Regionalentwicklung

Lebensraum Dorf in Oberhessen

Von Corinna Willführblick-in-den-saal

In vielen Dörfern der Region Wetterau/Oberhessen gibt es keinen Metzger, keinen Bäcker mehr und auch keine Dorfkneipe fehlt. Vielerorts stehen Hofreiten und Fachwerkgebäude mitten im Ort leer. Wie dem Struktur- und dem demographischen Wandel im ländlichen Raum und den Anforderungen durch die Globalisierung und Digitalisierung begegnet werden kann, ist seit 2015 Thema im Arbeitskreis Dorfentwicklung im Leader-Region des europäischen Leader-Förderprogramms. In „Elf Leitthesen zum Lebensraum Dorf“ haben die dort wirkenden Akteure Ideen und Projekte für eine positive Zukunftssicht formuliert.

Elf Leitthesen vorgestellt

Niddas Bürgermeister Hans-Peter Seum war beeindruckt. Rund 150 Interessierte waren der Einladung der Wirtschaftsförderung Wetterau zum ersten Regionalforum der Leader-Region Wetterau/Oberhessen in den Kursaal nach Bad Salzhausen gefolgt. Thema des Abends: „Elf Leitthesen für den Lebensraum Dorf“, entwickelt vom Arbeitskreis Dorfentwicklung im Rahmen des europäischen Leader-Förderprogramms Wetterau/Oberhessen 2014 bis 2020. Präsentiert wurden diese von Akteuren aus dem Arbeitskreis. Ihr gemeinsames Ziel: den Dörfern eine stärkere Stimme zu verleihen, die Identifikation mit dem ländlichen Raum zu stärken und weiterzuentwickeln, damit auch kleine Kommunen als Wohn-, Arbeits- und Lebensraum für Jung und Alt attraktiv bleiben.

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Blick in den vollbesetzten Kursaal beim Forum zur Leader-Regionalentwicklung 2014-2020 Wetterau/Oberhessen in Bad Salzhausen. (Fotos: Willführ)

Dass Kommunen, insbesondere im ländlichen Raum vor großen Herausforderungen für ihre Zukunft stehen, ist unbestritten. Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau, nannte diese: den Funktionsverlust durch den Abbau von Infrastruktur, einen zunehmenden Leerstand in den Dorfkernen, den demografischen Wandel, die wachsenden Anforderungen durch die Globalisierung und Industrialisierung auf dem Arbeitsmarkt und gestiegene Ansprüche in den Bereichen Mobilität und Energie. Vor diesen die Augen zu verschließen, könne keine Lösung sein. Domes: „Die Stunde der Wahrheit ist gekommen.“ Nur gemeinsam ließen sich diese Aufgaben lösen, in einem Miteinander von Bürgern, Politik und Wirtschaft. Um in der Region Arbeitsplätze zu sichern, die Naherholungsfunktion zu erhalten und für alle Menschen eine lebens- und liebenswerte Heimat zu erhalten. Dafür, so Jürgen Pfeiffer vom Regionalausschuss der IHK Gießen-Friedberg, braucht es Initiatoren, die vermitteln können, dass auf dem Land leben „mehr bedeutet, als frische Luft“ genießen zu können. Sondern, die es vermögen, „Herz und Seele des ländlichen Raums zu stärken“ – nicht zuletzt auch als Ansiedlungs- und Beschäftigungsraum für kleine und mittlere Betriebe.“

Katalog mit Ideen

„Als der Arbeitskreis Lebensraum Dorf am 17. September 2015 seine Arbeit aufnahm, war da zunächst ein riesiger Brainstorming-Katalog mit Ideen“, so Ottfried Herling, Bauamtsleiter der Stadt Butzbach und Sprecher des Arbeitskreises. Eine Ideensammlung, aus der die Vertreter von Kommunen, Vereinen, Initiativen und Organisationen bei den Treffen, aber auch in vielen Gesprächen und einen kontinuierlichen Austausch „Elf Leitthesen für den Lebensraum Dorf“ entwickelten. Stellvertretend für die vielen an diesem Prozess beteiligten Ehrenamtlichen stellten jetzt elf AK-Mitglieder sich und diese vor, verbunden mit einem Einblick in die Motivation für ihr Engagement in der Leader-Regionalentwicklung. Die Moderation hatte Klaus Karger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau.
Kurz und eindringlich zeigte Henrike Strauch, Büdingens Erste Stadträtin, zur Leitthese 1 „Unsere Dörfer – unser Zuhause“, dar, wieso sie nach ihrer Tätigkeit bei der Stadt Frankfurt Mitte der 90er Jahre wieder in die Wetterau zurückkehrte. „Wenn ich von der A 45 abgefahren bin und habe die Landschaft gesehen, hatte ich das Gefühl, hier ist meine Heimat, hier bin ich zuhause.“ Ein Gefühl, dass sie bis heute bewegt, sich politisch zu engagieren, und sich „für die Entwicklung unserer Orte einzusetzen, so dass sie auch in Zukunft liebens- und lebenswert bleiben“ (Auszug aus Leitthese).
Für „unsere Städte und Gemeinden als attraktive Orte für alle Generationen“ warb Oskar Klöppel, pensionierter Grundschullehrer aus Glauberg. Als „Botschafter der Region“ und Gästeführer in der Keltenwelt am Glauberg ist Klöppel mit 78 Jahren noch heute aktiv. „Das Miteinander der Generationen war früher selbstverständlich. Heute ist es nicht mehr ganz so einfach.“ Darum das in Leitthese 2 „Raum für Jung bis Alt“ formulierte Ziel „Wir setzen gezielt darauf, dass Miteinander der Generationen zu fördern.“
Wie wichtig es dabei ist, ein Augenmerk darauf zu halten, dass in den Dörfern Kindertagesstätten und Grundschulen erhalten werden, zeigte Katja Sang vom Netzwerk Kleine Schulen auf. Die Bildungseinrichtungen für die Jüngsten seien auch „Träger des öffentlichen Lebens“ und ein wichtiger Standortfaktor für die Ansiedlung von Familien.
Und es ging noch um vieles mehr: die Willkommenskultur für Neubürger, den Erhalt von Treffpunkten, die Ortsinnenentwicklung, die Bürgerbeteiligung an Entscheidungsprozessen.

