendiger Lüftungsmechanik ausgerüsteten ca. 100 bauzeitlichen Kastenfenster des ehemaligen Telegraphenamts stellte eine besondere Herausforderung dar. Die Sicherung und Restaurierung des historischen Dachstuhls, eine Schieferneueindeckung, der Erhalt der Mit Einfühlungsvermögen in die alte Bausubstanz, Engagement und einer Aufgeschlossenheit gegenüber den denkmalfachlichen Empfehlungen hat Herr Laumann nicht nur einen sehr wertvollen Beitrag zum Erhalt und Rettung zweier bedeutender Bauwerke und wichtigen Zeugnisse der Technik- und Stadtgeschichte geleistet, sondern auch einen attraktiven Anziehungspunkt am Bahnhofsvorplatz geschaffen.

Die Sanierungsmaßnahme erzielt zudem eine vorbildliche Außen- und Signalwirkung. Originalputzfassade und Neufassung nach bauzeitlichem Befund belegen die denkmalgerechte Sanierung. Hervorzuheben ist zudem die den ursprünglichen Raumcharakter erhaltende Umnutzung der imposanten, zwei Stockwerke hohen Fernmeldezentrale zu einem Veranstaltungs- und Medienzentrum.

Titelbild: Die Preisträger des Denkmalpreis 2022: Von links nach rechts: OB Frank-Tilo Becher, Kai Laumann (Preisträger Alte Post), Raphael Kückmann (Jury Denkmalbeirat), Christine Hink-Kneip (Preisträgerin UKGM), Klaus Leithäuser (Jury Denkmalbeirat), Christine Piotrowski (Preisträgerin Alten-Busecker Str. 1), Prof. Nikolaus Zieske (Jury Denkmalbeirat), Daniel Hörr (Preisträger UKGM), Dr. Gunther Weiss (Preisträger UKGM). (Foto: Stadt Gießen).

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