Reichelsheim

Wir sind Bürgermeisterin

von Jutta Himmighofen-Strack

Sie ist dort angekommen, wo sie seit frühester Jugend hinwollte – auf den Stuhl des Bürgermeisteramtes ihres Heimatortes: Lena Herget-Umsonst ist die erste Frau an der Spitze der Reichelsheimer Stadtverwaltung und seit drei Wochen im Amt. Die Sozialdemokratin ist mit 32 Jahren die jüngste Bügermeisterin in Hessen. Fast zehn Jahre lang hat sich die studierte Politologin und Soziologin in politischen und gesellschaftlichen Gremien in ihrer Geburtsstadt und im Wetteraukreis engagiert, jetzt hat sie auf Anhieb bei der Bürgermeisterwahl das Vertrauen der Reichelsheimerinnen und Reichelsheimer gewonnen. Wie sie das erlebt hat, welche Projekte für sie Priorität haben, wie Corona sie ausbremst und wie sie Berufstätigkeit und Familie miteinander vereinbaren will, erzählt sie im Landbote-Interview.

Landbote: Angekommen?

Herget-Umsonst: Ja, das kann ich aus vollem Herzen sagen. Es war mein Wunsch, mein Plan und er ist in Erfüllung gegangen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Auch wenn Sie wegen der Coronapandemie auf die üblichen Feierlichkeiten bei der Amtseinführung verzichten mussten?

Natürlich hatte ich mir das anders vorgestellt. Doch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Rathaus haben mir einen so herzlichen Empfang, natürlich mit dem gebotenen Abstand, bereitet, dass ich persönlich damit ganz gut leben kann. Was mich aber wirklich schmerzt, ist die Tatsache, dass ich kein großes Dankes-Fest mit meinen Wahlhelfern und mit allen anderen Unterstützerinnen feiern konnte. Da fehlt etwas, was man so auch nicht nachholen kann.

Mit 32 Jahren liegen Sie knapp ein Jahr über dem jüngsten Bürgermeister in Hessen Julian Schweitzer aus Bad Endbach…

Ehrlich gesagt, kann ich es nicht mehr hören. Fast alle Journalisten sprechen mich darauf an. Als ob das Alter wirklich ein so entscheidendes Kriterium ist. Ich jedenfalls sehe das nicht so. Und wie Sie sicher wissen, habe ich meinen ersten Tag hier mit einem akuten Bandscheibenvorfall begonnen. Ist ja auch nicht unbedingt typisch für einen jungen Menschen (lacht). Aber ernsthaft. Ich möchte Bürgermeisterin für alle Reichelsheimerinnen und Reichelsheimer sein, nicht nur für meine Altersgruppe. Meine Mitarbeiter haben das auch gleich verstanden. Auf der Glückwunschkarte stand „Wir sind Bürgermeisterin“.

aber macht es nicht doch einen Unterschied?

Ich denke, dass es mehr mit der Persönlichkeit zu tun hat. Es ist jedoch sicher ein Stück weit meinem Alter geschuldet, dass wir sehr viele junge Menschen für den Wahlkampf gewinnen konnten. Auch solche, die bis dahin sich eher wenig für kommunalpolitische Fragen interessiert haben. Und natürlich will ich daran anknüpfen.

Sie sind seit drei Wochen im Amt und erleben aufgrund der Pandemie einen Einstieg, wie nie zuvor ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin? Bremst Sie das aus?

Ausbremsen würde ich nicht sagen. Aber natürlich geht jetzt vieles nicht. Ich kann keine Antrittsbesuche bei den Vereinen, Unternehmen und Institutionen machen. Da fehlt einfach der direkte Austausch. Und natürlich muss ich mich, wie alle meine Amtskollegen, zurzeit sehr zeitintensiv mit dem Thema Corona beschäftigen. Klären, was geht, was nicht geht und wie wir unsere Abläufe ändern müssen und so weiter.

Sie sind selbst Mutter eines Kita-Kindes. Gibt es da nicht einen Spagat zwischen Vorbild sein und selbst an seine Grenzen kommen?

Natürlich. Sehen Sie, als Bürgermeisterin muss ich die Eltern dazu aufrufen, nach Möglichkeit ihre Kinder zuhause zu betreuen. Das gilt natürlich auch für mich. Bis Ende des Monates kann ich das mit der Unterstützung meiner Mutter tun. Wie es dann weitergehen soll, weiß ich auch noch nicht. Meine Mutter ist selbst berufstätig im familiären Betrieb und unterstützt ihre Eltern und Schwiegereltern, wo sie kann. Das ist für diese Generation gerade eine besondere Herausforderung.