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Ottfried Herling, Sprecher des Arbeitskreises und Leiter des Modellprojekts „Innovative Kommunen“ (Nidda, Ortenberg, Butzbach) beim Vorstellen von „Eigenständig, aber nicht allein“.

Allen Leitthesen gemeinsam ist, dass sie aus dem Erkennen der anstehenden Probleme Wege für eine Neuorientierung aufzeigen: mit konkreten Projekten wie in Nidda, Ortenberg und Butzbach, die in das Bundesforschungsprojekt „Innovative Kommunen“ aufgenommen wurden. Aber auch durch vorbildgebende Initiativen wie dem multifunktionalen und offenen Kommunikationsort der Neuen Mitte in Nidda-Wallernhausen oder der Idee einer „Virtuellen Dorfakademie“.
Viele Ansätze gibt es bereits. Wie wichtig es ist, diese zu bündeln, zu vernetzen, auch interkommunal zu kooperieren, fasst Leitthese 11 zusammen: „Um die vielfältigen Herausforderungen auf Ebene der Dörfer und Gemeinden angehen zu können, müssen wir in unseren Dörfern eigenständig tätig werden und ebenso mit unseren Nachbarn intra- und interkommunal zusammenarbeiten.“ Oder wie es Ulrike Pfeiffer-Pantring, Ortenbergs Bürgermeisterin, formulierte: „Wo Entwicklung stattfindet, kann sich auch was erneuern.“
Den Willen dazu bekundeten neben Carsten Krätschmer, Bürgermeister von Glauburg und Leiter des LEADER-Beirats, seiner Stellvertreterin Sabine Bertram-Schäfer, Dekanin des Dekanats Büdinger Land, auch die Akteure des Abends und viele der Besucher mit ihrer Unterschrift unter die „Elf Leitthesen für den Lebensraum Dorf“. Sie alle sind Multiplikatoren, die die Ideen in ihre Nachbarschaft, in die kommunalen Gremien, in Vereine und Organisationen tragen. Mit positiven Signalen, dass es lohnenswert ist, sich für den „Lebensraum Dorf“ zu engagieren.

Die Leitthesen wurden vorgestellt von:
Leitthese 1: „Unsere Dörfer – unser Zuhause“: Henrike Strauch, Erste Stadträtin in Büdingen
Leitthese 2: „Raum für Jung bis Alt“: Oskar Klöppel, pensionierter Grundschullehrer und „Botschafter der Region“ aus Glauberg
Leitthese 3: „Willkommen in unseren Dörfern“ Manfred Schmidt, ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Nidda-Eichelsdorf tätig
Leitthese 4: „Wir leben gut zusammen“, Sabine Bertram-Schäfer, Dekanin für das Dekanat Büdinger Land
Leitthese 5: „Einmischen und Mitmachen erwünscht“, Carsten Kretschmer, Bürgermeister der Gemeinde Glauburg, Vorsitzender des LEADER-Beirats
Leitthese 6: „Vorfahrt für Ortsinnenentwicklung“, Caroline Seibert, Institut für Regionalentwicklung, Gießen, und Ulrike Pfeiffer-Pantring, Bürgermeisterin von Ortenberg
Leitthese 7: „Unsere Kleinen lernen vor Ort“, Katja Sang vom Netzwerk Kleine Grundschulen Wetteraukreis
Leitthese 8: „Bei uns trifft man sich“, Wolfgang Clotz, Ortsvorsteher Nidda-Wallernhausen
Leitthese 9: „Bei uns ist was los“, Uwe Müller, Vorsitzender des Freundeskreises Burg und Stadt Münzenberg
Leitthese 10: „Einkaufen um die Ecke“, Birgit Kartmann vom Bezirkslandfrauenverein Geiß-Nidda
Leitthese 11: „Eigenständig, aber nicht allein“, Ottfried Herling, Sprecher des Arbeitskreises „Lebensraum Dorf“

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