Nicht nur in Corona-Zeiten…

Nein. Dieses Thema hatten wir schon bei der letzten Amtsleitersitzung auf der Agenda. Wie wir betroffene Mitarbeiter hier mit neuen Arbeitszeitmodellen unterstützen können. Zurzeit gibt es hier bei uns im Rathaus noch keinen signifikanten Bedarf. Und ich halte nichts davon etwas zu verändern, was bisher noch gut funktioniert. Aber sobald sich die Situation verändert und der Bedarf da ist, werden wir den betroffenen Mitarbeitern auch Möglichkeiten anbieten.

Kommen wir mal zu den von Ihnen angestrebten Projekten. Was steht ganz oben auf der Agenda?

Das Thema Verkehr. Mit allem was da dran hängt. Also Verkehrssicherheit, Schulwege, Barrierefreiheit. Dazu brauchen wir jedoch zunächst eine Bestandsaufnahme der gesamten Stadt, also einschließlich der Ortsteile. Der nächste Schritt ist dann eine fachliche Expertise eines externen Büros, die wir mit der Polizei und Hessen Mobil abstimmen werden. Aber auch hier zwingt uns die Pandemie zu einer anderen Vorgehensweise. Normalerweise würde ich jetzt in die Stadtteile gehen und die Gespräche mit den Einwohnern suchen. Jetzt müssen wir die Bürgerbeteiligung zu einem späteren Zeitpunkt einbinden. Das habe ich mir so nicht gewünscht, aber wir können jetzt auch nicht alle Projekte stoppen.

An der Verkehrssicherheit kann man auch gut aufzeigen, wie gerade in so einer kleinen Stadt wie Reichelsheim alles miteinander zusammenhängt. Seit längerer Zeit ist unser Bürgerhaus geschlossen. Damit haben die Vereine überhaupt keine Möglichkeit ihre Vereinsleben auszuüben. Selbst wenn dies gelöst werden kann, nutzt das alles nichts, wenn die Wege dorthin beschwerlich oder gefährlich sind. Das gleiche gilt für den Bereich Innenstadtentwicklung. Wenn wir Bauherrn dafür gewinnen wollen, dass sie alte Hofreiten zu neuer Nutzung ausbauen, braucht es auch ein gutes Verkehrskonzept. Deshalb hat die Verkehrssicherheit so einen hohen Stellenwert für mich, weil sie einfach die Grundlage für viele weitere Projekte ist. Und nicht zu vergessen. Es ist den Bürgern hier sehr wichtig. Bei fast allen Hausbesuchen in meinem Wahlkampf war das Thema.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung der Vereine und das damit verbundenen Ehrenamt. Warum ist das für Sie so bedeutend?

Ganz einfach: Weil wir ohne diese vielen Ehrenamtlichen unseren Aufgaben nicht gerecht werden. Sie sind der Kitt der Gesellschaft. Sie machen Reichelsheim lebenswert. Ich sage Ihnen ein jüngstes Beispiel. Vor einigen Tagen haben wir eine Pressemitteilung rausgegeben, in der wir den Einsatz eines Impftaxis angekündigt haben und nach freiwilligen Fahrern gesucht haben. Kurz nach Erscheinen der Mitteilung hatten wir schon unsere freiwilligen Impftaxifahrer. Es ist mir wichtig, im Bereich der Vereine zukünftig noch mehr zu unterstützen und ihnen vor allem Wertschätzung zu zeigen.

In ihrem Wahlflyer versprechen Sie auch ein bürgernahes und kompetentes Rathaus. Haben Sie auch hier konkrete Pläne?

Ein Beispiel: Wir sind als kleines Rathaus natürlich nicht so aufgestellt, dass unsere Bauabteilung auch noch Beratertätigkeiten übernehmen können. Deshalb stelle ich mir einen sogenannten Lotsen vor, der hilft bei der Vielzahl von Anträgen, Fördermöglichkeiten oder Zuständigkeiten. Ob das jetzt ein von uns beauftragtes externes Büro ist oder wir auf bereits existierende Möglichkeiten bzw. Berater*innen, zum Beispiel von der Landesregierung, zurückgreifen, wird sich zeigen. Wir sehen uns hier in erster Linie in der Rolle der Vermittler. Hinzukommt die Ausweitung meiner Sprechstunde und ein neue gelebte Kommunikation nach außen.

Letzte Frage, Frau Herget-Umsonst: Welchen Wunsch haben sie für sich persönlich?

Ganz klar: Ich möchte meinen Job hier so gut machen, dass ich Dienstälteste Bürgermeisterin in Hessen werde. (lacht). Ich finde, dieses Amt kann nicht langweilig werden, jedenfalls nicht in meinem Heimatort.

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